Reparatur ohne Diagnosegerät?
Für immer mehr Servicearbeiten und Reparaturen benötigt die Werkstatt ein Diagnosegerät – doch welches ist das Richtige? Muss es stets eine Diagnosestation sein, oder genügt oftmals ein handlicher „Taschentester“?
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Das waren noch Zeiten: Bremsbeläge wechselte der Mechaniker, indem er sie mit einem Hammer aus dem Schacht des Festsattels einfach herausklopfte, einen neuen Reifen konnte jeder Dorfschmied montieren und einen Fomoco-Vergaser drückte man zusammen mit einem Überholsatz dem Lehrling im zweiten Lehrjahr in die Hand.
Doch alles Jammern hilft nichts: Unsere Fahrzeuge sind im Zeitalter der Elektronik angekommen und mit ihnen auch die Kfz-Betriebe dieser Welt. Selbst zahlreiche einfache Arbeiten, wie ein Bremsflüssigkeitswechsel an einem Mercedes-SBC-System, die Montage eines Reifens mit Drucküberwachung oder das Lichteinstellen von Xenonscheinwerfern können Werkstätten ohne die Hilfe elektronischer Werkzeuge nicht durchführen. 2005 entfielen laut einer Studie des VDA durchschnittlich 25 bis 30 Prozent der Herstellungskosten eines Fahrzeugs auf die Elektronik. 2010 wird dieser Anteil auf bis zu 40 Prozent anwachsen – die Menge an Elektronik pro Fahrzeug steigt.
Computer auf Rädern
Hinzu kommt, dass elektronische Komponenten in der Herstellung immer billiger werden und das Komfort- und Sicherheitsverlangen der Autofahrer steigen Die Folge: Selbst Fahrzeuge der Kleinwagen- und Nfz-Sparte sind heute vollgestopft mit Elektronik – mittlerweile verfügt jeder einfache Baustellen-VW-Bus über elektrische Fensterheber nebst dazugehörigem Türsteuergerät.
In vielen größeren Werkstätten ist bereits jetzt die eine vorhandene Diagnosestation häufig rund um die Uhr im Einsatz. Dabei sollte sie ihr Geld nicht mit dem Zurückstellen von Service-Intervallen, sondern mit gewinnbringenden Diagnosearbeiten verdienen. Das heißt, für einfache Diagnosearbeiten ist sie überdimensioniert und zu teuer.
Zusammengefasst: Kleinstbetriebe benötigen jetzt bzw. in absehbarer Zeit zwingend ein Diagnosegerät und die Mehrheit der Werkstätten kommt an einem zweiten oder gar dritten Diagnosetester nicht vorbei, möchten sie anfallende Arbeiten fachgerecht und vor allem wirtschaftlich erledigen können.
Doch hier stellt sich die Frage: Braucht es eine weitere, ausgewachsene Diagnosestation für 15 000 Euro oder genügt ein günstigeres Taschengerät, ein so genanntes „Handheld“, wie rechts im Kasten „Mehr zum Thema“ zu sehen?
Nachdem auch die Leistungsfähigkeit der Elektronik in den Geräten analog zu der in unseren Fahrzeugen wächst, stehen die kleinen Handtester mittlerweile den großen Stationen in zahlreichen Diagnosefunktionen kaum noch nach.
Doch welches Gerät nehmen? Ein Vergleich der Geräte untereinander ist meist schwierig, denn die Grenzen sind fließend. Jeder Hersteller versieht sein(e) Gerät(e) mit unterschiedlichen Fähigkeiten.
Mit den modernen Taschengeräten lässt sich eine große Anzahl von Fahrzeugmarken und -modellen diagnostizieren. Worin sich die Tester jedoch unterscheiden, ist die so genannte Diagnosebreite und -tiefe: Wie viele Steuergeräte kann der Mechaniker auslesen und mit wie vielen Funktionen der einzelnen Steuergeräte kann er arbeiten? So können Werkstätten mit den einfachen Testern wie z. B. dem Gutmann Macs 40, dem Sun Ethos oder dem Tecno Reset 4120 lediglich geringfügige Diagnosearbeiten ausführen wie Fehlerspeicher auslesen bzw. löschen, Ist-Werte darstellen sowie einige wenige andere Arbeiten.
Die in der Übersicht enthaltenen Tester unterscheiden sich von den großen Diagnosetestern und -stationen des gleichen Herstellers im Hinblick auf die Diagnoseleistung oft nur wenig.
Eine Frage des Systems
Was den Taschengeräten meist fehlt, ist eine Messtechnik (Multimeter und Oszilloskop) oder erweiterte Funktionen wie eine AU-Steuerung. Eine Ausnahme bildet der Gutmann Mega Macs 50 – er besitzt ein Multimeter. Einige Geräte wie die Modelle von AVL, Texa, Tecno und V-Tech lassen sich z. B. um ein Oszilloskop erweitern.
Bedingt durch ihre Größe haben sie einen kleineren Bildschirm, der bei langwierigen Diagnosearbeiten die Augen des Nutzers strapazieren kann. Dies trifft speziell auf die PDA-basierenden Tester von WOW, Delphi und Fischer zu. Bei dem Multiscan von V-Tech haben Werkstätten dagegen die Möglichkeit, den Tester als Auslesemodul zu betreiben und ihn mittels eines zusätzlichen PCs oder Laptops zu bedienen.
Betriebe müssen sich generell zwischen zwei Diagnosegerätearten entscheiden: Entweder ein eigenständiger Tester mit robustem Gehäuse und großen Tasten sowie integrierten OBD-Aulesemodul oder ein auf Werkstatttauglichkeit getrimmter Taschen-PC – kurz PDA – mit separatem Auslesemodul.
Die Qual der Wahl
Beide Diagnosegeräte-Typen haben also ihre Vor- und Nachteile. Für die PDA-Variante spricht vor allem die Handlichkeit – er passt in jeden Meisterkittel – und bei den hier vorgestellten Geräten erfolgt die Datenübermittlung aus dem Fahrzeug kabellos via Bluetooth-Modul. Sie sind jedoch eher für den Fahrzeugannahmebereich, die schnelle Gebrauchtwagenprüfung bzw. geübte Diagnosehände geeignet. Grobschlächtige Schlosser werden an diesen Geräten weniger Gefallen finden. Sie sollten besser zu den eigenständigen Diagnosetestern greifen, die fast alle mit robusten Gummi- bzw. Folientasten ausgestattet sind und darüber hinaus über einen effektiven Spritz- und Stoßschutz verfügen. Deren Bedienung über besagte Knöpfe und Tasten ist für den oben beschriebenen Nutzerkreis treffsicherer als über die filigrane Stift- oder Fingerbedienung mittels Touchscreen der PDA/PC-Tester.
Mögliche Alternative
Eine weitere Alternative stellt das Dixdrive Pocket von AVL dar. Es basiert auf einem größeren Tablet-PC mit separatem Auslesemodul. Sein Vorteil: Ein großes und übersichtliches 8,4“ Display. Außerdem nutzt das Dixdrive als einziges Gerät das Betriebssystem Windows XP. Somit hat der Nutzer die Möglichkeit, zahlreiche weitere Programme auf dem Diagnosewerkzeug zu betreiben, außerdem kann er damit eine AU-Station steuern.
Ein weiterer Aspekt, den Werkstätten beachten sollten, ist die Handhabung der notwendigen Betriebssoftware bzw. deren Updates. Kann der Betrieb die Software nur im Abo erwerben, was eine langfristige Bindung an den Hersteller bedeutet, zumal wenn das Gerät bei nicht erfolgtem Update den Dienst quittiert, oder kann er sie kaufen? Einige Hersteller wie Bosch, Gutmann und Delphi bieten unterschiedliche Softwarepakete an: Wer nur wenige Gerätefunktionen benötigt, zahlt hier entsprechend weniger.
Eines ist allerdings klar: der Traum vom Diagnose-Alleskönner wird auch weiterhin ein Traum bleiben.
Praxis-Erfahrungen
Das heißt, trotz Beteuerungen mancher Gerätehersteller gibt es de facto kein Diagnosegerät, das Kfz-Betriebe für alle Fahrzeuge aller Hersteller verwenden können – eine Abdeckrate von 80 Prozent gilt hier als realistisch. Die Praxiserfahrung vieler Betriebe, die sich bei Diagnoseproblemen gegenseitig helfen, zeigt: In das Steuergerät, in das der eine Tester nicht „hineinkommt“, kommt der andere Tester und umgekehrt. Deshalb sollten die Werkstätten, die bereits einen Diagnosetester eines Herstellers besitzen, es vorziehen, bei einer Neuanschaffung die Marke zu wechseln. Dies erleichtert dem Fachmann oftmals die Diagnosearbeit, da sich die Geräte somit gegenseitig ergänzen können.
Doch die Gerätetechnik ist nur das eine von zwei Diagnosestandbeinen. Denn zahlreiche Reparaturprobleme kann auch ein erfahrener Servicetechniker oft nur mit Unterstützung von Spezialisten lösen. Zahlreiche Gerätehersteller unterstützen ihre Kunden mit Telefon- und E-Mail-Hotlines. Gerade hierauf sollten potenzielle Diagnosekäufer achten: Was kostet dieser Service, welche Leistungen werden geboten und gibt es spezielle Diagnose-Schulungen? Nachfragen lohnt sich. Gerade Betriebe, bei denen der Handheld-Tester Erstgerät ist, sollten mögliche Serviceleistungen unbedingt berücksichtigen.
Deshalb sind auch die Preisangaben in der Geräteübersicht mit einer gewissen Vorsicht zu sehen. Der reine Kaufpreis ist außerdem verhandelbar.
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