Theorie ist immer grau

Redakteur: Steffen Dominsky

Die Ausbildungsprofis: Der Autohaus Holz & Haller aus Neu Ulm belegte in der Kategorie II den 3. Platz.

„Ihr Ansprechpartner Viktor Wilhelm“, steht auf der Titelseite der Bewerbungsunterlagen zum Bundesbildungspreis 2007. Noch ahnen die zwei Jury-Besucher nichts, als sie die Räume des BMW Autohauses Holz & Haller in Neu-Ulm betreten. Die junge Dame am Empfang fragen sie nach Herrn Wilhelm und rechnen damit, jeden Moment von einem erfahrenen Mitarbeiter des Hauses empfangen zu werden. Doch die Herren staunen nicht schlecht, als plötzlich ein „frisch gebackener Lehrling“ im ersten Lehrjahr vor ihnen steht. Er geleitet die Herren ins Besprechungszimmer und steht sogleich, zusammen mit seinem Chef, den Besuchern Rede und Antwort.

Dass ein Lehrling eine Bewerbung schreibt, wenn er zum Beispiel im Anschluss an seine Ausbildung eine Stelle sucht, ist nichts Außergewöhnliches. Wenn allerdings ein Lehrling bereits im ersten Lehrjahr die kompletten Bewerbungsunterlagen für einen Bundespreis erstellt, dann zeugt das davon, dass in diesem Betrieb Verantwortung nicht nur als hohle Phrase verstanden wird. Geschäftsführer Günther Haller lebt vor, worüber andere bestenfalls nur nachdenken. Er vermittelt den jungen Menschen nicht nur Wissen, sondern er lässt sie dieses Wissen auch umgehend in der Praxis anwenden, wie das Beispiel anschaulich zeigt.

Keine Qual der Wahl

Wichtig für das Unternehmen ist, die geeigneten Azubis für sich zu finden. Holz & Haller setzt dafür eigens erstellte Eignungstests ein. Stellt sich dabei heraus, dass es mehr geeignete Bewerber als vorgesehene Ausbildungsplätze gibt, so erhöht der Betrieb kurzerhand das hauseigene Ausbildungsangebot. „ Einen guten Bewerber einfach ziehen zu lassen, sehe ich als einen Verlust für unser Haus an“, beschreibt Günther Haller die flexible Handhabung des Lehrstellenangebots. Diese großzügige Praxis kann dann auch schon einmal außergewöhnliche Formen annehmen, wie der Mitgeschäftsführer erläutert. So stellte das Neu-Ulmer Autohaus vor einigen Jahren einen „ausgewachsenen“ Diplomingenieur als Kfz-Mechaniker-Lehrling ein. Hintergrund dabei war und ist, auch einmal bekannte Pfade zu verlassen und Neues zu wagen.

Dass das BMW-Haus des Öfteren über den eigenen Tellerrand hinausschaut, zeigt auch das Angebot, das den Auszubildenden geboten wird. So haben Lehrlinge zum Beispiel die Möglichkeit, im Rahmen eines Austauschs mit anderen Autohäusern die Abläufe – und im Bereich Werkstatt vor allem die Technik – anderer Unternehmen kennen zu lernen und davon zu profitieren. Das ist zwar aufwändig für den Arbeitgeber, zahlt sich jedoch in Form engagierter und hoch qualifizierter Lehrlinge mehr als aus, lautet der Tenor der Geschäftsleitung.

Mehr als andere

Die Kfz-Technik der vergangenen Jahre hat sich rasend schnell entwickelt. Immer neue Technologien halten Einzug in die Automobile und verlangen eine Anpassung der Ausbildung. Bestes Beispiel hierfür ist die „neue“ Berufsbezeichnung Kfz-Mechatroniker. Traditionelle, mechanische Ausbildungsinhalte wie das Schweißen fallen dabei notgedrungen unter den Tisch. Da Holz & Haller diese Inhalte aber für wichtig erachtet, bietet das Unternehmen interessierten Azubis die Möglichkeit, solche Lehrgänge während der Arbeitszeit auf Kosten der Firma zu besuchen. Denn hohe Ansprüche des Betriebs an seine zukünftigen Mitarbeiter bedingen hohen Einsatz in der Ausbildung, erklärt Günther Haller.

Für eine lokale Messe haben die kaufmännischen Lehrlinge den kompletten Messestand eigenverantwortlich gestaltet. Eine gute Gelegenheit, im kleinen Rahmen das zu üben, was auf sie eines Tages im Großen zukommen wird. Eine 1:1-Umsetzung der englischen Weisheit „learning by doing“.

Dass außergewöhnliche Leistungen auch belohnt werden, ist für Holz & Haller selbstverständlich. So veranstaltet das Unternehmen auch mal eigens für die Lehrlinge ein Rockkonzert. Dann treten in den Räumen – die sonst die Fahrzeugpalette des Herstellers feilbieten – nicht nur irgendwelche lokalen Nachwuchs-Bands, sondern echte Stars aus den deutschen Charts auf. Das macht riesigen Spaß und motiviert, bringt es den jungen Leuten doch vor allem Wertschätzung entgegen.

In vielen Betrieben ist das Ende der Lehrzeit für die Auszubildenden eine ungewisse Zeit. Nicht so in dem Neu-Ulmer Unternehmen. Hier bekommen die jungen Leute frühzeitig mitgeteilt, dass sie übernommen werden und was der Betrieb mit ihnen plant. Das gibt Sicherheit und spornt an für zukünftige Aufgaben.

(ID:213105)