TÜV Rheinland: „Wir haben unsere eigene Strategie“
Das Kölner Unternehmen TÜV Rheinland sieht sich aber auch ohne den Zusammenschluss mit dem TÜV Süd für die Zukunft sehr gut aufgestellt. TÜV Rheinland setzt mehr denn je auf Kundenorientierung.
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Redaktion: Viele Ihrer Mitarbeiter haben sich lange und intensiv mit der geplanten Fusion zwischen TÜV Süd und TÜV Rheinland beschäftigt. Im Dezember gab es nun den endgültigen Rückzieher. Wie weh tut diese Entwicklung dem TÜV Rheinland?
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Brauckmann: Wir bedauern, dass die Fusion nicht zustande gekommen ist, zumal wir uns schon nahegekommen waren – bezüglich der Strukturen, der internen Machbarkeiten, der Ziele, der Strategie und der Unternehmenskulturen. In Deutschland hätten wir uns sehr gut ergänzt. International hätten wir nicht nur einen Wachstumsschub bekommen, sondern auch unsere Ressourcen bündeln können. Wir wollten einen globalen Champion mit deutschen Wurzeln und Sitz in Deutschland schaffen. Durch die gescheiterte Fusion hat weniger der TÜV Rheinland einen Rückschlag erlitten als vielmehr der Standort Deutschland.
Warum ist die Fusion geplatzt?
Die verschiedenen Auflagen des Bundeskartellamts konnten wir aus wirtschaftlichen Gründen und aufgrund der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern der beiden Unternehmen, die wir haben, nicht umsetzen. Die Bonner Behörde machte allerdings deren Erfüllung zur Voraussetzung für eine Genehmigung. Aus meiner Sicht war das eine verpasste Chance.
Ist der TÜV Rheinland auch allein überlebensfähig?
Selbstverständlich! 2008 haben wir das erfolgreichste Geschäftsjahr seit der Gründung des Unternehmens abgeschlossen. Daran sehen Sie: Wir hatten auch vor den Fusionsplänen eine sehr erfolgreiche eigene Strategie. TÜV Rheinland hat weltweit eine auf die eigenen Kompetenzen und Stärken ausgerichtete erfolgreiche Marktposition. Im Bereich Mobilität sind wir national wie international gut aufgestellt. Allein bei den Fahrzeugprüfungen und -gutachten sowie in unseren Autohaus- und Werkstattservices sind wir mit unserem Partner FSP ein kompetenter Dienstleister der Branche.
Begründet sich der Geschäftserfolg im Jahr 2008 auf Ihrem bundesweiten Auftritt im Bereich der Mobilität?
Auf den Konzern bezogen haben dazu alle Geschäftsbereiche unseres Unternehmens beigetragen. Bei den Fahrzeuguntersuchungen in Deutschland, die einen Teil des Geschäftsbereichs Mobilität darstellen, haben wir uns bezüglich der Renditen leider nicht weiterentwickeln können. Insofern haben die anderen Geschäftsbereiche etwas mehr zum positiven Ergebnis beigetragen. Es gibt drei wichtige Faktoren für unseren unternehmerischen Erfolg: Wir sind flexibel, innovativ und international. Das heißt, wir bieten unseren Geschäftskunden auf sie zugeschnittene Dienstleistungen an, wir entwickeln für die unterschiedlichen Branchen neue Dienstleistungen, die uns vom Wettbewerb unterscheiden, und wir sind weltweit an den wichtigen Handelsplätzen vertreten.
Was lief verkehrt mit der Rendite bei den Fahrzeugüberprüfungen?
Eigentlich nichts. Es ist nur so, dass wir von der Gebührenseite her nicht selbstbestimmend, sondern an eine Gebührenordnung gebunden sind. Dennoch müssen wir investieren – in unsere Prüfstellen genauso wie in unser Personal. Zudem stehen in diesem Jahr auch noch Tarifverhandlungen an – auch deshalb wird es wieder etwas enger. Insgesamt kann man aber sagen: Der Bereich Mobilität mit all seinen Aktivitäten und der internationalen Ausprägung hat deutlich zum Konzernergebnis beigetragen.
Welche Rolle spielt denn heute das Automobil noch im Gesamtgeschäft des TÜV Rheinland?
Wir haben 2008 insgesamt rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz erzielt – 25 Prozent dieses Umsatzes kommen aus dem Geschäftsbereich Mobilität. Dessen Aufgabengebiete – Fahrzeugüberwachung, Fahrerlaubnisprüfungen, Autoservices sowie Gutachten, Homologation, Fahrzeug- und Luftfahrttechnik, Bahntechnik und Verkehrstelematik – sind tragende Säulen unseres Unternehmens. Zudem ist der Name TÜV Rheinland in jeder Beziehung mit dem Auto und dem Fahrzeugverkehr eng verbunden und jedem bekannt. Das Branding ist sogar so bekannt, dass in der Regel der Volksmund für die wiederkehrende Überwachung den Begriff „TÜV machen“ verwendet. Es geht dabei aber nicht nur um das zu prüfende Auto, sondern um die gesamte Automobilbranche. Ohne die wäre unser Konzern um eine entscheidende Facette ärmer.
Aber der Ausspruch „Mein Auto muss zum TÜV“ ist doch eher negativ besetzt beim Endverbraucher.
Natürlich sind immer noch einige Autofahrer nervös, wenn wir ihr „liebstes Kind“ inspizieren. Das liegt aber nicht an der Prüfung als solche, sondern begründet sich mit der Erwartung von Kosten, wenn das Fahrzeug nicht in Ordnung ist. Aber: Das Image der Hauptuntersuchung und der Arbeit des TÜV Rheinland hat sich grundlegend gewandelt – das zeigen alle internen und externen Studien zu diesem Thema. Die Menschen in Deutschland sehen im Vordergrund den Gewinn an Sicherheit im Straßenverkehr, woran wir neutral und unabhängig arbeiten. Das wird übrigens auch international so wahrgenommen. Wir haben zudem unseren Kundenservice deutlich optimiert, beispielsweise durch Neubauten der Prüfstellen, Kundenhotline und verlängerte Öffnungszeiten. Das heißt, wir arbeiten ständig an unserer Kundenorientierung. Sowohl im Umgang mit den Menschen als auch hinsichtlich unserer Investitionen in unsere Technik und Ausstattung.
Muss sich auch die Hauptuntersuchung selbst weiterentwickeln, um den „Gewinn an Sicherheit“ auch künftig noch gewährleisten zu können?
Ja, auf jeden Fall. Hierzu nur ein kleines Beispiel: Nehmen wir an, die elektronische Reifendrucküberwachung würde heute Pflicht in allen neuen Fahrzeugen. In spätestens fünf Jahren würde kein Autofahrer mehr seinen Reifendruck regelmäßig selbst kontrollieren. Das heißt, es muss überwacht werden, dass dieses System über das gesamte Fahrzeugleben hinweg intakt ist. Deshalb ist es unverzichtbar, dass sich die Fahrzeuguntersuchung weiterentwickelt – dadurch tragen wir ganz wesentlich zur Verkehrssicherheit bei. Alle Fahrzeugüberwacher arbeiten gemeinsam in einer Fahrzeugsystemdaten-Gesellschaft zusammen, um die sicherheitsrelevanten elektronischen Bauteile einer Prüfung zugängig zu machen, um sie dann nach und nach auch in die Hauptuntersuchung aufzunehmen. Ab 2010 erhält die Hauptuntersuchung zusätzlich schon neue Prüfinhalte aus dem Fahrzeugelektronikbereich. Allerdings müssen die validierten Prüfverfahren in das Gesetzgebungsverfahren eingebunden werden, und das bedeutet einen gewissen zeitlichen Verzug.
Die TÜVs verlieren derzeit immer mehr Monopole, beispielsweise die Begutachtung von Oldtimern oder die Prüfung von technischen Einrichtungen. Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Unternehmen?
Unsere Marktanteile haben sich nach anfänglichen Verlusten in der neunziger Jahren wieder stabilisiert. Die Liberalisierung des Marktes hat unseren Weg von der leistenden zur dienstleistenden Gesellschaft unterstützt. Wir haben uns darauf eingestellt und unser Leistungsportfolio erweitert. Sowohl für die Endkunden als auch für unsere gewerblichen Kunden haben wir zunehmend in den letzten Jahren Dienstleistungen entwickelt. Nehmen Sie beispielsweise den Gebrauchtwagen-Check an unseren Prüfstellen, mit dem wir junge Fahranfänger bei der Auswahl ihres „neuen“ Gebrauchten unterstützen. Unser Unternehmen ist trotz der Liberalisierung des Marktes wirtschaftlich gewachsen.
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