Wer zufällig vergangene Woche auf der „Eurobike“ war, der kam aus dem Staunen zum Teil gar nicht mehr heraus. Denn was es da an Fahrzeugen und Konzepten zu sehen gibt, ist auch für Kfz-Betriebe durchaus interessant.
Man kann es kaum glauben, aber ja, das ist offiziell ein Fahrrad! Dank diesem können zahlreiche Transportaufgaben im urbanen Bereich extrem CO2- und lärmarm erledigt werden. Die technische Basis...
(Bild: Dominsky – VCG)
„Ist das Kunst oder kann das weg?“, lautet eine bekannte Floskel. Erfinder derselben soll ein gewisser Mike Krüger sein – was für Sprüche solchen Spaßmachern eben so alles einfallen. Wie auch immer: Mit Blick auf obiges Foto könnte man fragen: „Ist das echt ein Fahrrad oder braucht dieses Gefährt nicht ein Kennzeichen und der Fahrer eine Lizenz?“ Die Antwort auf diese Frage lautet ein einfaches „Ja“ und ein doppeltes „Nein“ – in chronologischer Reihenfolge.
Das gute Stück, das noch keinen Namen hat, hat die Firma Raysride GmbH aus dem schwäbischen Löchgau bei Ludwigsburg gerade erst entwickelt. Und ja, das Gefährt, das auf einem ausgeklügelten Aluminium-Plattformrahmen inklusive Fügeverfahren aus der Automobilindustrie basiert, ist hochoffiziell ein Fahrrad bzw. Pedelec. Heißt: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt maximal 25 km/h und der Fahrer muss in Pedale treten wie bei jedem anderen Fahrrad/Pedelec auch.
So kann er so alles Mögliche rund 60 Kilometer weit transportieren: von Arbeitsgeräten über Lasten bis hin zu Personen. Solarunterstützung gibt es optional. Der Preis startet bei rund 19.000 Euro (netto) und der Verkauf im ersten Quartal 2026. Ach so: Wem die Zuladung bei einem zulässigen Gesamtgewicht von immerhin 550 Kilogramm nicht ausreicht, für den haben die Schwaben auch noch einen passenden Anhänger mit eigenem Antrieb im Programm.
Serienhybrid und 400 Kilogramm Nutzlast
Auch so kann ein Lastenrad aussehen. Hier lieg-sitzt der Fahrer zwischen den Vorderrädern und tritt in die an der Font angebrachten Pedale. Hinter ihm steht ein üppiger Laderaum zur Verfügung, der bis zu 400 kg an Gütern oder auch Personen aufnehmen kann. Entwickelt hat das „Intelectra E-Lastenrad“ das Unternehmen Dynamic Drivers Giessen GmbH.
(Bild: Dominsky – VCG)
Für ein anderes Fahrzeug- ,aber ein sehr ähnliches Transportkonzept steht das optisch auffällige „Intelectra E-Lastenrad“. Auch dieses Lastenrad ist ein Fahrrad bzw. Pedelec. Auch mit ihm darf man quasi fast überall hin fahren. Das heißt, im urbanen Bereich auch dorthin, wo zulassungspflichtige (Mehrspur-) Fahrzeuge verboten sind.
Entwickelt hat das Intelectra die Dynamic Drivers Giessen GmbH aus Gießen. Und obwohl kleiner und einfacher in der Machart als das Rayside-Fahrzeug, kann es sage und schreibe 400 Kilogramm Last auf seiner 1,21 oder 1,61 Meter langen Ladefläche rund 90 Kilometer weit transportieren. Das können zum Beispiel zwei Waschmaschinen oder auch mehrere Personen sein.
Echter Clou: Auch wenn das Gießener Gerät zwei Pedale hat: Eine Kette oder einen Riemen sucht man in der Konstruktion vergeblich. Der „iGEN-Generator“ wandelt die Tretbewegung der Füße in elektrische Energie um, die eine Steuerung an zwei Antriebsmotoren weiterleitet. Ach so: Dank eines 48-V-Bordnetzes kann das Antriebssystem sogar rekuperieren.
Welche Fahrradwerkstatt will bei solche einem Fahrzeug einen neuen Reifen aufziehen oder die Buchse eines Querlenkers aus- und einpressen?
(Bild: Dominsky – VCG)
Komponenten wie bei einem Pkw/Transporter
Generator, Motor-Getriebeeinheit, Karosserie- und Motorsteuergerät, Einparkhilfe, Reifendrucksensor: Was nach typischen Zutaten für einen Pkw- bzw. ein Nutzfahrzeug klingt – und natürlich auch sein können – sind im Fall Movaria jedoch solche für Fahrräder, schwere Lastenräder um genau zu sein. Genau darauf hat sich das Münchner Unternehmen nämlich spezialisiert.
Alles andere überlassen die Oberbayern klassischen Fahrzeugbauern. Und was diese dann final auf die Beine bzw. Räder stellen, davon zeigte Moveria auf der Eurobike eine beeindruckende Auswahl. Doppelte Querlenker, Federbeine, Zahnstangenlenkung, Stabilisatoren, Scheibenbremsen, Banjo-Achsen usw. Wer es nicht gesehen hat, mag es kaum glauben, aber was hier an Technik zum Einsatz kommt, hat mit einem Fahrrad/Pedelec nicht mehr das geringste zu tun – siehe Fotos in der Bildergalerie.
Typischer Fahrradladen ist überfordert
Was auf der einen Seite faszinierend und interessant klingt und auch so ist, bringt auf der anderen Seite auch Herausforderungen mit sich. Nämlich sowohl im Service- und im Reparatur-, als auch im Pannenfall. Denn eines dürfte klar sein: Mit solchen (schweren) Lastenrädern ist eine typische Fahrradwerkstatt überfordert. Das fängt schon beim Anheben solcher Fahrzeuge an, geht über Spezialwerkzeuge für Arbeiten am Fahrwerk und den Rädern sowie Diagnosetechnik weiter, und hört beim Transportieren bzw. Bergen noch lange nicht auf.
Hier braucht es Werkstätten, die über entsprechende Ausstattung verfügen, genauso wie über qualifiziertes Personal. Mit anderen Worten: Hier könnten in Zukunft Kfz-Werkstätten oder Karosseriebetriebe zum Zug kommen. Wer also auf der Suche nach einem Geschäftsfeld ist, das langfristig mehr Sinn macht, als der Verkauf/Service gewöhnlicher Pedelecs, die es an jeder Ecke gibt und die „jeder“ warten und instand setzen kann, der sollte vielleicht ein, zwei Gedanken an das stetig wachsende Feld der Lastenräder – bzw. neudeutsch „Cargobikes“ – verschwenden.
Stand: 08.12.2025
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