VW-Dieselprozess

Warten auf Winterkorn

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Führungskräfte und „Antriebsfritzen“

Derweil haben die ersten Termine in der Braunschweiger Stadthalle – nur hier war mit ausreichend Platz für den Prozessmarathon gerechnet worden – die Fronten grundsätzlich aufgezeigt. Laut Anklageschrift sollen die Männer tief in die Entwicklung und den Einsatz der Software verstrickt gewesen sein. „Lasst Euch nicht erwischen“, habe ein VW-Manager schon 2006 zu einem mitangeklagten Ingenieur gesagt.

In einer Krisenrunde 2012 soll der Satz gefallen sein: „Wenn wir schon bescheißen, dann machen wir es richtig.“ Hintergrund war aus Sicht der Strafverfolger, dass der Manipulations-Code zusätzlich zur Erkennung von Abgastests auch mit einer Erkennung des Lenkwinkels „verfeinert“ wurde. „Ihr Antriebsfritzen, was habt ihr schon wieder angestellt?“, soll Winterkorn dann 2015 gesagt haben, als der Kreis der Mitwisser und Druck der US-Behörden laut Anklage gewachsen war.

„Sich der Verantwortung zu stellen, sieht anders aus.“

Die Verteidigung stellte bald nach dem Prozessauftakt den abwesenden Ex-Vorstandschef ebenfalls in den Mittelpunkt. „Die Botschaft, hier zu sitzen ohne Herrn Winterkorn, ist eine Katastrophe“, schimpfte ein Anwalt. „Sich der Verantwortung für das eigene Handeln zu stellen, sieht anders aus“, kommentierte ein Kollege die Verfahrensabtrennung.

Die ersten Tage ließen aber auch unter den Vieren, die schon zugegen sind, eine Konstellation erscheinen, in der oft Aussage gegen Aussage steht. Die Ingenieure, die die illegale Abschalteinrichtung („defeat device“) vorgeschlagen haben sollen, sagen sinngemäß: Wir äußerten Bedenken und warnten vor Konsequenzen. Die Vorgesetzten entgegnen: Es wurde über Probleme gesprochen, nie aber über ungesetzliches Handeln.

Später alles auf Anfang?

Der Eindruck, Techniker hätten über Nacht beschlossen, Kunden zu betrügen, sei falsch, so ein früherer Leiter der Antriebselektronik. Ein Manager konterte, ihm sei die Software nie gesondert und explizit vorgestellt worden. „Wenn ich etwas klar verstehe, dann positioniere ich mich auch dazu“, erklärte der ehemalige Chef der VW-Aggregateentwicklung. Auf Manager-Seite war zudem die Rede von „wahrheitswidrigen Angaben“ der Ingenieure „zur eigenen Entlastung“.

Alle vier Angeklagten reagierten mit teils mehrstündigen Statements auf die Vorwürfe. Ohne größere Unterbrechungen konnten sie dem Gericht ihre Sicht auf die Abgasaffäre schildern. Mal trugen sie die Einlassungen emotional, mal nüchtern vor. Drei der Männer berichteten in eher knapper Form, einer sprach ausufernd über technische Details.

Inhaltlich spannender dürfte es im weiteren Verlauf werden, wenn die Kammer ihre eigenen Fragen an die Angeklagten richtet. Und vor allem, sobald Winterkorn teilnimmt. Wäre er auf Druck der Staatsanwaltschaft schon dazu geholt worden, wäre es wohl ganz von vorn losgegangen.

Doch auch so dürfte für die Einordnung seiner Rolle ab der ersten Winterkorn-Sitzung gelten: nicht alles, aber vieles auf Anfang.

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