Wo bleibt der Alleskönner?
Multimarken-Diagnosegeräte sind in Pkw-Werkstätten bereits weit verbreitet, die Auswahl entsprechend groß. Anders sieht es im Nutzfahrzeugbereich aus. Hier haben Betriebe nur wenige Alternativen zu den teuren Original-Testern.
Er gehört zu einer aussterbenden Spezies: der klassische Lkw-Schlosser. Vorbei sind die Zeiten von Hammer und Meißel, in denen eine der Hauptanforderungen an dieses Berufsbild zwei dicke Oberarme waren. Heutzutage ist Köpfchen gefragt. Wie in zahlreichen anderen technischen Bereichen erfährt die moderne Elektronik auch in Nutzfahrzeugen eine rasche Verbreitung.
Die Einsatzmöglichkeiten von elektronischen Steuergeräten sind zahlreich und werden von den Fahrzeugherstellern auch immer häufiger genutzt. Die Folge: Der Lkw-Mechaniker in der Werkstatt muss sich wie sein Pkw-Kollege immer intensiver mit Einstellmöglichkeiten, aber auch mit Defekten und Problemen bei elektronischen Bauteilen und Systemen auseinandersetzen.
Hierfür benötigt der Techniker als wichtigstes Handwerkszeug ein elektronisches Diagnosegerät. Das Problem: Nutzfahrzeugbetriebe, die bisher lediglich einen Hersteller vertreten haben, sehen sich analog zu den Pkw-Betrieben immer öfter gezwungen, zusätzliche Marken ins Verkaufs- bzw. Serviceprogramm mit aufzunehmen. Die Folge: Mit dem Original-Diagnosegerät, das nur für eine Marke geeignet ist, kommt die Werkstatt nicht weit.
Diagnosetraum
Ideal wäre wie so oft der echte Alleskönner: ein so genanntes Mehrmarkengerät, mit dem sich die Fahrzeuge und Anhänger sämtlicher Hersteller auslesen, reparieren und einstellen lassen. Doch hiervon sind Lkw-Betriebe in der Praxis noch weiter entfernt als ihre Kollegen in den Pkw-Betrieben. Für Letztere ist das Angebot immerhin bereits sehr ordentlich, auch wenn das „Eines-für-alle-Gerät“ Wunschtraum ist und bleiben wird. Anders bei Nutzfahrzeugen: Hier gibt es aktuell nur wenige Anbieter von Mehrmarken-Diagnosegeräten (siehe Kasten rechts) und die Leistungsfähigkeit der Geräte steht denen der automobilen Pendants noch in vielen Punkten nach.
Ein Beispiel aus der Praxis: Die Firma Beständig aus Gochsheim ist seit über 40 Jahren Mercedes-Benz-Nutzfahrzeug-Partner – über viele Jahre hinweg eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit, vor allem für die Werkstatt. Doch das war einmal: „Die Zahl der Spediteure, die stets der gleichen Marke die Treue halten, schrumpft. Heute springt man häufig zwischen den Fahrzeugherstellern hin und her oder stellt generell auf einen gemischten Fuhrpark um“, schildert Wolfgang Huttner, Werkstattleiter bei Beständig, die aktuelle Situation.
Werkstatt-Alltag
Diese Kunden mit ihren Fahrzeugen einfach wegzuschicken, kann sich die Firma Beständig, wie viele andere Betriebe auch, nicht leisten. Folglich muss sich die Werkstatt auch mit der Technik und vor allem Elektronik anderer Fabrikate auseinandersetzen. Bisher hatte der Betrieb das bekannte Mercedes-Diagnosegerät „Stardiagnose“ zur Verfügung – in Verbindung mit dem 9-Kanal-Oszillsokop HMS 990 ein sehr gutes Werkzeug mit zahlreichen Vorteilen.
In Sachen Diagnosefähigkeit, Prüftiefe und Support bleiben bei Mercedes-Fahrzeugen kaum Wünsche offen. Bei schwierigen Can-Bus-Fehlern kann die Werkstatt z. B. einen „Datensammler“ einsetzen, der, im Fahrzeug eingebaut, mehrere Tage lang Messwerte aufnimmt und speichert. So kann die Werkstatt sporadisch auftretende Fehler leichter aufspüren. Die Datenbank „Tipps“ gibt tagesaktuelle Hilfestellungen bei neuartigen Problemen im Bereich Diagnose. Darüber hinaus gibt es einen 24-Stunden-Austauschservice im Falle eines Gerätedefekts und vieles mehr. Der Haken an der Sache: Die Werkstatt kann das Gerät nur für Mercedes-Fahrzeuge einsetzen und es ist teuer.
Hohe Kosten
Zu den jährlichen Mietkosten von rund 4.200 Euro addieren sich laut Beständig weitere zirka 3.700 Euro pro Jahr für Software, Updates, Hotline und Infodatenbank. „Alles in allem eine gute und teure Angelegenheit, die wir leider nur eingeschränkt verwenden können“, resümiert Werkstattleiter Huttner.
Das Gleiche gilt für die zusätzlichen Diagnosegeräte der Systemlieferanten Knorr und Wabco für Bremsen und Fahrwerk, die der Betrieb anschaffen musste. Denn diese Komponenten sind anders als bei Pkw-Geräten nicht oder nur oberflächlich in der Diagnosestruktur von Original-Diagnosetestern hinterlegt – es entstehen also weitere Kosten für den Betrieb. Vor allem, wenn man in das „MTS-Diagnosesystem“ von Knorr investiert hat: Beständig hat für dieses Gerät vor wenigen Jahren noch stolze 15.000 Euro bezahlt. Da der Hersteller es inzwischen durch ein neues Diagnosesystem ersetzt hat, wird die Werkstatt es über kurz oder lang für neue Fahrzeuge nicht mehr einsetzen können.
„Deshalb haben wir uns Mitte letzten Jahres entschlossen, ein Mehrmarken-Diagnosegerät von Texa anzuschaffen“, erklärt Werner Schöner, Serviceleiter bei Beständig.
Entscheidung gefallen
Warum gerade Texa? „Die Zahl der Mehrmarken-Diagnoseanbieter im Bereich Nutzfahrzeuge ist leider noch sehr dürftig. Gerade die bekannten deutschen Hersteller haben wenig zu bieten. Die Italiener, allen voran Texa, sind in diesem Bereich führend“, begründet Schöner die Entscheidung.
Die Werkstatt nutzt seitdem das Schnittstellenmodul „Tribox-Mobile“ in Verbindung mit einem Laptop, der als Steuer- und Anzeigeeinheit fungiert, immer häufiger, sodass sich die Anschaffungskosten von etwa 6.000 Euro schnell amortisieren werden. „Im Großen und Ganzen kann das Texa-Gerät überzeugen“, sagt einer, der täglich damit arbeitet: Jürgen D‘Angelo, Servicetechniker und Spezialist für schwierige Fälle bei Beständig. „Sehr gut klappt es bei Fahrzeugen von Iveco, dafür gibt es Defizite im Bereich Wartung bei MAN-Fahrzeugen, die älter sind als Baujahr 2005“, schildert der Diagnose-Experte seine Erfahrungen.
Praxis-Erfahrungen
Anders als beim Originalgerät von Mercedes-Benz kann der Servicetechniker mit dem Mehrmarkengerät keine automatische Gesamtsteuergeräteabfrage machen.
Die Auslesegeschwindigkeit des Texa-Geräts ist deutlich geringer und ein verbautes Steuergerät muss der Anwender oft manuell aus eine Liste möglicher verbauter Steuergeräte ausgewählen. Das kostet Zeit und bedeutet mehr Aufwand. Die Zahl der gleichzeitig grafisch darstellbaren Messwerte ist, anders als bei der Stardiagnose, auf maximal acht begrenzt. Schaltpläne sind nicht immer in der gewünschten Zahl und Güte vorhanden.
„Was mir nicht gefällt, ist die Tatsache, dass mir das Texa-Gerät einen ausgelesenen Fehler nicht in Textform, sondern nur als Zahlencode anzeigt. Um ihn zu entschlüsseln, muss ich bei der Hotline anrufen. Das ist nicht sehr praxisnah, aber ich denke, dass sich das in Zukunft noch ändern wird“, schildert D‘Angelo seine Erfahrungen.
Darüber hinaus hilft die Hotline bei allen Diagnosefragen oder -problemen schnell und kompetent weiter. „Auch wenn das Gerät in Sachen Diagnosetiefe und Modellabdeckung noch einigen Nachholbedarf hat, ist es doch ein wertvolles Werkzeug für Mehrmarkenbetriebe“, fasst der Diagnosefachmann zusammen.
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