Ressourcenschonung war bereits vor einem Jahrhundert ein Thema im Reifengeschäft – wenn auch Verfügbarkeit und Kosten und nicht die Umwelt zu den Treibern gehörten. Ein Treiber, der auch einen gewissen Hubert Vergölst animierte, ein Unternehmen in diesem Segment zu gründen.
Vor 100 Jahren gründete Hubert Vergölst seinen Betrieb zum Vulkaniseren von Autoreifen. Heute ist Vergölst einer der großen Player im Reifenservice in Deutschland.
(Bild: Vergölst)
Hundert werden nicht viele. Was für Menschen gilt, trifft auch auf Unternehmen zu. Um so schöner ist es, wenn es wieder einmal einer bzw. eines geschafft hat. Eines wie Vergölst. Vor 100 Jahren erblickte der Reifenspezialist das unternehmerische Licht der Welt. Aus einer kleinen Vulkanisierwerkstatt in Aachen heraus hat sich der Betrieb mit über 450 Standorten zu einem bekannten Reifen- und Autoservicedienstleister Deutschlands entwickelt. Das Unternehmen, das seit 1974 eine Tochtergesellschaft der Continental AG ist, sichert heute mit rund 1.900 Mitarbeitern die Mobilität von Privat- und Großkunden bundesweit und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von etwa 330 Millionen Euro.
Die Grundstein für sein Unternehmen legte Hubert Vergölst 1926 gemeinsam mit Josef Kempen im Hof seines elterlichen Anwesens in Aachen. Dort eröffneten die beiden einen Betrieb für die Laufflächenerneuerung von Reifen. Bereits 1933 gelang ihnen ein technischer Durchbruch, als sie begannen, Reifen von Wulst zu Wulst rundzuerneuern, was das Ansehen dieser Technik massiv steigerte. Nach dem Ausscheiden von Josef Kempen 1935 führte Hubert Vergölst den Betrieb alleine weiter und expandierte 1941 aufgrund der hohen Nachfrage sogar mit einem Zweitwerk im belgischen Lüttich.
Aufbau eines bundesweiten Servicenetzes
Der Zweite Weltkrieg war auch für die Firma Vergölst mit einer Zäsur verbunden, als die Aachener Produktionsstätten vollständig zerstört wurden. Den Neuanfang wagte Hubert Vergölst bereits 1945 im hessischen Steinfurth. Vor dem Hintergrund der Umstände im Nachkriegsdeutschland ein kurioses Detail der Gründungsphase: Einer der ersten neuen Kunden, eine Brauerei, beglich die von Vergölst erbrachten Leistungen mit Starkbier und der passenden Zapfanlage. 1948 wandelte der Firmengründer seinen Unternehmen in eine GmbH, noch bevor er den Firmensitz 1949 nach Bad Nauheim verlegte. Zur selben Zeit knüpfte Hubert Vergölst auch erste Kontakte zur Continental AG als größtem Lieferanten für Vulkanisationsmaterial.
Ein entscheidender Meilenstein war der Aufbau eines eigenen Netzes an Servicestationen ab Mitte der 50er-Jahre, beginnend mit dem ersten Filialbetrieb in Frankfurt am Main 1956. Damit vollzog Vergölst den Wandel vom reinen Produktionsbetrieb zum kundennahen Dienstleister. In den 60er- und 70er-Jahren wuchs das Unternehmen rasant: 1968 wurde der tausendste Mitarbeiter eingestellt, und 1970 überschritt der Umsatz erstmals die Marke von 100 Millionen D-Mark. Mit der Übernahme durch die Continental AG im Jahr 1974 festigte Vergölst seine Marktposition endgültig, wobei die Unternehmenszentrale erst 1998 nach Hannover wanderte.
Starke Säulen: Flottenmanagement und Franchise
Das heutige Geschäftsmodell ruht auf mehreren Säulen. Neben dem Service für Endverbraucher ist das Großkundengeschäft ein Wachstumstreiber. Hier betreut Vergölst kleine und große Pkw-Flotten von kleinen und mittelständischen Betrieben sowie von großen Leasinggesellschaften mit maßgeschneiderten Paketen und zentraler Abrechnung. Für Lkw-Flotten steht ein spezialisiertes Nutzfahrzeug-Netzwerk bereit, das mobiles Reifenmanagement und einen europaweiten 24-Stunden-Pannendienst umfasst.
Ein weiterer Pfeiler ist das seit 1988 bestehende Franchise-System, das heute über 330 Partnerbetriebe in verschiedenen Bindungsformen zählt. Dieses wurde 2025 mithilfe eines modularen Konzepts modernisiert. Es bietet den Partnern nun ein System aufeinander abgestimmter Leistungsbausteine, die gezielt dort entlasten, wo im Werkstattalltag oft die Zeit fehlt – etwa bei administrativen Aufgaben oder der strategischen Marktanalyse. Dabei bleibt die unternehmerische Souveränität der Betriebe vollständig gewahrt.
Modernisierungsoffensive „Branch4Future“
Um den Anforderungen der modernen Automobilwelt gerecht zu werden, hat Vergölst 2025 das Projekt „Branch4Future“ gestartet. Diese großangelegte Sanierungswelle zielt darauf ab, innerhalb von drei Jahren alle der rund 170 eigenen Filialen auf einen neuen Standard zu heben. Das Konzept basiert auf vier Säulen: der Vereinheitlichung der Außenfassaden für eine klare Markenidentität, der Schaffung moderner Verkaufsräume, der technischen Modernisierung der Werkstätten sowie der Aufwertung der Sozialräume für die Mitarbeitenden. Einen erheblichen Teil der Renovierungsarbeiten leistet ein eigens für diesen Zweck eingestelltes internes Handwerkerteam. Partner können auf Wunsch ebenfalls bei der Modernisierung ihrer Betriebe unterstützt werden.
Parallel zur physischen Erneuerung investiert das Unternehmen in seine digitale Infrastruktur. Der 2025 neu lancierte Online-Shop bricht mit klassischen Listenansichten und setzt stattdessen auf ein interaktives Beratungstool. Kunden können Reifenmodelle nicht nur über technische Daten, sondern auch durch integriertes Video- und Bildmaterial kennenlernen. Die responsive Gestaltung stellt sicher, dass die Buchung von Services und Terminen nahtlos über alle mobilen Endgeräte möglich ist. Damit wird die fachliche Kompetenz der Filialen im digitalen Raum erweitert, um eine lückenlose Kundenberatung rund um die Uhr zu gewährleisten.
Stand: 08.12.2025
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Ökologische Verantwortung und Artenschutz
Auch in puncto Nachhaltigkeit setzt Vergölst auf messbare Projekte in der Region. In Kooperation mit der Initiative Artenglück wird seit 2023 ein Waldprojekt in Döhle (Lüneburger Heide) gefördert. Auf 3.000 Quadratmetern werden rund 1.000 Bäume gepflanzt, um instabile Nadelholz-Monokulturen in klimaresistente Mischwälder zu verwandeln.
Zusätzlich engagiert sich das Unternehmen seit 2025 für die Torfmoosvermehrung am Steinhuder Meer. Da nasse Hochmoore deutlich effizientere Kohlenstoffspeicher als Wälder sind, trägt die Kultivierung von Torfmoosen auf 300 Quadratmetern aktiv zur CO2-Bindung und zum Erhalt seltener Tierarten bei. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch die langfristige Pflege von über 25.000 Quadratmetern Blühwiesen in Niedersachsen, etwa am Standort Lindwedel, um der regionalen Insektenwelt dauerhafte Lebensräume zu bieten.