40 Jahre französische Oberklasse: Haute Société

Autor / Redakteur: sp-x / Dipl.-Päd. Gerd Steiler

Eine Premiummarke namens DS und ein Renault Espace als luxuriöser Crossover – wieder einmal will Frankreich die automobile Nobelklasse erobern. Zuletzt waren die Franzosen vor 40 Jahren ganz vorn.

Der Peugeot 604 (1975 - 1986) war im Frankreich der 70er und 80er Jahre das Auto der Reichen und Schönen.
Der Peugeot 604 (1975 - 1986) war im Frankreich der 70er und 80er Jahre das Auto der Reichen und Schönen.
(Foto: Peugeot)

Sie erheben Führungsanspruch, genau so wie ihre präsidialen Passagiere von Valéry Giscard d’Estaing bis François Hollande. Die Flaggschiffe von Citroën (und seit diesem Jahr die Edel-Division DS) sowie von Renault und Peugeot finden sich seit 40 Jahren gleichberechtigt im Fuhrpark des Pariser Élysée-Palasts. Waren es bis 1975 vor allem Citroën DS und SM, in denen sich die französischen Staatsoberhäupter chauffieren ließen, hatten damals Peugeot und Renault neue Sechszylinder realisiert, die ebenfalls die adäquate Repräsentation für politische und gesellschaftliche Prominenz ermöglichten.

Der Peugeot 604 überzeugte im eleganten Pininfarina-Design und Renault fuhr mit dem avantgardistischen Fließheckfünftürer R 30 vor. Wer weiterhin die Marke im Zeichen des Doppelwinkels bevorzugte, setzte dagegen auf den futuristischen Citroën CX. Dieser begnügte sich zwar mit einem Vierzylinder, wurde jedoch mit dem damals wichtigsten Medienpreis „Auto des Jahres 1975" und dem begehrten Designpreis „Prix de Style" ausgezeichnet. Erstmals seit 1945 präsentierte sich so ein Topmodell-Trio im Zeichen der Trikolore, das aber kaum unterschiedlicher sein konnte, auch was den Erfolg betraf.

Wachablösung bei Citroën: CX für DS

Das galt auch für Deutschland, wo die gallische Extravaganz eine begehrenswerte Alternative zu BMW und Mercedes sein wollte. Mit dieser Mission startete der Citroën CX hierzulande im Februar 1975 und damit exakt zwei Monate vor dem Produktionsende der göttlichen DS, die vom stromlinienförmigen Luftwiderstand-Weltmeister CX (steht im französischen für Cw-Wert) beerbt wurde. Der Peugeot 604 SL folgte im Juni und passend zur Frankfurter IAA stand der revolutionäre Renault 30 TS bereit, der die Sechszylinder-Klasse mit seiner riesigen Heckklappe erobern wollte. Gerade rechtzeitig, bevor der ebenfalls fünftürige Rover 3500 V8 für noch mehr Furore sorgte und der erste Audi 100 Avant beiden Vorbildern folgte.

Während die neue automobile Haute Société in Frankreich an das Goldene Zeitalter vor dem Zweiten Weltkrieg erinnerte, als die meisten wirklich prestigeträchtigen Autos noch Kinder der Grande Nation waren, zählten die Siebziger-Jahre-Spitzenmodelle von Citroën, Peugeot und Renault östlich des Rheins nie wirklich zur High Society. Begann diese doch nach deutschen Maßstäben erst in der Leistungsliga von Mercedes S-Klasse, BMW 3,0-Liter-Limousinen oder Opel Diplomat V8. Und selbst in der Auseinandersetzung mit den mittelgroßen BMW 5er, Mercedes-Benz 200 bis 280 oder Opel Commodore und Ford Granada hatten es alle Importeure nie wirklich leicht. Es sei denn, sie konnten durch Individualität und Futurismus begeistern, so wie es erstmals der Citroën DS gelungen war.

Peugeot 604 und Renault 30

Eine gute Ausgangssituation also für den neuen Citroën CX, die er zu nutzen wusste. Seine Erfolgsformel: Solide und preiswerte Vierzylindermotoren, dazu feine Pallas-Ausstattung und das alles verpackt in spektakuläre Formen. Tatsächlich hatte Designer Robert Opron ein skulpturales automobiles Kunstwerk entworfen, das sich nicht hinter der Citroën DS verstecken musste. Diesen Eigensinn honorierten sogar die deutschen Käufer. Schon 1976, im ersten vollen Verkaufsjahr, gelangen dem CX knapp 10.000 Zulassungen, während Peugeot vom 604 nur 4.155 Einheiten absetzen konnte und sich Renault gar mit 3.679 verkauften 30 TS zufrieden geben musste.

Zahlen, die aber ganz nach dem Geschmack der süddeutschen Premiumhersteller waren. Schließlich war den französischen Marken noch im März 1975 der Coup gelungen, mit ihren großen Sechszylinder-Stars des Genfer Automobilsalons die Titelseiten der Medien zu erobern. Zumal sich Peugeot 604 und Renault 30 mit Preisen präsentierten, die um bis zu 35 Prozent unter denen der deutschen Platzhirsche lagen.

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