Anna Hirt heilt Edelstahl mit Goldschmiedekunst

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„Die meisten sogenannten Dellendrücker kapitulieren bei Edelstahl“, weiß Anna Hirt aus Erfahrung. Auch wenn die Werkzeuge vergleichbar sind, so verlangt das nichtrostende Blech eine ganz andere Taktik beim Rückverformen. Abgesehen vom deutlich höheren Kraftaufwand, der wiederum „Gefahren“ in sich birgt. „Fast immer bleiben bei Edelstahl minimalste Verwerfungen. Die sind zum Teil nicht mal spürbar, wohl aber sichtbar“, berichtet Hirt. Und damit stand die Goldschmiedemeisterin nach dem erfolgreichen Entfernen ihrer Kotflügeldelle vor einem weiteren Problem.

Denn was für Küchenspülen und Treppengeländer gilt, trifft auch auf den DeLorean DMC-12 zu: Auch hier ist kein Gramm Lack drauf, nichts, nada – auch kein Klarlack oder dergleichen. Mit anderen Worten: Die Oberfläche muss zu 100 Prozent eben sein und über den perfekten „Schliff“ verfügen. Genau den hinzubekommen, ist eine weitere, wenn nicht die Herausforderung bei dem irischen Kultautomobil. Ergo musste sich Anna Hirt nicht nur die Kunst der Rückverformung von Edelstahlblechen beibringen, sondern auch die Kunst, einem DeLorean wieder sein originales werksseitiges Schliffbild zu verpassen.

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Auch im Werk war alles Handarbeit

Auch wenn die Bleche im Werk der DeLorean Motor Company (DMC) maschinell vorgebürstet wurden: Jedes einzelne Fahrzeug erhielt ab Werk eine Schleifung von Hand. Dass Handarbeit stets individuell ist, war den DMC-Bossen bewusst und sogar gewollt. „So konnte eine Werkstatt gerade kleinere Schäden wie Kratzer in der Edelstahloberfläche ebenfalls per Hand ausbessern, sprich beischleifen, ohne dass es zu sehr oder überhaupt auffiel“, erklärt die DeLorean-Karosserieexpertin.

„Doch woher die passenden Bürsten nehmen?“ Anna Hirt musste erst einmal in Erfahrung bringen, was Hersteller DMC seinerzeit an Bürstenmaterial eingesetzt hatte. Und als sie das wusste, musste sie sich nach einem Hersteller für das passende Werkzeug umsehen. Die größte Herausforderung war es aber, sich das entsprechende Know-how beizubringen – logisch. Wie muss ich die Maschine führen? Wie viel Druck muss ich aufbringen? „Was muss ich sonst noch beachten? Viele Fragen mussten sich Anna Hirt und ihr Partner selbst beantworten – gerade bei großen Projekten, also ganzen Autos, unterstützt der sie in ihrer Arbeit.

Eine von weltweit nur zwei Experten

Heute haben die beiden sprichwörtlich den Schliff raus. „Damit sind sie zusammen mit einem Engländer die einzigen Personen weltweit, die einen DeLorean perfekt in den optischen Originalzustand versetzen können“, berichtet Rudolf Polzer. Der Oldtimer- und DeLorean-Fan besitzt immerhin neun der Edelstahlflundern und schwört auf Hirts Arbeit. Mindestens einen Arbeitstag dauert es, bis Marty McFlyes Einsatzwagen wieder im korrekten Matt glänzt. Sind Dellen oder andere Beschädigungen zu beseitigen, kommt schnell ein weiterer Tag oder mehr hinzu.

Dass Anna Hirt mittlerweile über ein gewisses Renommee in der DeLorean-Szene verfügt, ist kein Geheimnis. „Demnächst fliegen wir nach Menorca“, erzählt sie im Gespräch. Der Eigner eines DMC-12 hat sie eingeladen, zum Arbeiten, versteht sich. Sein Wagen verlangt nach einem „Re-Schliff“. Die beiden Oberfranken auf die Insel zu bringen, ist deutlich günstiger, als das Fahrzeug von dieser nach Deutschland. Und im Sommer ist Paris angesagt. Hier treffen sich die Besitzer von gleich drei DeLorean und lassen die Haut ihrer Schätzchen von den kundigen Händen der begabten Deutschen quasi liften. „Es gibt Handwerksberufe, da kommt man mit deutlich weniger interessanten Menschen zusammen, sieht deutlich weniger von der Welt“, sagt Meisterin Hirt mit einem Augenzwinkern.

Verleiht auch anderen Oldtimerteilen neuen Glanz

„Fifty-fifty“ antwortet sie auf die Frage, wie viel ihrer Arbeitszeit sie mit ihrem ursprünglichen Job des Schmuckmachens verbringt und wie viel mit der Wiederherstellung von Oberflächen alter Autos. Dafür hat sie mittlerweile die Firma„Stainless Repair“ gegründet. Dass dieses Verhältnis zugunsten der Automobilsparte kippt, dafür spricht jedoch immer mehr. Denn mittlerweile sind es nicht nur DeLorean-Karosserien. Schließlich verfügen auch zahlreiche andere Modelle über Bleche aus VA, zumindest partiell. So im Prinzip ein Gros aller US-Cars aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. „Fast alles, was da glänzt, wurde aus Edelstahl gefertigt, mit Ausnahme der Stoßfänger. Die bestehen fast immer aus verchromtem Stahl. Sämtliche Schwellerblenden, Kühlerrahmen, Scheiben- und Karosseriezierleisten usw. – alles Edelstahl“, klärt Anna Hirt auf.

So hat sie sich mittlerweile auch in diesem Segment reichlich Wissen und Fertigkeit angeeignet. Sie dürfte eine der ganz wenigen, wenn nicht die einzige Expertin sein, die neben Edelstahl-Zierteilen auch verchromten Stahl- und Buntmetall-Zierteilen neuen Glanz ein- bzw. aufhaucht sowie diese auch wieder in ihre alte, sprich korrekte Form bringt. Denn darin unterscheidet sie sich von bekannten Verchromern oder Polierern: Die können meist nur „grob“, können mittels Maschinen eine Oberfläche herrichten, gerade aber Kanten, Ecken und Strukturen auch schnell „hinrichten“. Anna Hirt kann dank ihres akribischen Umgangs mit Feilnagel, Brettfell und Polierhammer sowie weiterer Werkzeuge genau das vermeiden. Am Ende steht eine hundertprozentig originale Oberfläche. Und eine solche ist Gold wert. Auch oder gerade dann, wenn sie am Ende noch verchromt wird.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group