Audi 100: der Pionier von gestern Audi 100: der Pionier von gestern

Autor / Redakteur: Steffen Dominsky/Peter Deuschle / Steffen Dominsky

Er zählt zu den Begründern des „Vorsprungs durch Technik“ und stellt einen echten Meilenstein in der Modellgeschichte des Ingolstädter Herstellers dar.

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Die deutsche Automobilindustrie habe den Hybridantrieb verschlafen, behaupten Medien und sogenannte Fachleute. Doch sie vergessen dabei, dass Audi bereits vor genau 20 Jahren den Audi 100 Typ 44 mit Hybridantrieb präsentierte und damit den Werbeslogan „Vorsprung durch Technik“ unterstrich. Ein Exemplar diese Modells steht heute im Deutschen Museum in München.

Doch die Zeit war noch nicht reif für ein Fahrzeug dieser Art: Das Benzin war günstig und die Technik platzraubend, schwer und zudem teuer. Im Gegensatz zum Hybridmodell des Typ 44 waren alle anderen Modellvarianten, die rein durch einen Verbrennungsmotor angetrieben wurden, für die VW-Tochter Audi ein Riesenerfolg. Sie trugen dazu bei, dass mit Audi eine dritte Marke im Kreis der deutschen Premiumhersteller Einzug hielt.

Im Zeitraum von 1982 bis 1991 produzierten die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm zusammen rund eine Million Einheiten des Typ 44. Etwa zwei Drittel davon verblieben auf dem deutschen Markt.

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Unter dem Motto „Vorsprung durch Technik“ stellte Audi 1982 ein Fahrzeug der oberen Mittelklasse vor, das

  • mit einen Leergewicht von deutlich unter 1,5 Tonnen und einem Cw-Wert von 0,3 äußerst ressourcenschonend war
  • mit einer teil- und ab 1985 vollverzinkten Karosserie sehr rostresistent und somit langlebig war,
  • im Jahr 1983 mit dem Fünfzylinder-Turbomotor die schnellste Serienlimousine der Welt war,
  • als 2,5l-TDI den Siegeszug der TDI-Dieselmotoren wesentlich beschleunigte und
  • als „Quattro“ wesentlich zur Verbreitung des permanenten Vierradantriebs im Pkw beitrug.

Neben den Käufern honorierten auch diverse Gremien diese Leistungen: Sie wählten den Typ 44 im Jahr 1983 unter anderem zum „Worldcar of the year“ und zum „Auto der Vernunft“.

Geringer Bestand

Im Jahr 2006 waren vom Typ 44 beim KBA noch rund 60.000 aktive Fahrzeuge gemeldet. 2008 waren es etwa 30.000. Damit sind nur noch zirka drei Prozent aller produzierten Fahrzeuge im Inland unterwegs. Im Gegensatz zum Vorgänger Audi 100 Typ 43 haben sich die Typ-44-Modelle nicht innerhalb kurzer Zeit in rostiges Eisenoxid verwandelt. Insbesondere den Fünfzylinder-Benzinern war das fast „ewige Leben“ beschieden. Das ist auch ein Grund für den im Inland stark dezimierten Bestand: Viele Fahrzeuge wurden als Gebrauchtwagen in diejenigen Länder exportiert, die „unkaputtbare“ Autos benötigen.

Ein weiterer Grund dürfte die inzwischen wirklich mangelhafte Ersatzteilversorgung durch Audi sein. Der Hersteller investiert zwar sehr viel in die Traditionspflege in Form der Rekonstruierung historischer Fahrzeuge und besitzt in Ingolstadt ein wirklich gelungenes Museum. Doch leider berücksichtigt er derzeit nicht die Tatsache, dass die Grundlage der Traditionspflege die Versorgung mit Ersatzteilen ist, und zwar auch nach mehr als 15 Jahren ab Produktionsende. BMW und Mercedes-Benz, die beiden anderen deutschen Premiumhersteller, machen das besser.

Wie geht‘s weiter?

Es ist davon auszugehen, dass Modelle, deren Bestand 2008 bereits unter 1.000 Stück lag, sich bereits größtenteils in Liebhaberhand befinden. Das gilt natürlich insbesondere für die leistungsstarken Audi-200-20-V-Modelle, aber auch für den kleinen Vierzylinder mit 55 kW, der das aktuelle „downsizing“ bereits vor vielen Jahren vorweggenommen hat. Die Dieselmodelle dürfte die Kfz-Steuer über kurz oder lang vollständig ins Ausland vertreiben – oder derzeit gegen 2.500 Euro zum Schredder. Die noch vorhandenen rund 17.000 Fünfzylinder-Benziner werden ebenfalls rasch weniger werden, bis zuletzt die Fahrzeuge in Liebhaberhand übrig bleiben.

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Wegwerfen oder wegstellen? Bei einem Audi-100-Fünfzylinder-Benziner mit 468.000 Kilometern Laufleistung in entsprechendem Zustand dürfte die Antwort recht einfach sein. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach der Aufbewahrung als Teileträger oder nach der Vermarktung noch brauchbarer Ersatzteile. Doch wie lautet die Antwort für einen Vierzylinder Quattro, 100 Turbo oder 200 20 V Quattro? Die Marktwerte nach Classic-Data bewegen sich auch für wirklich gute Fahrzeuge im Zustand 2 noch deutlich unter 20 Prozent des ehemaligen Neupreises – auch wenn für einzelne Spitzenexemplare schon deutlich höhere Preise erzielt wurden.

Der Anlagetipp?

Aufgrund dieser recht niedrigen Notierungen auch für Modelle, von denen nur noch wenige Hundert im Inland unterwegs sind, ist davon auszugehen, dass die Typ-44-Fahrzeuge zwar schon von einzelnen Fans, jedoch noch nicht von der Szene entdeckt worden sind. Diese Entwicklung ist typisch für Fahrzeugmodelle, welche bei ihrem Erscheinen ziemlich innovativ waren, bei denen es sich aber nicht um Kleinserien, Cabriolets, Coupés oder erfolgreiche Wettbewerbsfahrzeuge gehandelt hat. Auch bei einem Citroën DS, einem NSU Ro 80 oder einem Citroën CX hat es lange gedauert, bis die Marktwertentwicklung das Oldtimerpotenzial erkennen ließ.

Insgesamt ist der recht niedrige Fahrzeugbestand des Audi 100/200 nahezu eine Gewähr dafür, dass die Marktwerte nicht weiter sinken, sondern kontinuierlich ansteigen werden. Wie stark, hängt zum einen davon ab, ob Audi zuverlässig die notwendigen Ersatzteile bereitstellen wird, oder ob der Liebhaber eines 100 Turbo sich nochmals ein Fahrzeug in Teilen bereitlegen muss. Zum anderen davon, ob sich der Status des Oldtimers mit H-Kennzeichen, den die ersten Typ 44 bereits in drei Jahren erhalten, wertsteigernd auswirkt.

Problem Ersatzteile

Die Versorgung mit Ersatzteilen vom freien Handel – wie sie bei vielen Oldtimern heute besteht – wird beim Typ 44 zunehmend weniger gewährleistet sein. Dafür wird es in Kürze einfach zu wenig Fahrzeuge im Inland geben. Vergleicht man den Typ 44 mit seinen damaligen direkten Wettbewerbern, dann stellt man fest, dass für einen Mercedes W 124 oder 5er-BMW vom Hersteller nahezu alle betriebswichtigen Ersatzteile lieferbar sind.

Obwohl Audi bis 1945 ein Teil der glorreichen Auto-Union war, wird heute als Geburtsjahr von Audi meist 1965 genannt: In diesem Jahr war die Wiedergeburt der Marke mit dem damaligen Audi 72. Vielleicht muss Audi noch einige Jahre älter werden, um zu erkennen, dass Traditionspflege in erster Linie der Erhalt und der Betrieb aller Modelle ist. Der Audi 100 Typ 44 hätte es in jedem Fall verdient.

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