Karosseriedesign Audi & Horch – dem Wind ein Schnippchen geschlagen

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

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Das Audi Museum Mobile nimmt Technikinteressierte ab sofort mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Aerodynamik. Seit 1. Dezember schließt das August Horch Museum in Zwickau mit dem Part „Form vollendet“ inhaltlich an und spannt den Bogen der Aerodynamikentwicklung weiter bis in die Gegenwart.

Ein historisches Foto von drei Stromlinien-Limousinen von Paul Jaray, die 1923 in Berlin in einer Reihe durch das Brandenburger Tor fahren: Der Ley 6/16 PS Typ T6, der bereits 1922 gebaut wurde, führt die Reihe an. Es folgen der Audi 14/35 PS Typ C und der Dixi 6/24 PS von 1923.(Bild:  Audi AG)
Ein historisches Foto von drei Stromlinien-Limousinen von Paul Jaray, die 1923 in Berlin in einer Reihe durch das Brandenburger Tor fahren: Der Ley 6/16 PS Typ T6, der bereits 1922 gebaut wurde, führt die Reihe an. Es folgen der Audi 14/35 PS Typ C und der Dixi 6/24 PS von 1923.
(Bild: Audi AG)

Edmund Rumpler, Paul Jaray und Freiherr Reinhard von Koenig-Fachsenfeld – wer sich mit der Geschichte der Aerodynamik beschäftigt, kommt an ihnen nicht vorbei. Diese drei Pioniere der Aerodynamik beginnen bereits kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts damit, Karosserieformen von Motorwagen dem Luftstrom anzupassen. Es kommt zu erstaunlichen Ideen, gefördert durch die damals generell wachsende Begeisterung für die Luftfahrt und nicht selten inspiriert von Mustern aus der Natur: Flügel- und Tropfenformen sind wesentliche Ideengeber für Erfinder. Allerdings ist es für die Ingenieure zunächst alles andere als einfach, mit ihren Denkansätzen Akzeptanz zu finden. Zu sehr weichen ihre nach wissenschaftlichen Erkenntnissen aerodynamisch gestalteten Karosserien davon ab, wie sich Kunden und Hersteller ein Automobil vorstellen. Doch das Umdenken beginnt – und neue Forschungs- und Konstruktionsmethoden, wie etwa die Windkanalforschung, tragen zu dieser Entwicklung bei.

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Die Stromlinie – das ist ein Begriff aus der Strömungslehre. Vor allem zwischen den beiden Weltkriegen zieht diese spezielle Form die Aerodynamikforscher in ihren Bann. Ziel der Techniker ist es, den Luftwiderstand der Fahrzeugkarosserien zu verringern, den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren und die Autos insgesamt langstreckentauglicher zu machen. Das ideale Testfeld für die Hersteller ist der Motorsport: Die Rennabteilung der Auto Union AG etwa beginnt Anfang 1937 mit der Entwicklung eines Vollstromlinienwagens auf Basis des Auto Union Typ C. Motor und Chassis bleiben nahezu unverändert. Die Gestaltung der Stromlinienkarosserie basiert größtenteils auf der Arbeit von Josef Mickl, dem Aerodynamiker im Konstruktionsbüro Porsche. Seinen ersten Einsatz hat der Stromlinienwagen beim AVUS-Rennen 1937. Bei zahlreichen Rekordfahrten gelingen Rekordgeschwindigkeiten von über 400 km/h.

Geschichtsschreibung muss geändert werden

Die neue Sonderausstellung „Windschnittig“ im Audi Museum Mobile präsentiert neben der Forschung und Entwicklung die treibenden Persönlichkeiten sowie die grundlegenden aerodynamischen Konzepte der Zeit bis 1945. Ebenso sind seltene und einzigartige Fahrzeuge zu sehen – insgesamt mehr als ein Dutzend Großexponate. Sie dokumentieren die besondere Verbindung von Effizienz, Nachhaltigkeit und Design beim Thema Aerodynamik. Stefan Felber, Kurator Museum Mobile: „Das Highlight unserer markenübergreifenden Sonderausstellung ist das 2023 fertiggestellte Modell des Audi Typ C Jaray. Bislang waren die Experten davon ausgegangen, dass dieses Auto von Paul Jaray seinerzeit auf einem Audi Typ K aufgebaut wurde. Während der Vorbereitung zur Sonderschau hat das Ausstellungsteam bei seinen Recherchen nachgewiesen, dass die Basis dieses Fahrzeugs ein Audi Typ C gewesen sein muss.“

Wer wissen will, wie die Entwicklung in der Aerodynamik nach 1945 weitergeht, kann ab 1. Dezember im August Horch Museum Zwickau in die Nachkriegsgeschichte der Aerodynamik eintauchen. Die Museumsgäste erwarten in der dortigen Nachfolgeausstellung „Form vollendet“ fast zwei Dutzend Großexponate und weitere Modelle. Thomas Stebich ist sowohl für das Audi Museum Mobile als auch für das August Horch Museum verantwortlich. Er betont, dass in der zweiteiligen Ausstellungsreihe in beiden Museen das Thema Aerodynamik erstmals in einer Komplettübersicht von den Anfängen bis in die Gegenwart gezeigt wird. Ab Juli 2024 ist der zweite Ausstellungsteil „Form vollendet“ dann im Museum Mobile Ingolstadt zu sehen.

Lange Zeit war Windschnittigkeit kaum gefragt

Exakt 280 Kilometer nördlich von Ingolstadt – hier wurde besagte Sonderausstellung im August Horch Museum bereits gezeigt – folgt seit 1. Dezember in Form der Themenausstellung „Form vollendet?“ der zweite Teil einer umfassenden Historienschau. Sie geht bis zum 30. Juni 2024 und zeigt über 20 Großexponate sowie eine Vielzahl an Modellen und interaktiven Displays. Außerdem ist eine Experimentierstation zu sehen, die sich der Geschichte der Aerodynamik im Automobilbau in der Zeit nach 1945 befasst. Zwar kam nach dem Zweiten Weltkrieg die Automobilproduktion hierzulande wieder langsam in Fahrt, die Aerodynamik spielte dabei aber eine untergeordnete Rolle. Sie gewinnt erst durch die Ölkrise in den 1970er Jahren wieder verstärkt an Bedeutung und wird integraler Bestandteil bei der Fahrzeugentwicklung. Als ein effizientes Mittel zur Verbrauchsreduzierung erlangt das Thema Aerodynamik europaweite Aufmerksamkeit auch von Seiten staatlicher Regierungen, die zum Teil Forschungsprogramme finanzieren. Zahlreiche Fahrzeughersteller wie BMW, Mercedes-Benz und VW bauen in diesen Jahren eigene Windkanalzentren. Auch in der früheren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wird auf dem Gebiet der Aerodynamik intensiv geforscht. Allerdings gelingt die Umsetzung in moderne Fahrzeuge aufgrund der wirtschaftlichen Probleme nicht.

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Parallel dazu sorgen atemberaubende Konzeptfahrzeuge von bekannten Designbüros wie etwa Pininfarina, Bertone oder Italdesign/Giugiaro dafür, dass die Keilform zur bestimmenden Automode der 1970er und 1980er Jahre wird. Dabei ist die Keilform auch aerodynamisch effektiv, indem sie mit flacher Front und hohem Heck wie ein Spoiler Anpressdruck zwischen Fahrzeug und Straße erzeugt. Das ist vor allem im Motorsport wichtig, besteht eine Rennstrecke doch nicht nur aus langen Geraden, sondern auch aus engen und zum Teil schnellen Kurven. Im Rahmen der aktuellen Transformation zur Elektromobilität übernimmt die Reduzierung des Luftwiderstandes erneut eine wichtige Rolle bei der Fahrzeugentwicklung. Im Vordergrund steht, dass somit Antriebsenergie eingespart werden kann. Und genau dieser Entwicklung der letzten 70 Jahre widmet sich markenunabhängig die Anschluss-Sonderausstellung. Dabei verdeutlichen einzigartige und seltene Fahrzeuge die Verbindung von Form und Luftwiderstand in verschiedenen Facetten. Gönnen Sie sich die seltenen wie zeitlich begrenzten An- und Einblicke.

 

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