Autonom Fahren: „Die Vision liegt in sehr, sehr weiter Ferne“

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Vernetzung der Fahrzeuge untereinander muss gefördert werden

Wie sehen Sie denn dann die nahe Zukunft des autonomen Fahrens?

Wenn man positiv in die Zukunft blickt, und wenn ich mir was wünschen könnte, dann ist es eine verbesserte Unterstützung des Fahrers durch die grandiosen Möglichkeiten der Computertechnik.

Wie würde das konkret aussehen?

Ich fahre auf einer kurvigen, unübersichtlichen Landstraße. Vor mir ist ein Traktor, den ich überholen möchte. Es wäre außerordentlich hilfreich, wenn alle Autos im Umfeld mit meinem Fahrzeug kommunizieren würden und wenn der Rechner zu mir sprechen könnte: „Achtung, nicht überholen, es kommt ein schneller Sportwagen entgegen.“ Wenn ich es trotzdem versuche, sollte mich der Autopilot daran hindern, das Lenkrad sollte vibrieren und ein Stimme sollte rufen: „Stopp nicht rausfahren, Gegenverkehr!“

Was geht Ihnen diesbezüglich noch durch den Kopf?

Das Auto sollte den Fahrer darauf hinweisen, dass die nasse Straße bei minus ein Grad Celsius über eine Stahlbrücke führt. Der Computer sollte die Empfehlung aussprechen mit maximal 60km/h weiterzufahren, denn es wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Brücke glatt sein. Das wäre ein Weg, der in der Luftfahrt schon etliche Jahre erfolgreich beschritten wird. Fähigkeiten der Computer sollten dafür genutzt werden, dem Menschen zu helfen und zu entlasten, aber er sollte nicht aus dem Regelkreis gedrängt werden. Der Mensch sollte fahren, aber schlaue Computer, sollten aufpassen, dass nicht zu schnell gefahren wird, eine Kurve nicht übersehen wird und vor einem Stauende rechtzeitig gebremst wird. Auch zu dichtes Auffahren sollte der Rechner unterbinden. Zusätzlich kann eine computergestützte Messung der Müdigkeit, mit der Aufforderung eine Pause einzulegen, die Wahrscheinlichkeit von Sekundenschlaf reduzieren. Auf Hilfsmittel dieser Art sollte der Schwerpunkt gelegt werden und nicht darauf, dass das Auto alle Aufgaben autonom übernimmt.

Somit müsste vor allem die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander vorangetrieben werden.

Ja unbedingt, denn das bietet dem Fahrer eine sinnvolle Unterstützung, wie zum Beispiel das rechtzeitige Erkennen von Gefahrenstellen und von gefährlichen Verkehrssituationen. Für mich ist es ein Anachronismus, dass man immer noch auf ein Stauende zufährt, die Bremslichter sieht und dann erst reagiert. Die Autos sollten miteinander kommunizieren, diese einfachen technischen Optionen werden leider noch nicht ausreichend genutzt. Die bestehenden Möglichkeiten weiter zu optimieren, darin besteht für mich der nächste Schritt. Wenn das alles perfekt funktioniert, dann kann man darüber nachdenken, ob man den Automationsgrad an einigen Stellen noch weiter erhöht.

Setzen die Entwickler der Automobilindustrie momentan die falschen Schwerpunkte?

Ich finde es traurig, dass die technischen Möglichkeiten, die wirklich Leben retten könnten, wie zum Beispiel die Stauende-Warner, von der Automobilindustrie nicht mit demselben Nachdruck verfolgt werden, wie die Vision des autonomen Fahrens. Es ist vielleicht nicht so spektakulär, einen Abbiegeassistenten flächendeckend einzuführen wie die Möglichkeit die eigene Oma alleine auf die Reise zu schicken. Aber ich bin der Meinung, dass es darum geht, mit dem geringsten technischen Aufwand die größtmögliche Sicherheit zu erreichen, was durch den Stauwarner, den Glatteiswarner, den Abbiegeassistenten ermöglicht wird. Es ist die Aufgabe des Gesetzgebers, eine verpflichtende Einführung von potentiell lebensrettenden Assistenzsystemen sicherzustellen. Eine Einbaupflicht würde durch die steigenden Stückzahlen auch dafür sorgen, dass diese Systeme günstiger werden. In diese Richtung sollte die Entwicklung gehen und der Hype um das autonome Fahren sollte etwas eingedämmt werden.

Ziel: Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen

Ist das nicht ein zu großer Eingriff in die unternehmerische Autonomie der Hersteller?

Die Einschränkungen sind gar nicht so groß, wenn beschlossen wird, jedes Auto mit den beschriebenen Hilfsmitteln auszurüsten. Ich kann mich erinnern, wie in den 1960er-Jahren der Sicherheitsgurt eingeführt wurde. Das haben viele als Einschränkung ihrer Freiheit wahrgenommen. Dieser Eingriff war tatsächlich viel dramatischer als ein Abbiegeassistent. Da wird doch nur eine akustische Warnung eingebaut und vielleicht die Bremse betätigt. Niemand kann ernsthaft dagegen sein, dass der Gesetzgeber strikte Regeln implementiert, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Mehrere Tausend Tote jedes Jahr sind eine Herausforderung für die Industrie und den Staat. Es geht deshalb darum zu untersuchen, mit welchen Maßnahmen ein Optimum an Sicherheit erreicht werden kann.

Das klingt überzeugend.

Es sollte vorrangig nicht um den Einbau netter kleiner Features gehen, die ganz witzig, aber nicht sicherheitsrelevant sind, oder unter Umständen die Sicherheit sogar reduzieren. Ein Beispiel, das ich immer wieder erlebe: Wenn man ins Taxi steigt und dem Fahrer ein ihm unbekanntes Ziel nennt, dann fährt er schon mal los, um dann in einer halsbrecherischen Aktion das Navi zu programmieren. Da müsste es eine Systemlogik geben, die die Programmierung per Hand unmöglich macht, so lange sich das Fahrzeug bewegt. Also entweder geht das über Sprachsteuerung, oder man muss an den Fahrbahnrand fahren, stoppen und das Ziel dann eingeben. Das sind ganz triviale Dinge, die die Sicherheit deutlich verbessern könnten. Ich habe mir angewöhnt, während der Fahrt nichts manuell in mein Navi einzugeben. Es ist einfach ein unverhältnismäßig hohes Risiko.

Sie nutzen also selbst ein Fahrzeug mit Assistenzsystemen?

Das tue ich mit Freude, und da sind viele sinnvolle Helfer eingebaut und im Einsatz. Eines verwundert mich aber sehr.

Was ist das?

Ich als Fahrer eines Fahrzeugs mit vielen Assistenzsystemen bin auf dem Fahrzeug gar nicht entsprechend geschult worden. Ich steige einfach ein und fahre damit los. Es müsste eine Form von Training stattfinden, das mich mit dem System, seinen Möglichkeiten, aber auch seinen Grenzen vertraut macht. Vielleicht nutze ich die Systeme falsch? Es gibt folglich noch etliche Dinge, über die man sich beim Thema „Zukunft des Autos“ Gedanken machen muss. Die Schwerpunkte müssten nach meinem Dafürhalten anders gesetzt werden – nicht das Herausdrängen des Menschen aus dem Regelkreis, sondern die Unterstützung des Menschen durch die Assistenzsysteme sollte der Schwerpunkt sein. Und ganz wichtig: Je komplexer das System ist, desto besser muss der Nutzer im Umgang damit ausgebildet sein, um die Möglichkeiten aber auch Grenzen der Systeme zu kennen und zu respektieren.

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