Fahrerassistenzsysteme Bosch – vor 100 Jahren das erste RDKS

Von Steffen Dominsky 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Kaum zu glauben, aber wahr: Schon lange bevor es Elektroniken gab, hatte der bekannte Fahrzeugausrüster sein erstes Reifendruck-Kontrollsystem erfunden. Initiator desselben war ein Pilz.

1923 ging mit der „Bosch-Glocke“ das erste Reifendruck-Kontrollsystem an den Start. (Bild:  Bosch)
1923 ging mit der „Bosch-Glocke“ das erste Reifendruck-Kontrollsystem an den Start.
(Bild: Bosch)

Sensoren von Bosch findet man überall, wo Technik ist. Mehrere in jedem zweiten Smartphone weltweit, durchschnittlich 22 Chips in jedem Auto. Sie helfen, Unfälle zu verhindern, Ressourcen zu sparen, die Umwelt zu schonen. Aber das nicht erst seit wenigen Jahren. Den ersten Sensor brachte Bosch bereits vor einem Jahrhundert auf den Markt. Genauer gesagt das erste Reifendruck-Kontrollsystem (RDKS). Es bzw. sie war ein Helfer in der Not: die Bosch-Glocke, die Automobilisten vor Druckverlust in Reifen warnte.

Nicht hierzulande sah Bosch einen Markt für seine Reifenglocke.(Bild:  Bosch)
Nicht hierzulande sah Bosch einen Markt für seine Reifenglocke.
(Bild: Bosch)

Die kurze Erfolgsgeschichte der Bosch-Glocke fällt in die Phase zwischen 1910 und 1930, in der sich Bosch als Universalanbieter für Kraftfahrzeugelektrik etablierte. Das Automobil entwickelte sich vom Luxusspielzeug für reiche Enthusiasten zum Alltagstransportmittel für Menschen und Güter. Bei Nacht brauchten die Fahrzeuge Licht, bei Regen Scheibenwischer und zum Warnen anderer Verkehrsteilnehmer ein Horn. Und wer wollte ein Auto ankurbeln, wenn Bosch einen elektrischen Anlasser anbieten konnte? Bosch setzte auf dieses Geschäftsmodell und hatte damit Erfolg.

Antwort auf den Reifenmangel

Aber warum brauchte man die Glocke und was machte sie erfolgreich? Sie war das richtige Produkt zur richtigen Zeit: In den frühen 1920er-Jahren bekam der Automobilismus einen starken Schub, allein in Deutschland stieg die Zahl der Automobile bis 1925 auf das Dreifache des Jahres 1910. Aber die Bereifung wurde teuer, und das war der Startschuss für die Entwicklung der Glocke: Denn Anfang der 1920er-Jahre fiel der Autoboom mit einem Mangel an Kautschuk zusammen, dem Grundstoff für Reifengummi. Der Kautschuksaft wurde damals ausschließlich in Brasilien aus Wildbäumen gezapft, und diese litten unter einem grassierenden Pilzbefall, der den Export des Kautschuks und damit die Reifenproduktion weltweit drastisch sinken ließ. Reifen wurden sehr kostspielig, und Bosch warb damit, dass ein Satz mit sechs Bosch-Glocken weniger kostete als ein neuer Reifen.

„Das Reifenkonto ist das Schmerzensgeld eines jeden Automobilfahrers“, hieß es in einem Prospekt. Denn wenn der Reifen schlagartig platzte, war es meist zu spät, ihn zu retten. Die Bosch-Glocke half bei langsam eintretenden Schäden: Druckverlust bei kleinen Verletzungen am Reifen oder defektem Ventil. Mit zu wenig Luft gefahren, war der Reifen schnell unbrauchbar. Infolge der meist sehr weichen kutschenartigen Federung bemerkten die Fahrer kaum den leichten Druckverlust.

Schnelles Handeln und kurze Blüte

Die Bosch-Glocke wurde jeweils an jeder Radfelge verschraubt. Im eiförmigen Gehäuse befand sich eine mechanische Glocke. Der löffelartige, sogenannte Kniehebel stand seitlich an der Reifenflanke entlang in Richtung Reifenprofil. Verlor der Reifen schleichend Luft, wurde die Reifenflanke breiter und drückte den beweglichen Hebel nach außen. Das löste unter der Glockenkuppel ein lautes Klingelgeräusch aus. Der Automobilist war gewarnt und konnte den Reifen wieder auffüllen und der Ursache für den Luftverlust nachgehen.

Die Entwicklung startete im Sommer 1922, als sich der Reifenmangel zu manifestieren begann. Und bis zum Frühjahr 1923 war das Produkt marktreif. Bosch bewies einmal mehr die Fähigkeit zur schnellen Entwicklung der Idee zum Produkt und seiner raschen Industrialisierung. Da der Reifenmangel kein regionales Problem war, begann Bosch noch im selben Jahr auch mit der internationalen Vermarktung. Doch die Blüte währte nur kurz. Denn mit dem industriellen Anbau von Kautschukbäumen in Ländern Südostasiens war der Mangel Mitte der 1920er-Jahre beseitigt. Die kurze Ära der Bosch-Glocke ging damit zu Ende. Der erste Sensor, den Bosch herstellte, war zu teuer geworden, um die jetzt wieder billigen Reifen zu schützen.

 

(ID:49326224)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung