Mercedes-Benz Bruno Sacco verstorben

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

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Bruno Sacco, einer der bekanntesten Designer der Automobilgeschichte, ist am 19. September 2024 im Alter von 90 Jahren in Sindelfingen verstorben. Der gebürtige Italiener mit deutscher Staatsbürgerschaft war von 1975 bis zum Beginn des Ruhestands im Jahr 1999 Chefdesigner von Mercedes-Benz.

Mit 90 Jahren verstorben: Bruno Sacco in seinem persönlichen Mercedes-Benz 560 SEC(Bild:  Mercedes-Benz AG)
Mit 90 Jahren verstorben: Bruno Sacco in seinem persönlichen Mercedes-Benz 560 SEC
(Bild: Mercedes-Benz AG)

Die E-Klasse der Baureihe 124 mit allen vier Karosserievarianten, die S-Klasse der Baureihe 126 inklusive des Coupés, der Mercedes-Benz 190 (W 201) und der SL der Baureihe R 129: Das sind einige Fahrzeuge, die unter Bruno Sacco als Leiter des Designbereichs entstehen. Zugleich dokumentieren sie und viele weitere Personenwagen und Nutzfahrzeuge das Leitmotiv, dem er stets folgte: „Ein Mercedes-Benz muss immer aussehen wie ein Mercedes-Benz.“ Damit prägte der weit über die Marke hinaus geachtete Designer die Formensprache mehrerer Modellgenerationen. Sacco trat 1958 in die damalige Daimler-Benz AG ein und arbeitet sein ganzes Berufsleben lang für das Unternehmen.

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Bruno Sacco wurde am 12. November 1933 in Udine geboren als Sohn des Kommandeurs eines Gebirgsjägerbataillons. 1951 schloss er im Alter von 17 Jahren in seinem Heimatort das Studium als jüngster Geometer Italiens ab. Im gleichen Jahr besuchte er den Automobilsalon in Turin: In diesem Zentrum moderner Designideen präsentieren Italiens große Automobildesigner neue Modelle, Studien und Entwürfe. Fasziniert von der Welt der Automobilformen, besuchte Sacco ab 1952 die Polytechnische Hochschule in Turin. 1955 schloss er sich der in Turin ansässigen Carrozzeria Ghia SpA an und sammelte Erfahrungen bei der Modellherstellung. Bei Ghia entstanden aufregende Studien, die futuristischen Flugzeugen ähneln, aber auch elegante Alltagsautomobile.

Der Kombi des „W123“ war sein erstes Werk als neuer Leiter

Ende 1957 lernte Sacco in Turin Karl Wilfert kennen. Der Leiter des Mercedes-Benz Karosserieversuchs im Werk Sindelfingen baute seit Mitte der Fünfzigerjahre die neue Abteilung Stilistik auf, die Friedrich Geiger leitete. Als erster reiner Automobildesigner wurde Paul Bracq von Wilfert eingestellt. Nach einer Einladung an Bruno Sacco in das Werk Sindelfingen folgte 1958 dessen Anstellung als zweiter Stilist. Sacco arbeitet im Bereich Karosserievorentwicklung und später als Leiter der Abteilung Karosseriekonstruktion und Maßkonzeption. In dieser Zeit entstanden herausragende Modelle wie der Mercedes-Benz 600 (W 100, 1963 bis 1981) und der 230 SL „Pagode“ (W 113, Produktionszeit der Baureihe 1963 bis 1971). Dazu übernahm er die Design-Projektleitung für Sicherheitsausstellungen und prägt die Wankelmotor-Experimentalfahrzeuge C 111 (1969) sowie C 111-II (1970). Unter seiner Mitwirkung entstanden weitverbreitete Fahrzeuge wie die Mittelklasse-Baureihe 123 (1976 bis 1986).

Mit der Ernennung zum Oberingenieur übernahm Sacco 1975 die Nachfolge von Friedrich Geiger als Leiter der Hauptabteilung Stilistik. Das erste von ihm verantwortete Fahrzeug ist das T-Modell der Baureihe 123, das 1977 als erste Kombilimousine der Marke vorgestellt wurde. In dieser Zeit prägte er die Form der eleganten S-Klasse der Baureihe 126 (1979 bis 1992) und des zugehörigen Coupés (1981 bis 1991). Auf diese Typen war er besonders stolz: „Die Baureihe 126 in allen Gestaltungsformen ist das Beste, was ich für Mercedes-Benz gemacht habe“, sagte Sacco Jahrzehnte später im Rückblick. Kein Wunder, dass während seines Ruhestands ein eleganter, dunkelblauer 560 SEC in seiner Doppelgarage stand.

Die Sache mit den Seitenschutzleisten

Als kluger und disziplinierter Verfechter seiner Arbeit verstand er es, dem Design in der Hierarchie von Mercedes-Benz die angemessene Bedeutung zu verleihen. So wurde die Hauptabteilung Stilistik 1978 zum Fachbereich aufgewertet, mit Bruno Sacco an der Spitze. Sacco bezeichnete sich selbst als Ästhet, er legte Wert auf Ausdruckssubstanz und Symbolstärke. Einer seiner Ansprüche: Bei einem Mercedes-Benz Automobil soll von einer Modellgeneration zur nächsten die Modellreihen-Identität erhalten bleiben, um eine Generation nach der Vorstellung der nachfolgenden nicht alt wirken zu lassen. Zudem soll jeder Mercedes-Benz überall auf der Erde als Vertreter dieser Marke zu erkennen sein. Ein markantes, von Sacco 1979 eingeführtes Detail sind die Seitenschutzleisten im Design der Frontstoßfänger der S-Klasse der Baureihe 126. Dieses Gestaltungselement findet sich in den folgenden Jahren auch in der innovativen Kompaktklasse (W 201, 1982 bis 1993), der Baureihe 124 (1984 bis 1997), der S-Klasse der Baureihe 140 (1991 bis 1998) und dem SL der Baureihe R 129 (1989 bis 2001).

Unterscheidungsmerkmale einzelner Modelle sind trotz der Familienidentität gewollt. So legte Sacco Wert darauf, dass der SLK (R 170, 1996 bis 2004) sich deutlich vom größeren SL (R 129) absetzt, um eine interne Konkurrenz zu vermeiden. Diesen SL schätzte Sacco auch 30 Jahre später nach wie vor: „Mir gefällt der R 129 immer noch“, sagt er im Rückblick. 1993 wurde Sacco Mitglied des Direktorenkreises des Unternehmens. In dieser Eigenschaft fiel auch die Gestaltung der Nutzfahrzeuge von Mercedes-Benz in seinen Verantwortungsbereich. Mit Sacco als Designchef betonte Mercedes-Benz zunehmend Ästhetik wie aerodynamische Effizienz. Proportionen und die Linienführung sind klar, Funktionalität ist betont. Saccos Philosophie einer zeitlosen Eleganz sprach auch ein jüngeres Publikum an. Das traf zunächst auf den Typ 190 (W 201) zu, welcher der Marke neue Käuferschichten erschloss. Besonders deutlich wurde Saccos Handschrift während der Modelloffensive Mitte der Neunzigerjahre, als A-Klasse (Baureihe 168, 1997 bis 2005), M-Klasse (Baureihe 163, 1997 bis 2004), SLK (R 170), CLK (Baureihe 208, 1997 bis 2003) und V-Klasse (W 638, 1996 bis 2003) die Modellvielfalt des Automobilherstellers deutlich erweitern.

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Mitglied der „Automotive Hall of Fame“

Die letzten von Bruno Sacco vor seinem Ruhestand verantworteten Modelle sind die S-Klasse der Baureihe 220 (1998 bis 2005) und das CL-Klasse Oberklassecoupé der Baureihe C 215 (1999 bis 2006). Sacco lag die formale Verantwortung der Marke am Herzen – dabei geht es nicht nur um die Fahrzeuge. Er initiiert das neue Design-Center in Sindelfingen, das der italienische Stararchitekt und Industriedesigner Renzo Piano in Zusammenarbeit mit dem Gaggenauer Architekturbüro C. Kohlbecker entworfen hatte. Seine Fähigkeit, Ästhetik und Technik harmonisch zu verbinden, machten Bruno Sacco zu einem der einflussreichsten Designer der Automobilgeschichte. Am 31. März 1999 ging er in den Ruhestand, versehen mit zahlreichen Auszeichnungen. Die Nachfolge als Chefdesigner von Mercedes-Benz trat Peter Pfeiffer an. Bruno Sacco erhielt 2002 die Ehrendoktorwürde der Universität Udine. 2006 wurde er in die „Automotive Hall of Fame“ in Dearborn, Michigan, und 2007 in die „European Automotive Hall of Fame" in Genf aufgenommen. Bruno Sacco sagte nach zwei Jahrzehnten im Ruhestand: „Mercedes ist mein Leben gewesen, und ich stehe hundertprozentig für diese Zeit.“

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