Dale – die gescheiterte Revolutionierung der Autoindustrie

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Die Einfachheit der Architektur erlaubte es, mehrere Karosserien auf die gleiche Plattform aufzusetzen. Neben dem flachen, sportlichen Grundmodell war eine geräumigere Variante namens Revelle geplant, darüber hinaus sollte es den Achtsitzer Vanagen geben – einen Crossover. Weniger als 2.000 Dollar sollte der Dale kosten, die Broschüre spezifizierte darüber hinaus eine 30-Monats-Garantie für 100 Dollar. Heute fordert die Inflation ihren Tribut, für einen modernen Dale würden wohl 35.000 Dollar aufgerufen.

Im Küstenstaat Kalifornien herrschen ideale Bedingungen für innovative Unternehmer. Nur in diesem Umfeld kann sich die Kreativität entfalten, um die Mächtigen und Ewiggestrigen herauszufordern. Liz Carmichael hat dies bereits früh erkannt: Die Firmenzentrale war in Burbank nahe Los Angeles beheimatet. Wortgewaltig kündigte sie von dort aus an, die Autoindustrie vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Ich werde die Autoindustrie wie eine Queen anführen“. Der „Chicago Sun-Times“ erzählte sie, sie sei „auf Kollisionskurs“ mit der Autoindustrie, die der Öffentlichkeit „seit 30 Jahren“ nichts neues geboten habe – „vielleicht mit Ausnahme des Automatikgetriebes.“

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Die Presse ist begeistert vom Dale

Kein Wunder, dass der Dale viele Skribenten überzeugte – nicht nur aufgrund seiner Produkteigenschaften, sondern auch wegen der Vision, die er symbolisierte: Der Vision einer besseren, effizienteren Zukunft, in der man keinen Dogmen folgt, sondern sich unvoreingenommen auf Neues einlässt. In der „Chicago Sun-Times“ pries Dan Jadlicka das Fahrzeug: „Was Amerika braucht, ist ein Dreiliter-Auto, das weniger als 2.000 Dollar kostet und wenig Wartung benötigt.“ Und fuhr kühn fort: „Die Twentieth Century Motor Company, die nicht glaubt, dass Detroit ein gottgegebenes Recht darauf habe, Autos zu bauen, hat so ein Fahrzeug.“

Das unrühmliche Ende

Die Vorschusslorbeeren entpuppten sich als Fake News. Das Fachblatt „Car and Driver“ stellte bei einem Vor-Ort-Termin ungnädig fest, dass die Achsen des Dale-Prototypen in Holzklötzen verankert waren; für den Vortrieb des medial hochgepriesenen Exponats sorgte ein Rasenmäher-Aggregat aus dem Hause Briggs & Stratton.

Und so wurden die ambitionierten Produktionsziele nie erreicht. Stolze 88.000 Exemplare wollte Liz Carmichael im ersten Jahr vom Band laufen lassen, im zweiten Produktionsjahr sollten 250.000 Einheiten erreicht werden. Doch leider wurde der Zeitplan nicht eingehalten: Es blieb bei drei Stück. Zu allem Überfluss fühlten sich die Investoren – die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag – restlos verschaukelt. Man hatte ihnen suggeriert, die automobile Revolution stünde unmittelbar bevor. Tatsächlich gab es wohl nie Pläne für eine Massenproduktion.

Nicht nur die Investoren verloren ihren Einsatz. Auch das Weltbild der Fangemeinde trug schmerzhafte Kratzer davon. Frau Carmichael hatte sich als Heroine aus einem Ayn-Rand-Roman stilisiert, die Firma trug den Namen „Twentieth Century Motor Company“ – eine Anspielung auf die gleichnamige Firma aus der Kapitalismus-Bibel „Atlas Shrugged“. Irgendwann dämmerte es den Fans: Das Magazin „Libertarian Forum“ warnte im Mai 1975 vor der „Libertären Abzocke“ und flehte, ein „gesunder Skeptizismus“ möge sich durchsetzen.

Selbst die Libertären haben damals gezweifelt – eine verpasste Chance für Industrie und Gesellschaft? Wer dem kreativen Sparmobil nachtrauert, der mag sich daran erbauen, dass sich die Welt geändert hat. Die Politik hat inzwischen ein offenes Ohr für disruptive Querdenker, die kritische Presse konzentriert sich auf die tatsächlichen oder imaginierten Verfehlungen der Altkonzerne. Liz Carmichaels Epigonen haben noch nie so gute Bedingungen vorgefunden wie heute.

Dieser Artikel ist entstanden in Kooperation mit GTspirit.de

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