Der Automobilhandel zwischen Evolution und Revolution
In einer Studie im Auftrag der Dekra hat Prof. Willi Diez die Zukunft des Automobilhandel untersucht. Er sieht Handlungsbedarf, da das derzeitige Geschäftsmodell Konstruktionsschwächen hat.
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Der Umbruch im Automobilhandel in Deutschland ist in vollem Gange, das traditionelle Geschäftsmodell steckt weiter in der Krise. In den nächsten gut zehn Jahren wird sich die Zahl der wirtschaftlich und rechtlich selbstständigen Automobilhändler um fast die Hälfte reduzieren. Diese Erwartung formuliert das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) der Hochschule Nürtingen-Geislingen in einer Studie für die Sachverständigenorganisation Dekra. In einer auf den Ergebnissen aufbauenden Podiumsdiskussion kamen die Teilnehmer aus dem Handel, vom Verband und von Herstellerseite zu dem Schluss, dass das derzeitige Modell reformiert werden müsse.
Symptome für die strukturellen Probleme der Branche seien niedrige Renditen und Eigenkapitalquoten sowie eine anhaltend hohe Zahl von Insolvenzen, erläuterte IFA-Leiter Professor Willi Diez. „Allein die Quersubventionierung des Neuwagengeschäfts durch den anhaltend profitablen Aftersales-Bereich hat bislang bei den meisten Fabrikaten in Deutschland den vollständigen Zusammenbruch der Vertriebssysteme verhindert.“
Das traditionelle Geschäftsmodell des Automobilhandels basiert auf zwei gegenläufigen Strukturelementen: Auf der einen Seite steht das freie Unternehmertum der Händler, auf der anderen Seite die Systemführerschaft der Automobilhersteller. „Dieses Geschäftsmodell hat so lange funktioniert, wie der Markt gewachsen ist und sowohl Handel als auch Hersteller ihre Volumenziele und ihre Preise am Markt durchsetzen konnten“, betonte Diez. „Mit dem Übergang von einem wachsenden in einen stagnierenden Markt mit einem zunehmend intensiveren Wettbewerb haben sich jedoch wesentliche Prämissen und Mechanismen dieses Systems verändert.“
Wettbewerb verschärft sich weiter
So hat die Etablierung von internetbasierten Neuwagenportalen den Preiswettbewerb in der Branche weiter verschärft. Gleichzeitig haben die sogenannten „Push-Zulassungen“, also die Eigenzulassungen von Herstellern und Händlern, deutlich zugenommen: Lagen sie im Jahr 2010 noch bei 26,2 Prozent des Gesamtabsatzes, erreichten sie im ersten Halbjahr 2014 knapp 29 Prozent.
Die „Konstruktionsschwäche“ des heutigen Geschäftsmodells, so die IFA-Experten, liege darin, dass der Vertragshändler einerseits das volle Preis- und Absatzrisiko trägt, jedoch andererseits seine Möglichkeiten, die Kosten zu beeinflussen, sehr beschränkt sind. Der größte Kostenblock sind die Anschaffungskosten für Neuwagen, auf die der Händler praktisch keinen Einfluss hat. Auch andere wesentliche Kostenelemente werden durch die Hersteller und ihre verbindlichen Standards – etwa in Sachen Showroom und multimediale Ausstattung – stark mitbestimmt. „Der Handel hat also kaum Möglichkeiten, sich an die veränderten Marktverhältnisse anzupassen, und sieht sich daher wachsenden Existenzrisiken gegenüber“, führte Diez aus.
Konzentrationsprozess schreitet fort
Zur Zeit gibt es noch rund 7.850 Automobilhandelsunternehmen in Deutschland. Für das Jahr 2025 rechnen die IFA-Experten damit, dass die Zahl auf 4.250 sinkt; das entspräche einem Rückgang um rund 46 Prozent. Das durchschnittliche Verkaufsvolumen dürfte dann bei etwas mehr als 700 Fahrzeugen pro Jahr liegen. Zum Vergleich: Heute liegt es in Deutschland bei 390. Demgegenüber verkauft etwa in den USA ein Händler heute im Durchschnitt 880 Einheiten jährlich.
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