Vor allem solche Fahrzeuge, die hohe emotionale und/oder monetäre Werte besitzen, werden mit Lackversiegelungen versehen. Doch wie bekommt man diese „Schutzanstriche“ im Zweifel wieder ab?
Dr. Gundula Tutts Erfahrung mit der Lackierung auf nicht vollständig entfernter Lackversiegelung: weißliche Schleier rund um die ausgenebelte Fläche.
(Bild: Dr. Gundula Tutt)
Nano, Teflon, Keramik – welcher Kfz-Profi kennt nicht die Schlagworte der Hersteller und Vertreiber von Lackversiegelungen. Ob alle diese Mittel die ihnen nachgesagte Wirkung erzielen, darf bezweifelt werden. Manchmal verspricht das Marketing mehr, als die Produktentwicklung halten kann. Doch das ist nicht allein bei Lackversiegelungen so. Handelt es sich um ein wirksames Produkt, kann sich die Investition in eine Lackversiegelung durchaus lohnen. Sicher nicht bei einem in die Jahre gekommenen und verschrammten Gebrauchtwagen, wohl aber bei einem Fahrzeug mit hohem emotionalen und/oder monetären Wert.
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Erlitt ein solches Fahrzeug einen kleineren Schaden, geht man an dessen Instandsetzung heute anders heran als noch vor einigen Jahren. Motto: Reparatur statt Ersatz. Sicher hat das auch mit dem aktuell omnipräsenten Begriff Nachhaltigkeit zu tun, vor allem aber mit einer höheren Wertschätzung des originalen materiellen Zustands. Damit verbunden ist häufig auch ein entsprechend höherer monetärer Wert. Bleibt dieser Sachverhalt unbeachtet, kann das im Umkehrschluss Wertminderung bedeuten.
Reparatur statt Ersatz
Die aufgezeigte Entwicklung vollzog sich bereits bei historischen Fahrzeugen, ist dort mehr als nur ein Trend und lässt sich auf jüngere Fahrzeuge mit Oldtimerpotenzial übertragen. Die Chance, älter als 30 Jahre zu werden, haben nun mal vor allem Fahrzeuge mit hohen emotionalen und monetären Werten. Sie werden gepflegt, wozu auch eine professionelle Lackversiegelung beitragen kann.
Reparatur statt Ersatz – das kann Rückverformen ebenso bedeuten wie nur abschnittsweisen Ersatz eines Bauteils der Karosserieaußenhaut, beispielsweise eines Kotflügels. So oder so bleibt das werksoriginale Bauteil (weitgehend) erhalten. Trägt es eine Lackversiegelung, muss diese vollständig vom Bauteil entfernt werden. Anderenfalls entsteht bei der Reparaturlackierung das, was die Lackexpertin Dr. Gundula Tutt im Infokasten unten als „inakzeptable Ergebnisse“ bezeichnet: weißliche Schleier an den Rändern der bearbeiteten Fläche. Auch dürfte die Haftung der Nachlackierung auf die Haftdauer einer gegebenenfalls darunter liegenden Versiegelung begrenzt sein.
Fehler vermeiden
Wie sich eine Lackversiegelung wieder entfernen lässt und wie man den Erfolg dieser Arbeit kontrolliert, erklärt Jörg Reents, Gründer und Geschäftsführer des Dresdener Beschichtungsentwicklers und -herstellers Servfaces: „Wir empfehlen das Schleifen der Bauteiloberfläche mit 3.000er-Körnung, bis eine flächige Mattierung eingetreten ist, und dann den Wassersprühtest. Perlt das Wasser an der einen oder anderen Stelle noch ab, ist vorsichtig nachzuarbeiten. Ich betone ‚vorsichtig‘, weil das Abtragen von ein bis drei Mikrometern üblicherweise genügt, erfahrungsgemäß aber bei Nachlackierungen meist 10 bis 15 Mikrometer abgetragen werden.“
Die Meinung der Expertin: Russisches Roulette
Auch historische Lacke versiegeln?
Dr. Gundula Tutt.
(Bild: Dr. Gundula Tutt)
Dr. Gundula Tutt arbeitet seit 2005 als selbstständige Fahrzeugrestauratorin. Ihre Spezialgebiete sind die Konservierung und Restaurierung von Oberflächen, unter anderem Lackierungen. Zur Versiegelung (Coating) historischer Lacke ist ihre Meinung eindeutig:
„Historische Beschichtungen wie Nitrozellulose- oder Thermoplast-Lacke sind grundsätzlich gegenüber einer Vielzahl von Lösemitteln und deren Mischungen empfindlich, die diese Lackierungen quellen und anlösen, ja sogar auflösen können. Je nach Lösemittel verursacht das sichtbare Veränderungen des Lacks, beispielsweise raue, matte Stellen, Blasenbildung oder andere Verformungen. Möglich ist auch das Ausbluten oder Verfärben von Pigmenten. Weil die in den Versiegelungen enthaltenen Lösemittel von den Herstellern oft nicht deklariert werden, ist ihre Wirkung nicht abschätzbar und das Auftragen somit vergleichbar mit russischem Roulette. Was nicht heißen soll, dass deklarierte Lösemittel die zuvor genannten Wirkungen nicht haben können.
Leider musste ich schon selbst feststellen, dass eine Beilackierung mit historischen Lackmaterialien in gecoateten Bereichen zu inakzeptablen Ergebnissen führte. Rund um die ausgenebelte Fläche entstanden weißliche Schleier. In einem solchen Fall hilft nur, die Coating-Schicht großflächig fein abzuschleifen und die damit wieder freigelegte Lackierung anschließend flächig zu polieren. Genau genommen muss das über das gesamte Fahrzeug erfolgen, weil die vom Coating befreite Fläche in Glanz und Oberfläche anders wirkt als angrenzende, mit dem Coating versehene Flächen. Polieren bedeutet jedoch mechanisches Abtragen, was stets mit Materialverlust verbunden ist. Je nach vorhandener, möglicherweise bereits reduzierter Schichtdicke einer Decklackierung kann das leicht zum sichtbaren Durchpolieren führen. Meine Empfehlung: Finger weg von solchen Überzügen auf historischen Lacken! Eine nur kurzfristige kosmetische Wirkung steht nicht verantwortbaren Risiken und Schäden gegenüber.“
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Die anfangs formulierten Zweifel an der Wirksamkeit so mancher Lackversiegelungen bestätigt Jörg Reents: „Tatsächlich sind viele Bezeichnungen nur Marketinginstrumente. Nano und Keramik werden beispielsweise oft missbraucht. Viele preisgünstige sogenannte Keramikversiegelungen basieren auf einem Silikonharz und halten starken Reinigungsmitteln mit pH-Werten zwischen 11 und 13, wie sie in Waschstraßen verwendet werden, nicht stand.“
Standzeit: 30 bis 36 Monate
Fehler können auch beim Auftragen der Lackversiegelung begangen werden, allein schon wegen der langen Aushärtungsphase. Doch der Reihe nach. Die Anwendungsschritte am Beispiel des Coat Ultima von Servfaces zeigen, dass Aufmerksamkeit und strikte Einhaltung der Anleitung nötig sind:
Oberflächen mit auf die Lackversiegelung abgestimmten Produkten des Herstellers reinigen und neutralisieren.
12 bis 18 Tropfen der Versiegelung auf ein Tuch geben und zügig auf der Oberfläche verteilen, bis ein sichtbarer Film entsteht.
Bauteil für Bauteil so bearbeiten, Tipp: Motorhaube und Dach mindestens halbieren.
Jedes Bauteil ein bis drei Minuten ablüften lassen (abhängig von Auftragsmenge, Luftfeuchtigkeit und Temperatur).
Überschüssige Versiegelung mit einem Tuch entfernen, an den Randbereichen zuerst und dann in geraden Bewegungen von außen nach innen.
Mit einem zweiten Tuch polieren, an den Randbereichen zuerst und dann, ohne Druck auszuüben, in kreisenden Bewegungen von außen nach innen.
Sind noch Schlieren sichtbar, ein drittes Tuch verwenden und das Polieren wiederholen.
Das Auftragen einer weiteren Versiegelungsschicht ist nach 20 Minuten möglich (nicht länger als 35 Minuten warten).
Nach 18 bis 24 Stunden ist die Lackversiegelung wetterfest.
Vollständig ausgehärtet ist die Versiegelung nach neun bis zehn Tagen.
Verarbeitbar ist die Lackversiegelung Coat Ultima zwischen 15 und 35 Grad Celsius, pro Quadratmeter werden drei bis fünf Milliliter benötigt. Bei nur einer Versiegelungsschicht ist eine Standzeit von 30 bis 36 Monaten zu erwarten. Jede weitere Schicht verlängert die Standzeit um neun bis zwölf Monate. Jörg Reents betont, die Aushärtungsphase einzuhalten: „Eine Lackversiegelung erfordert nach dem Auftragen eine gewisse Zeit, um sich mit der Oberfläche zu verbinden und vollständig auszuhärten. Nur so ist gewährleistet, dass das Produkt die gewünschte Wirkung erzielt. Bis dahin ist die Versiegelung noch empfindlich gegenüber mechanischer Belastung und starker Reibung. Das Fahrzeug in den ersten 9 bis 10 Tagen also weder maschinell noch per Hand waschen, Vogelkot und Insektenrückstände schnellstmöglich, aber sanft entfernen.“