Händler verklagen Auto1.com wegen schlampiger Arbeit

Autor Andreas Grimm

Dem Handel verspricht Auto1.com den sicheren Fahrzeugzukauf dank eingehender Dokumentation des Fahrzeugzustands. Dabei passieren immer wieder gravierende Fehler, doch nicht alle Reklamationen werden gütlich gelöst.

(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Der Online-Marktplatz für Gebrauchtwagen, Auto1.com, beziehungsweise die dahinterstehende Auto-1-Group, ist derzeit der Liebling der Investoren. Bei den Händlern kommt das Geschäftsgebaren des Unternehmens allerdings weniger gut an. Zahlreiche Geschäftspartner sehen sich von dem Start-up so getäuscht, dass sie laut einer Recherche des „Spiegel“ Klage eingereicht haben.

Von mindestens 90 laufenden oder abgeschlossenen erstinstanzlichen Verfahren gegen Auto 1, geführt vor dem Landgericht Berlin oder dem Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, berichtet das Nachrichtenmagazin. In der Regel verlangen die Kläger eine Entschädigung für Defekte, die ihnen vor dem Kauf des Gebrauchtwagens nicht angezeigt worden waren.

Dieser Vorwurf rüttelt an einem zentralen Versprechen des Online-Marktplatzes, der mit einem „effizienten Zu- und Abverkauf geprüfter Gebrauchtwagen“ wirbt. Doch wenn, wie einige Fallbeispiele aus dem Handel nahelegen, die Gebrauchtfahrzeuge mit gravierenden Schäden übergeben werden, deren Behebung den Händler hunderte oder sogar tausende Euros kostet, ist jede Effizienz dahin.

Gleichzeitig erscheint das Prüfversprechen von Auto1.com fragwürdig: Im Leistungskatalog der Plattform steht unter anderem die „umfassende Dokumentation des Fahrzeugzustandes“. Ein defektes Hinterachsdifferenzial, das sich während der Probefahrt sofort durch laute Schleifgeräusche bemerkbar macht, aber von den Auto-1-Prüfern nicht erfasst wird, mag zu diesem Versprechen nicht recht passen. Der Bundesverband der freien Kfz-Händler (BVfK) ist über solche Berichte nicht überrascht. Die Zahl der Beschwerden sei auffällig hoch, das Verhalten von Auto1.com bei Reklamationen unbefriedigend, heißt es in dem „Spiegel“-Bericht.

Qualifiziertes Personal fehlt

Ein Grund für die Unzufriedenheit vieler Kunden im Handel könnte das schnelle Wachstum der Plattform sein, mit der der Aufbau qualifizierten Personals nicht Schritt halten kann. „Wenn man schnell wächst, sollte auch die Reklamationsabteilung mitwachsen“, sagte einer der klagenden Händler auf Nachfrage von »kfz-betrieb«.

Seit 2012 hatte die Plattform „Wirkaufendeinauto.de“, das auf Privatverkäufer ausgerichtete Schwesterunternehmen von Auto1.com innerhalb der Auto-1-Group, allein in Deutschland mehr als 100 Ankaufstellen eröffnet. Nicht immer reicht dort die Ausrüstung für eine eingehende Untersuchung der hereingenommenen Autos. Der „Spiegel“ berichtet von fehlenden Hebebühnen, Prüfern ohne technische Qualifikation und mit zu wenig Zeit für Probefahrten. Ähnliche Zustände bestätigen die zitierten Händler im Gespräch mit »kfz-betrieb«.

Andererseits überzeugt das Unternehmenskonzept von Auto1.com weiterhin die Investoren. Vor einem Jahr steckte der Wagniskapitalgeber Target Global eine höhere Millionensumme in die nicht börsennotierte Muttergesellschaft Auto-1-Group. Mitte Januar war der Technologiekonzern Softbank mit 460 Millionen Euro eingestiegen und katapultierte den Unternehmenswert auf 2,9 Milliarden Euro.

Das Wachstum wird also weitergehen, die Investitionen sollen sich ja rechnen. Jüngst hat Auto1.com dem Bericht zufolge ein Pilotprojekt gestartet, das den Händlern Kredite vermitteln soll zur Finanzierung ihrer Ankäufe.

Der Online-Marktplatz Auto1.com verfügt nach eigenen Angaben über 35.000 angeschlossene Partner-Händler aus über 30 Ländern. Die Plattform habe gut 30.000 geprüfte Gebrauchtwagen aller Marken und Modelle permanent im Bestand. Im Jahr 2016 seien gut 300.000 Fahrzeuge über die Plattform vermarktet worden, täglich würden 3.000 geprüfte Fahrzeuge hinzukommen.

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