Testgelände Iste Pista wie Pizza

Von Steffen Dominsky 5 min Lesedauer

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Am 1. Juli 1975 wurde sie eröffnet: die Pista di Nardò im Süden Italiens. Seit 2012 ist sie im Besitz von Porsche. Schon davor diente sie zahlreichen Automobilherstellern als Testgelände und veritable Möglichkeit, teils irrwitzige Rekorde aufzustellen.

Rund wie eine Pizza, aber über 12 km Umfang: das Nardò Technical Center, das seit 2012 Porsche gehört und die schnellste Automobilteststrecke der Welt ist, feiert dieser Tage ihren 50. Geburtstag.(Bild:  Porsche)
Rund wie eine Pizza, aber über 12 km Umfang: das Nardò Technical Center, das seit 2012 Porsche gehört und die schnellste Automobilteststrecke der Welt ist, feiert dieser Tage ihren 50. Geburtstag.
(Bild: Porsche)

Sie ist gemacht wie eine leckere Pizza: kreisrund mit einem erhöhten Rand. Doch wie der heutige Name Nardò Technical Center (NTC) bereits vermuten lässt, geht’s bei dieser keineswegs um leckere italienische Teigwaren; stattdessen um eine der berühmtesten Teststrecken für Automobile, die der Planet zu bieten hat. Dass es hier, geografisch auf der Innenseite des Absatzes des italienischen Stiefels, im Sommer und auf Asphalt ähnlich heiß wird wie in einem Steinofen, ist eine weitere „Gemeinsamkeit“ zwischen der Pista di Nardò und Italiens berühmter Kulinarik. Vor genau 50 Jahren wurde der traditionsreiche Automobilfladen eröffnet.

Die Strecke war ein Geschenk des italienischen Staates an den armen Süden des Landes. Ursprünglich wollte man hier die Basis eines sogenannten Teilchenbeschleunigers für die Kernforschung errichten, was auch die kreisrunde Form – leidlich untypisch für eine Automobilteststrecke – erklärt. Doch „irgendwas mit Atom“ wollten die Apulier dann doch nicht haben, und so suchte man nach einer alternativen Nutzung des riesengroßen, runden Grundstücks. Letztlich erbarmte sich der damals noch solvente Fiat-Konzern, das Gelände zu übernehmen und daraus eine Teststrecke zu machen. Dazu legten die Turiner zusätzlich zum runden Ring Handling- und Rüttelkurse, Geländepisten und Verschränkungsbahnen an und errichteten Werkstätten und Wartungshallen, sprich eine entsprechende Infrastruktur. Dabei war den Fiat-Oberen von vornherein bewusst, dass man das riesige Gelände keineswegs allein würde nutzen können. Und so dient Nardò von Anfang an als Testgelände für alles und jeden – hauptsache, man zahlt.

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Porsche Engineering

Die Porsche Engineering Group GmbH ist ein internationaler Technologiepartner der Automobilindustrie. Das Tochterunternehmen der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG entwickelt und integriert technologische Lösungen für seine B2B-Kunden aus der Automobilbranche und darüber hinaus – einschließlich Systeme, Hardware, Funktionen und Software. Etwa 2.000 Konzeptexperten, Ingenieure sowie Softwarearchitekten und -entwickler widmen sich den neuesten Technologien, beispielsweise in den Bereichen hochautomatisierte Fahrfunktionen, Elektromobilität und Hochvoltsysteme, Konnektivität und Künstliche Intelligenz. Ihr Ziel ist es, die Tradition des 1931 von Ferdinand Porsche gegründeten Konstruktionsbüros fortzuführen und innovative Lösungen für die zentralen technologischen Herausforderungen ihrer Industriekunden zu entwickeln und zu integrieren. Dabei vereinen sie umfassendes Fahrzeug- und Systemwissen mit Digital- und Softwarekompetenz.

Unvergessen die Hochgeschwindigkeitsattacken von Mercedes

Und zahlen tut das Who-is-who der Fahrzeugindustrie. Neben Fiat und den Stellantis-Konzermarken zählen auch Peugeot und Renault dazu, ebenso Mercedes-Benz und Nutzfahrzeughersteller wie MAN und Scania. Mit einem Durchmesser von 4 Kilometern und einer Streckenlänge von 12,6 Kilometern gilt Nardò als schnellster Automobilrundkurs der Welt. Möglich macht dies eine deutliche Überhöhung des Kreises nach außen hin, und zwar des gesamten. So gesehen ist die Strecke also keine Kreisbahn, sondern ein Schüssel – eine verdammt große Schüssel. Sie bietet vier Fahrspuren. Niedrige Geschwindigkeiten werden ganz innen bzw. unten gefahren, wo noch keine Überhöhung vorhanden ist. Für höhere Geschwindigkeiten „klettern“ die Fahrer in der Schüssel weiter nach oben, wo die Kurvenneigung nach innen größer ist. Auf der äußersten Bahn ist es möglich, Geschwindigkeiten bis ca. 240 km/h zu fahren, ohne die Hand am Lenkrad zu haben. Dies führt jedoch zu hohen Radlasten und Seitenkräften an den Rädern und in der Folge oftmals zu Reifenproblemen. Theoretisch sind Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h möglich.

Genau diese Tatsache lockte auch stets nicht nur „normale Automobiltester“ in den heißen Süden Italiens, sondern auch jene, die nach speziellen Rekorden trachteten. Unvergessen ist die „Schlacht“, die Mercedes-Benz 1983 schlug. Drei 190E 2.3-16 stellten vom 13. bis 21. August mehrere Weltrekorde auf. Der schnellste 190 E 2.3-16 legte in 201 Stunden, 39 Minuten und 43 Sekunden eine Distanz von 50.000 Kilometern zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 247,9 km/h. Neben dieser Leistung setzte das Trio zwei weitere Weltrekorde über 25.000 Kilometer sowie neun Klassenrekorde.

Fünf Jahre zuvor, am 30. April 1978, begann der Fünfzylinderdieselmotor eines Mercedes-Benz C 111-III zu arbeiten. Ein Abgasturbolader mit Ladeluftkühlung drückte so viel Luft in die Brennräume, dass dabei 169 kW/230 PS herauskamen und die silberne Flunder auf rund 325 km/h beschleunigten. Am Ende standen innerhalb von sechzig Stunden insgesamt 16-Diesel-Weltrekorde auf dem Konto der Stuttgarter.

Auch Audi und VW ließen Rekorde purzeln

Auch ein Autobauer aus Ingolstadt reiste einst nach Nardò, nachdem er 1987 damit begonnen hatte, drei Rekordfahrzeuge auf Basis des Audi 200 C3 zu bauen. Die setzte er ebenfalls für „Dauer-Höchstgeschwindigkeits-Weltrekorde“ ein. Die Familienlimousinen bekamen einen 2,2-l-25-V-Fünfzylindermotor eingepflanzt, der dank bis zu 3 bar (!) Ladedruck 650 PS bei 6.100 1/min abgab. Im April 1988 wurden die ersten Rekordversuche unternommen, bei denen Höchstgeschwindigkeiten von über 345 km/h erreicht wurden. Am Ende hatte der 200er mehrere Dauer-Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt.

Auch die Konzernbrüder aus Wolfsburg reisten einst zur berühmten Schüssel. Und zwar mit ihrem Supersportwagen namens W12 Coupé. Zwar wurde der von einem 5,6- bzw. 6.0-Liter-W12-Motor angetriebene VW nie in Serie gebaut, aber immerhin stellte der schnittige Wagen am 23.2.2001 in Nardò über 24 Stunden den Weltrekord für alle Geschwindigkeitsklassen auf, wobei er eine Strecke von knapp über 7.740 Kilometern bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 322 km/h zurücklegte. Bemerkenswert ist auch der Geschwindigkeitsrekord für straßenzugelassene Serienfahrzeuge, mit dem sich ein Koenigsegg CCR mit 387,87 km/h am 28.2.2005 in den Geschichtsbüchern verewigte.

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Mit Porsche kam die Wende

Nachdem sich Fiat irgendwann den aufwendigen Unterhalt der Anlage nicht mehr leisten wollte und auch der Teststreckendienstleister Prototipi nicht mehr ausreichend Einnahmen aus der Vermietung des Geländes erwirtschaften konnte, ging das Testgelände mit mehr als 700 Hektar Fläche und in Summe 70 Kilometer Strecken an ein Bankenkonsortium. Das suchte nach einem Käufer für dieses und fand ihn in Form von Porsche Engineering. Seit Jahr 2012 ist das NTC ein zentraler Bestandteil des umfassenden Entwicklungs- und Validierungsnetzwerks des internationalen Ingenieursdienstleisters für circa 90 Automobilkunden auf der ganzen Welt.

Seit 2021 ergänzt ein Testzentrum für Lithium-Ionen-Batterien die riesige Anlage, und so kann man auf dieser nicht nur klassische Verbrenner, sondern auch Tests an Elektrofahrzeugen durchführen. Und seit 2023 erweitert das Testzentrum die Gründung einer eigenen Softwareeinheit im nahegelegenen Lecce. Diese Ergänzung stärkte die Expertise in den Bereichen Softwareentwicklung, Simulation und digitale Innovation – und verbindet dies eng mit den Validierungslösungen auf dem Testgelände, einschließlich eines hybriden privaten 5G-Mobilfunknetzes. Von alledem profitiert auch die Region. Laut Porsche trug das NTC in den letzten zehn Jahren im Schnitt 20 Millionen Euro pro Jahr zur lokalen Wirtschaftsleistung bei. Und durch enge Partnerschaften mit lokalen Universitäten, technischen Schulen (ITS) und über ein duales Ausbildungssystem fördern die Stuttgarter qualifizierte Talente und die gesamte Region Salento.

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