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Ein weiteres Problem im Zuge einer originalgetreuen Oldtimerrestaurierung waren lange Zeit Lacke auf Nitrozellulose-Basis („Nitrolacke“) – sowohl was deren Verfügbarkeit, als auch deren Verarbeitung betrifft. Schließlich greift seit 2004 die bekannte VOC-Verordnung, die den Gebrauch lösemittelhaltiger Lacke extrem einschränkt. „Mittlerweile konnten wir, eine Arbeitsgruppe von Restauratoren und Oldtimerexperten, jedoch eine offizielle Ausnahmegenehmigung für die Lackierung historischer Fahrzeuge erwirken“, führt Gundula Tutt einen ihrer Erfolge im Kampf für eine authentische Lackrestaurierung an. Denn ein Arbeiten im „halblegalen“ Raum ist für sie tabu.
Dabei ist die Frage des „richtigen“, also zeitgenössischen Decklacks keineswegs nur ein Glaubensfrage: „Mit diesen Materialien kann man innerhalb von Originalflächen beilackieren ohne chemische Unverträglichkeiten und Abstoßungen, die mit modernen Materialien zwangsläufig auftreten“, begründet Tutt ihr Engagement für den „echten“ Lack. „Eine mit Nitrolack lackierte Karosserie hat außerdem eine ganz andere ‚Schärfe‘, denn Glanz und Reflektion sind ganz anders als bei modernen Materialien“, begründet Tutt ihr Engagement für den „echten“ Lack.
Häufig sind es also „nur“ Teillackierungen bzw. partielle Ausbesserungen, die Omnia als Dienstleistung für Oldtimerbesitzer erbringt. Stets nach dem Prinzip, so wenig originale Substanz zu zerstören bzw. nur so viel wie nötig einzugreifen. Schließlich hat man im Bereich der Gebäuderestaurierung schon vor 100 Jahren erkannt, dass Spuren der Zeit akzeptabel sind bzw. es gewollt ist, diese zu erhalten. Ein gutes Beispiel ist die Frauenkirche in Dresden: Bewusst haben die Verantwortlichen die alten und „schmutzigen“ (schwarzen) Originalsandsteine wieder verwendet und sie nicht gereinigt bzw. durch Repliken ersetzt.
Die ganze Welt nach Lieferanten absuchen
Aktuell versuchen Tutt und ihre Mitstreiter die Nuss „thermoplastische Acryllacke“ zu knacken. Hersteller wie Ferrari, Maserati und Rolls-Royce verwendeten diesen Lacktyp bis in die Sechzigerjahre hinein. In Europa wird er heute nicht mehr hergestellt, es lassen sich aber noch anderswo Quellen erschließen. „Doch bis das Material hierher geliefert ist, vergeht einiges an Zeit“, relativiert die Meisterin ihres Fachs. Einfach anrufen, und ein paar Tage später steht die gewünschte Büchse auf dem Tisch wie bei aktuellen Lacken, das ist bei klassischen Farben leider nicht der Fall. Hier teilen Lacke dasselbe Schicksal wie andere Oldie-Ersatzteile.
Das gilt übrigens nicht nur für Farben, die man auf Karosserien, seien sie aus Blech oder aus Holz, appliziert. „Auch Lederfarben bzw. authentisches Leder ist so eine Sache“, erklärt Gundula Tutt. Denn auch hier haben sich in mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte Werkstoffe und ihre Verarbeitung reichlich verändert. So ist heutzutage Leder grundsätzlich durchgefärbt. Anders früher: Da hatte man die Kuhhäute ebenso wie Kutschen und Autos gestrichen. Diese Lackschicht war aber nur oberflächlich, der Fachmann spricht hier vom „kopfgefärbten Leder“. „Auch für diesen Bereich kann ich mittlerweile historische Farben nachbilden, und meine Partner in der Lederindustrie fertigen dann die entsprechenden Häute an“, verspricht die Farbenfrau.
Und wenn die Stelle, also das Stück Sitzbank oder das Karosserieteil, nicht mehr vorhanden bzw. verwendbar ist? „Dann fertige ich bzw. ein Experte aus meinem Netzwerk das Bauteil nach. Und wir kennzeichnen dieses anschließend auch eindeutig als Ersatz“, erklärt Tutt ihre Vorgehensweise. Denn auch wenn sie quasi perfekte Arbeit leistet und Neues wie viele Jahre alt aussehen lassen kann: Jeder soll wissen, was original und was neuzeitlich ist.
Bekannte Lackhersteller haben eigene Wahrheit
Woraus Tutt auch keinen Hehl macht, ist ihr Verhältnis zu den Großen der Branche, sprich den bekannten Lackherstellern bzw. deren Werkstattkonzepten. Dass die ausschließlich ihre aktuellen Produkte auf Wasserbasis propagieren, ist nachvollziehbar und keineswegs anrüchig. „Was ich aber nicht akzeptieren kann, sind falsche Aussagen wie ‚Alte Lacke werden nicht mehr hergestellt‘ oder ‚Alte Lacke zu verarbeiten, ist verboten‘“, argumentiert die Oldtimerexpertin.
Aufgrund ihrer Erfahrung und ihres fundierten Know-hows besteht ein Großteil von Gundula Tutts Arbeitsalltag heute nicht mehr aus „selber machen“, sondern „schauen, was andere gemacht haben“. Mit anderen Worten: Immer öfter werden ihre Fähigkeiten als Sachverständige angefragt, was kaum verwundert. Schließlich hat sich das Classic Business, das Geschäft mit und rund um Oldtimer speziell in den letzten Jahren rasant entwickelt. Fahrzeuge erzielen Werte und Erträge, da fühlen sich nicht nur seriöse Zeitgenossen aufgefordert, an diesem Erfolg teilzuhaben.
„Heute wird wirklich viel gefälscht und geschwindelt“, ist sich Tutt sicher. Entsprechend wird ihre Expertise von Oldtimerbesitzern und solchen, die es werden wollen, aus der ganzen Welt angefragt. Tutt legt ein Foto auf den Tisch. Darauf zu sehen: Ein blauer Ferrari 500 Mondial, an dem die Spuren der Zeit sichtbar genagt haben. „Es soll sich um ein Fahrzeug mit originaler, wenn auch verbrauchter Lackierung handeln“, erzählt Tutt. Doch das Gegenteil war der Fall, die sichtbaren Durchschleifstellen wurden beinahe so kunstvoll aufgebracht wie ein Airbrush. Zu dem Ergebnis „heftiger Fake“ kam Tutt in diesem Fall mithilfe fotografischer Forensik. Eine Recherche in alten Büchern und Archiven und der Zugang zu hochauflösenden Fotografien aus alter Zeit förderte interessante Aufnahmen des Renners zu Tage. Der war einst tatsächlich in genau diesem Blau aus den Werkshallen in Maranello gerollt. Allerdings wurde er nach einem schweren Unfall stark überarbeitet und rot umlackiert. Ergo konnte es sich bei dem aktuellen Blau keineswegs um die unangetastete werksseitige Lackierung handeln.
Auch „Normalsterbliche“ gerne willkommen
So gefühlt einfach ist es jedoch nicht immer: Die Badenerin deutet auf ein paar winzige Plastikschälchen, in denen sich noch winzigere „Krümel“ befinden. „Lackproben“ sagt die Fachfrau. Sie gehören zu einem äußerst seltenen, da berühmten Ford Mustang. Nämlich jenem Mustang, der im Film „Bullit“ mit Steve McQueen zur cineastischen Berühmtheit wurde. Damals wurden zwei baugleiche Fahrzeuge für den Dreh angeschafft, von denen eines die berühmte Verfolgungsjagd, das andere lediglich einen einzigen Stunt absolviert hat. „Ist es das Auto, mit dem Steve McQueen um die Kurven gejagt ist, oder nicht?“ Mit dieser Frage trat der amerikanische Eigner an Frau Dr. Oldtimerlack heran. Eine Frage, die diese nach Analysen unter dem Mikroskop, aber auch mithilfe der Sequenzen aus dem Film beantworten konnte. „Wenn ich unterschiedliche Farbtöne und Lackqualitäten an bestimmten Stellen des Fahrzeugs feststelle und diese Reparaturen quasi deckungsgleich mit den Beschädigungen sind, die der Wagen damals während der Aufnahmen erlitt, dann ist das ein kräftiges Indiz dafür, dass es sich um exakt den Mustang handelt, der in den Fahrszenen zu sehen ist“, beschreibt Tutt ihre systematische Vorgehensweise.
Um Kunde bei Omnia zu werden, muss man keineswegs Millionär oder Besitzer eines exquisiten (Film-)Oldtimers sein. Bei Gundula Tutt ist im Prinzip jeder Klassikfan willkommen. So hat die Meisterin der Farben kürzlich erst eine Türverkleidung eines Golf 2 restauriert. Und auch der Kunde, der nur etwas Hilfe zur Selbsthilfe benötigt, findet bei ihr meist ein offenes Ohr bzw. bekommt verbale Unterstützung. Den Lack in die Hand nehmen und „umdrehen“ darf er dann gerne auch selbst.
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