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Lackexpertise: Die Geheimnisse der Königin der Farben

| Autor: Steffen Dominsky

Mittlerweile ist Gundula Tutt eine Instanz in Sachen historisch korrekter Lackierung von Oldtimern. Pech und Schwefel, Fischschuppen und Orangenschalenöl: Gleich einer Alchemistin zaubert die Breisgauerin neue Farben für altes Blech, Holz und Leder.

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Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich Gundula Tutt mit historischen Fahrzeuglacken und hat dabei ein weltweit einzigartiges Know-how zusammengetragen.
Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich Gundula Tutt mit historischen Fahrzeuglacken und hat dabei ein weltweit einzigartiges Know-how zusammengetragen.
(Bild: Dominsky/»kfz-betrieb«)

Museen und Galerien faszinierten Gundula Tutt bereits als kleines Kind. Besser gesagt das, was in diesen Etablissements an der Wand hing. Allen voran Gemälde und Bilder. Vor allem interessierte die gebürtige Stuttgarterin, wie und womit dieses oder jenes Werk in technischer Hinsicht entstand. Stets wollte sie hinter die sprichwörtliche Fassade blicken, was sie damals auch mehrfach praktisch versucht hat. Mit Erfolg löste die junge Gundula somit den einen oder anderen Museumsalarm aus, was beim Abheben, Umdrehen und Inspizieren von Kunstwerken zweifelsohne nun mal passiert.

Die einzige Möglichkeit, die gewünschten Einblicke künftig legal und wiederholt zu bekommen, war die, einen Beruf zu ergreifen, der just solche Arbeiten zum Inhalt hat. Genau diesen fand Tutt in Form des Restaurators. Einem dreijährigen Vorpraktikum, also im Prinzip einer Ausbildung, folgte ein entsprechendes Studium. Nachdem sie dieses erfolgreich hinter sich gebracht hatte, arbeitete Tutt als freiberufliche Kunstrestauratorin. Bis, ja bis eines Tages im Jahre 2001 ein Kollege sie ansprach.

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„Der besaß einen Bugatti, einen Typ 37, und fragte mich, ob es wohl möglich wäre, den gut 75 Jahre alten Lack originalgetreu zu reproduzieren bzw. die Lackierung passend auszubessern. Diese Frage war rückblickend die Initialzündung für meine heutige Arbeit“, berichtet Gundula Tutt. Seitdem hat sie sich auf die Restaurierung und authentische Nachbildung von Fahrzeuglacken aller Epochen spezialisiert. Motto: Wer originalgetreue Farben von 800 n. Chr. nachkochen kann, sollte eigentlich auch in der Lage sein, einen Lack aus den 1920er Jahren bezüglich seiner Bestandteile zu entschlüsseln und entsprechend nachzubilden – immerhin besteht die Ausbildung eines Kunstrestaurators zu einem Drittel aus Materialchemie!

Irgendwann komplett dem Thema verschrieben

Viele Abende und Nächte setzte sich Tutt hin, analysierte Proben, las sich in alte Literatur ein, durchstöberte Archive und knüpfte Kontakte in die Industrie. Mittlerweile füllt ihr Know-how – vom eigenen Speicher im Kopf abgesehen – Dutzende Meter an Aktenordnern. Auch Hunderte kleinster Lackproben und unzählige Muster alter Lacke und Farben umfasst das Archiv von Omnia, Tutts Firma, die sie vor einigen Jahren gegründet hat. Von der klassischen Kunstrestaurierung hat sie sich inzwischen längst verabschiedet. Viel zu groß ist die Zahl der Anfragen aus dem Kfz-Bereich, als dass die Lackexpertin noch auf anderen Hochzeiten tanzen könnte.

Grund dafür ist neben ihrer Expertise auch die Tatsache, dass vor rund 15 Jahren ein Umdenkprozess einsetzte – bei Oldtimerbesitzern und Restaurierungsbetrieben gleichermaßen. „Zum Glück“, wie Gundula Tutt anmerkt. Denn die Branche erkannte, dass ein „besser als neu“, also das bedingungslose Ersetzen originaler Bauteile und Lackierungen durch Nachfertigungen bzw. moderne Acryl- und Wasserlacke der falsche Weg war. „Erhalten statt ersetzen“ lautete fortan die Devise.

Dass exakt das oft leichter gesagt als getan ist, musste auch Tutt erfahren. Denn entweder existieren die Hersteller alter (Automobil-)Lacke schon lange nicht mehr bzw. diese produzieren die Lacke schlicht und ergreifend nicht mehr. Ergo blieb ihr nur die Hilfe zur Selbsthilfe, d. h. die Farbenfachfrau besorgte sich die „Einzelteile“ historischer Lacke und mischte sie selbst an. Bestandteile sind beispielsweise. „Fischsilber“, echte Schuppen des Herings. Sie sorgten in der Frühzeit des Metalliclacks für den bekannten Glitzereffekt auf exklusiven Luxuswagen. Gereinigt und zum Lackieren aufbereitet sind sie eine echte Rarität.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group