Mercedes-Benz: Der heiße Weißherbst

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Auch der Diesel bekam eine Chance

Der erste Gang taugt so recht nur für das kurze Anrollen, denn die Gänge zwei und drei haben eine deutlich praktikablere Spreizung. Die Kombination mit dem 3,5-Liter-V8 ist jedoch alles andere als ideal, denn das Triebwerk ist unter 3.500 min-1 wenig leistungswillig, und erst oberhalb dieser Marke mag man selbst in einem Rennwagen wie dem C 111 von echter Sportlichkeit sprechen. Da die Haltbarkeit der Wankelmotoren die Daimler-Ingenieure nicht überzeugen konnte, sollte der C 111 mit einem Dieselmotor zeigen, was er konnte. So wurde hinter der ebenso heißen wie engen Fahrgastzelle ein drei Liter großer Turbodiesel vom Typ OM 617 verbaut. Der Fünfzylinder mit Vorkammereinspritzung kam aus dem Serienregal und steckte unter anderem in den US-Modellen der Baureihen W 116, W 126 und W 123.

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Hatte der Fünfzylinder hier je nach Modell ein Leistungsspektrum zwischen 80 und 125 PS, so leistete das Turbotriebwerk im C 111 zunächst 140 kW/190 PS und 360 Nm maximales Drehmoment. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Nardo durchbrach der Selbstzünder-C 111 Mitte 1976 nahezu alle gültigen Rekorde für Dieselmotoren. Auf einer Strecke von 16.000 Kilometern fuhr die orangefarbene Flunder mit vier sich abwechselnden Piloten ein Durchschnittstempo von 252 Stundenkilometern. Die dritte Ausbaustufe, aerodynamisch optimiert und nunmehr in silberner Lackierung unterwegs, schaffte mit seinem nachgeschärften Fünfzylinder-Diesel mit 170 kW/231 PS sogar Tempo 320. Im Mai 1979 fuhr ein Mercedes C 111 der finalen Bauphase IV mit einem auf 4,8 Liter aufgebohrten V8-Triebwerk des 450ers dank 500 Turbo-PS einen Hochgeschwindigkeitsweltrekord von knapp 404 Stundenkilometern.

23.000 Kilometer – ein Fahr-, kein Showfahrzeug

Bei vielen Testfahrten blieb der Serien-V8 im knapp 1,4 Tonnen schweren Mercedes C 111 jedoch das wichtigste Vergleichsmodell. Die Schwabenflunder fährt sich auch nach heutigen Maßstäben überraschend problemlos für einen Prototypen, der ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Doch die knapp über 23.000 Kilometer sind an ihm weitgehend spurlos vorübergegangen. Dass einige Klebefugen mittlerweile in die Jahre gekommen sind und die schmale Spur im fahrdynamischen Grenzbereich viel Potenzial ungenutzt lässt, täuscht nicht darüber hinweg, dass man im Mercedes C 111 sehr schnell unterwegs sein kann. Die Gewichtsverteilung ist Dank des Mittelmotorkonzepts ideal, die Leichtbaukarosse tut ihr Übriges. Und der Achtzylinder hat neben seinem sonoren Klang ordentlich Dampf, wenn er sich erst einmal über die 3.500-Touren-Marke gekämpft hat. Die Lenkung ohne Servounterstützung lässt sich dabei ebenso präzise bedienen wie die Bremse, die selbst im Grenzbereich keine Mühe hat, den C 111 zum stehen zu bringen. Im einzig fahrbaren Mercedes C 111 ist der Zugschalter an der linken Seite der Armaturentafel für das damals in der Erprobung befindliche Antiblockiersystem jedoch tot gestellt. Der Mercedes C 111 war eben ein echtes Raumschiff aus der Zukunft.

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