Mercedes F 015: Ufo mit Weitblick

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Platz nehmen in der Zukunft

„Wir haben schon vor zwei Jahren bewiesen, dass wir völlig autonomes Fahren heute schon beherrschen“, erklärt Designer Hutzenlaub mit Nachdruck und begründet damit die Tatsache, dass der F 015 nur teilweise mit der nötigen Technik ausgestattet ist. In der Tat hatte Mercedes 2013 eine S-Klasse selbstständig im normalen Straßenverkehr von Mannheim nach Pforzheim fahren lassen. Über ein ähnliches System soll später auch ein Luxusmodell wie das Forschungsauto verfügen. „Im Jahr 2030 werden die Bordrechner, die Sensoren und vieles andere sicher doppelt so viel können wie heute“, sagt Ingenieur Peter Lehmann, der auf dem Fahrersitz des F 015 das Kommando hat. „Das wird all diese Aktionen ermöglichen, die wir heute noch nicht ganz darstellen können“.

Platz nehmen in der Zukunft: Die schneeweißen Designer-Möbel schwenken ein Stück nach außen, um das Einsteigen durch die breite Öffnung zwischen den aufgeklappten Türen weiter zu erleichtern. Lehmann, der bei Mercedes Konzept- und Forschungsautos betreut und realisiert, drückt einen Knopf an der Unterseite seines Sitzes, der sich surrend um 180 Grad nach hinten dreht. Das fast rechteckige Lenkrad des F 015 verschwindet hinter der Sitzlehne, ist nicht mehr zugänglich. Dann setzt sich der silberne Flachmann mit leisem Heulen in Bewegung. Peter Lehmann ist ehrlich: „Die Brennstoffzellen kommen später einmal zum Einsatz. Unser Auto hat einen reinen Elektroantrieb mit Batterie“.

Virtuelle Welten

Paarweise sitzen sich die Mitfahrer gegenüber, die Sicht nach außen ist durch die recht schmalen Fenster eingeschränkt, Ersatz fürs wirkliche Leben bieten Rundum-Monitore, die von jedem Platz aus per Handauflegen bedient werden können. „Sie können zum Beispiel hochauflösende animierte Fotos von schönen Sehenswürdigkeiten, von Bergketten oder Strandidyllen virtuell an sich vorbeiziehen lassen“, schwärmt Lehmann. Das solle die Insassen in eine gute Stimmung bringen und von der vielleicht hässlichen Gegend ablenken, durch die gerade gefahren wird. Recht ziellos kurvt der Mercedes über die breite Startbahn, die bis vor kurzem von Düsenjägern genutzt wurde. Auf eine Wischbewegung entlang der Türverkleidung hin, nimmt er dann Fahrt auf, das Reifengeräusch wird lauter.

Es ist ein durchaus mulmiges Gefühl nicht zu wissen, was das Auto hinterm Rücken so treibt. Wegen der mangelden Sensorik fährt der F 015 nicht wirklich ganz selbstständig. Das Hin und Her auf der Piste ist vorher programmiert, Techniker in einem am Rand parkenden Sprinter wachen über die Sicherheit, haben wohl auch einen Nothalt-Knopf in Reichweite. Dennoch bleibt ein gutes Stück Ratlosigkeit: Da sitzen sich Menschen gegenüber, sollen vielleicht ein Spiel spielen, diskutieren, einen Film anschauen oder einfach nur relaxen. In einem ICE für Vier auf Gummirädern mit Luxusabteil und Internet-Anbindung. Das Abschotten von der Außenwelt zur Sicherung der Privatsphäre als Vision des Fahrens von übermorgen?

„Sprechendes“ Auto

„Nein“, widerspricht vehement Alexander Mankowsky. „Der F 015 hat noch eine andere, ebenso wichtige Seite zu bieten“. Als Beispiel nennt der Zukunftsforscher in Daimler-Diensten die höfliche Kontaktaufnahme zu Fußgängern, denen ein mit Laser gezeichnetes Bild gleichsam zu Füßen gelegt wird und zum gefahrlosen Überqueren der Fahrbahn einlädt. Dazu spricht der Mercedes auch wie einst in der TV-Serie „Knight Rider“ ein Pontiac Firebird namens K.I.T.T. Auf farbigen Displays an Front und Heck können Wörter eingeblendet und auch so Kontakt zur Umwelt aufgenommen werden. „Im Stadtverkehr von morgen“, so der Wissenschaftler, „werden alle Verkehrsteilnehmer mehr und häufiger kommunizieren als heute. Ganz automatisch von Auto zu Auto oder auch ganz altmodisch von Mensch zu Mensch“.

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