Wyman/Jato-Studie Neuwagen sind immer seltener bezahlbar

Von Andreas Grimm 3 min Lesedauer

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Die Preise für Neuwagen steigen schneller als die Einkommen, die Branche gerät in eine „Erschwinglichkeitskrise“. Auf den ersten Blick sind die E-Autos dafür ein Treiber, allerdings dämpfen sie langfristig die Betriebskosten. Die Branche muss trotzdem handeln.

Leerer Kundenparkplatz vor dem Autohaus: Die Neuwagenkäufer werden weniger, weil ein neues Auto für immer mehr Menschen unerschwinglich wird.(Bild:  Stoppanski)
Leerer Kundenparkplatz vor dem Autohaus: Die Neuwagenkäufer werden weniger, weil ein neues Auto für immer mehr Menschen unerschwinglich wird.
(Bild: Stoppanski)

Neuwagen sind in den vergangenen Jahren für die deutschen Verbraucher im Schnitt immer schwerer finanzierbar geworden. Zu diesem Ergebnis kommt die „Automotive Pricing“-Studie der Strategieberatung Oliver Wyman und des Datendienstleisters Jato Dynamics. Hinter dem für die Jahre 2019 bis 2024 analysierten Befund stecken zwei gegensätzliche Entwicklungen: stark steigende Neuwagenpreise, mit deren Entwicklung die Nettoeinkommen nicht mithalten konnten.

Im Betrachtungszeitraum stiegen die Jahresnettogehälter laut der Untersuchung in Deutschland um 24 Prozent – von durchschnittlich 26.100 auf fast 32.400 Euro. Der Preis für einen Neuwagen kletterte in diesem Zeitraum von rund 30.200 auf fast 41.800 Euro. Das ist ein Plus von 38 Prozent. Die Erschwinglichkeit eines Neuwagens habe dadurch spürbar abgenommen, heißt es von den Studienmachern: Musste ein Käufer in Deutschland im Jahr 2019 rechnerisch noch 1,16 Jahresgehälter aufbringen, um einen Neuwagen anzuschaffen, waren es im vergangenen Jahr bereits 1,29. Steffen Rilling, Associate Partner bei Oliver Wyman, spricht von einer „zunehmenden Erschwinglichkeitskrise“.

Die Gründe für die Entwicklung sind vielfältig. Wesentlicher Treiber ist der wachsende Anteil elektrischer Fahrzeuge, die in den zurückliegenden Jahren meist in den eher gehobenen Preisregionen angeboten wurden. Die Studie geht davon aus, dass dieser veränderte Fahrzeugmix – mehr BEVs, PHEVs, Mildhybride – rund die Hälfte des Preisanstiegs erklärt (17 der 38 Prozent Preisanstieg). Zusätzlich hätten die in den Betrachtungsjahren hohe Inflation und weitere wirtschaftliche Einflüsse ihren Anteil.

Käufer kehren Neuwagen den Rücken

Ein weiterer Grund ist der auffällig starke Rückgang des Absatzes von Pkw unter 30.000 Euro. Teurere Modelle hätten diesen Rückgang zwar teilweise ausgleichen können, ermittelte die Studie, jedoch verabschiede sich der andere Teil der Käufer komplett aus dem Neuwagenmarkt. Hinter dieser Entwicklung steckt nicht zuletzt das schwindende Angebot an günstigen Einstiegsmodellen. Die Folge seien ein schrumpfender Markt, da „die Zahl kaufkräftiger Kunden begrenzt ist“, sowie ein wachsender Druck auf die Automobilhersteller. Für viele Autobauer dürfte es langfristig schwieriger werden, rentabel zu bleiben.

Die Automobilindustrie müsse in der Erschwinglichkeitskrise strategisch gegensteuern, fordert Wyman-Partner Steffen Rilling – sowohl seitens der Hersteller wie der Händler. Erforderlich seien Überarbeitung der Produktportfolios, Angebotsstrukturen, Preisstrategien und Finanzierungsmodelle. Schon in der Vergangenheit war die Bedeutung von Finanzierungen, Leasingangeboten oder preiswerteren Gebrauchtwagen signifikant gestiegen. „Diejenigen, die sich schnell und effizient anpassen, werden am besten positioniert sein, um profitabel zu wachsen.“ Dass es Möglichkeiten gibt, zeigt das Beispiel eines nicht näher identifizierten preisgünstigen Herstellers, „der seine Preise um 48 Prozent erhöhte und dennoch einen Verkaufsanstieg von 19 Prozent verzeichnete“.

Angesichts der Disruption in der Automobilbranche sei es wichtig, „die Verkaufsentwicklung auf einem detaillierten Preisniveau zu verstehen“, sagte Jato-Manager David Di Girolamo. Die Studie macht deutlich, welche Auswirkungen Veränderungen der OEMs, der Wechsel zu neuen Antrieben und Preisanpassungen auf das Verhalten der Verbraucher haben.

Fraunhofer ISI: Auf lange Sicht sparen E-Auto-Besitzer

Eine Herausforderung im Vertrieb von Neuwagen ist dabei sicher, den Kunden zu vermitteln, dass der höhere Anschaffungspreis zumindest bei E-Fahrzeugen nicht zwangsläufig zu höheren Gesamtkosten für den Autofahrer führt (Total cost of Ownership). Über die gesamte Nutzungsdauer seien E-Modelle nämlich oft besser für den Geldbeutel ihrer Besitzer, hatte jüngst das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in einem Forschungsüberblick zu E-Autos vorgerechnet.

Ein Beispiel: Mittelklasse-Stromer könnten demnach bei üblicher Nutzung und mit eigener Lademöglichkeit schon nach drei Jahren wirtschaftlicher sein als Verbrenner. „Die derzeit noch höheren Anschaffungskosten werden durch die geringeren laufenden Kosten ausgeglichen“, teilte Studienautor Martin Wietschel mit. Die Forscher beziehen sich dabei nicht nur auf die billigere Energie, sondern auch auf niedrigere Instandhaltungskosten.

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