Ole Eichberg über die Reifenentwicklung bei Audi
Rollwiderstand, Sicherheit und eine zuverlässige und exakte Druckkontrolle sind einige der Themen, mit denen sich die Reifentechniker bei Audi beschäftigen. Entwicklungsleiter Ole Eichberg gibt einen Einblick in seine Arbeit.
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Redaktion: Welche Kriterien haben bei Ihrer Reifenfreigabe für Audi-Fahrzeuge Priorität?
Ole Eichberg: Vor allem muss die Fahrsicherheit gewährleistet sein. Damit verbinden wir im Wesentlichen kurze Bremswege auf nasser und trockener Fahrbahn sowie ein problemloses und ausgewogenes Handling. Zudem hat der Reifenrollwiderstand einen hohen Stellenwert, danach der Fahrkomfort. Es folgen etliche weitere Kriterien wie Schnelllauffestigkeit, Laufleistung und Geräusch.
Wie bewerten Sie aus heutiger Sicht den Rollwiderstand?
Die Optimierung des Rollwiderstands gehört sicher zu unseren wichtigsten Aufgaben als Reifenentwickler, aber dies darf nicht zulasten der Sicherheit gehen. Ich erinnere da an den Vergleichstest der Zielkonflikte Nassbremsen und Rollwiderstand von ACE/GTÜ im Frühjahr 2008 mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen.
Welche Kompromisse gehen Sie für einen exzellent niedrigen Rollwiderstand ein?
Die Trockenperformance unserer Reifen in der Erstausrüstung ist auf einem so hohen Niveau, dass die Grenzen im Prinzip nur noch auf der Rennstrecke zu erfahren sind. Wir möchten das gegenwärtige Niveau halten, aber die Fortschritte in der Weiterentwicklung sollten vordringlich dem Rollwiderstand zugute kommen. Ein anschauliches Beispiel für Trockenperformance ist die Verkürzung des Bremswegs beim A4 und A5 gegenüber dem Vorgänger um rund zwei Meter aus 100 km/h. Diese haben wir durch eine Optimierung von Reifen und Regelstrategie erreicht.
Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die Hersteller bis heute keinen Winterreifen anbieten, der als Spritsparmodell deklariert ist?
Diese Frage müssten Sie eigentlich der Reifenindustrie stellen. Aber eine mögliche Erklärung ist, dass Winterreifen bislang nicht für die Erstausrüstung homologiert werden müssen.
Wie beurteilen Sie die Absicht der EU, Leichtlaufreifen per Prüfung zu definieren und diese Reifenkategorie gar vorzuschreiben?
Die Klasseneinteilung von Leichtlaufreifen würde der Übersichtlichkeit im Ersatzmarkt dienen. Man sollte es aber dem Fahrzeughersteller und seinen Entwicklungsingenieuren überlassen, wie sie die anspruchsvollen Vorgaben zur CO2-Reduktion erfüllen. Vorschriften zu einzelnen Fahrzeugkomponenten schränken die Entwickler ein. Dass der Rollwiderstand vermindert werden muss, ist ohnehin klar.
Ihre Modelle A8 und A6 waren bislang auf Wunsch mit Notlaufreifen Michelin Pax lieferbar. Pax wurde eingestellt. Was nun?
Sämtliche Volumenmodelle werden künftig optional mit komfortorientierten Notlaufreifen in einer Dimension erhältlich sein, die mit der Markierung AOE gekennzeichnet ist. Die neuen A4 und A5 sind beispielsweise mit Reifen der Größe 245/45 R 17 lieferbar. Der TT ist mit mehreren Runflat-Dimensionen in einer eher sportlichen Auslegung zu haben. Die anderen Notlaufkonzepte sehen wir uns natürlich genau an, aber wir möchten nicht zu viele Technologien parallel anbieten, denn das wird für die Kunden zu unübersichtlich.
Wo sehen Sie bei seitenwandverstärkten Runflat-Reifen den größten Entwicklungsbedarf?
Es ist vor allem wünschenswert, dass Gewicht und Rollwiderstand bei dieser Reifenkategorie auf das Niveau von Standardreifen reduziert werden. Die physikalischen Voraussetzungen dafür sind allerdings bedauerlicherweise äußerst ungünstig.
Der Wegfall des Reserverades ist aus verschiedenen Gründen richtig und sinnvoll. Welchem Notlaufkonzept räumen Sie in Zukunft die besten Chancen ein?
Wir müssen global denken, planen und entwickeln. Jeder Markt, jede Region hat ihre spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse. Deshalb wird sich auch langfristig kein Konzept generell und weltweit durchsetzen. Für Mitteleuropa wird vorerst der Standardreifen plus Tirefit überwiegend am Markt vertreten sein. Wenn der Runflat-Reifen die Entwicklungsziele für Gewicht und Rollwiderstand erreicht hat, ist er tatsächlich eine Alternative. In den USA beispielsweise wird es überwiegend beim Minispare oder Faltreifen bleiben.
Was würden Sie einem Audi-Fahrer bei der Reifenauswahl raten, beispielsweise für den TTS und den A4 2.0 TDI?
Eigentlich müsste ich die beiden Kunden zunächst nach ihrem persönlichen Fahrbetrieb und ihren Vorstellungen fragen, welche Reifeneigenschaften sie wünschen. Prinzipiell aber würde ich beiden Fahrern zum Standard-Serienreifen raten. Im Moment erhalten sie damit insgesamt das Optimum an Ökonomie, Ökologie, Komfort und Dynamik.
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