50 Jahre Scirocco – und ewig weht der Wüstenwind

Von sp-x 5 min Lesedauer

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Vor einem halben Jahrhundert sollte er die Erfolgstypen Ford Capri und Opel Manta übertrumpfen und Volkswagen in die Zukunft katapultieren: Der Scirocco mischte nicht nur die Sportcoupé-Welt auf, er war auch Vorbote für den Golf, mit dem sich VW neu erfand.

Die erste und bislang letzte Version des VW Scirocco: Vor 50 Jahren kam der Wüstenwind aus Wolfsburg erstmals auf den Markt.(Bild:  Volkswagen)
Die erste und bislang letzte Version des VW Scirocco: Vor 50 Jahren kam der Wüstenwind aus Wolfsburg erstmals auf den Markt.
(Bild: Volkswagen)

Er zeigte die verführerisch scharfen Kanten italienischer Alta Moda in einer Welt rundlicher Ford Capri und Opel Manta: Vor 50 Jahren mischte der Volkswagen Scirocco den Markt familienfreundlicher Sportcoupés auf, und das mit der Wucht des namensgebenden heißen Wüstenwindes. Der Scirocco gewann die Herzen der Coupé-Community aber nicht allein mit seinen klaren Konturen und dem kecken Hüftschwung aus dem Atelier des jungen Stardesigners Giorgetto Giugiaro. Es war auch seine technisch vollkommen neue Konzeption, die die deutsche Konkurrenz schlagartig alt aussehen ließ. Mit Frontantrieb, Quermotor und platzsparender Technik bis in die Fahrwerksdetails revolutionierte der 3,85 Meter kurze, aber dennoch viersitzige und 750 Kilo leichte Wolfsburger das Segment bezahlbarer Breitensportler mehr, als es der zeitgleich lancierte Capri II vermochte.

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Mit diesem Kölner Mini-Mustang teilte sich der Vierzylinder-VW nur die frische Idee des Sportkombis mit Heckklappe. Aber in den Kapiteln Fahrsicherheit, Agilität und Kosten – das Jahr 1974 stand unter dem Schock der Ölkrise – stürmte der Scirocco in den Tests der Fachmedien vergleichbaren Ford-, Opel- und französischen Modellen à la Renault 15 davon. Vor allem aber bereitete der bei Karmann gebaute Scirocco die traditionelle VW-Kundschaft auf einen Kulturschock vor: Ersetzte er doch den Karmann Ghia, für viele der VW Käfer in schönster Form. Gleichzeitig bot der Scirocco die technische Genialität des ebenfalls von Giugiaro gezeichneten Golf, der wenige Wochen später folgte. Über eine halbe Million Fans fand der Scirocco schon in erster Generation. Als aber 2017 der dritte Scirocco verschwand, schien den Wüstenwind die Kraft verlassen zu haben.

Es soll wieder einen Scirocco geben

Irrtum, sagt passgenau zum 50. Geburtstag des legendären Sportlers die Gerüchteküche, die von einer vierten Scirocco-Generation weiß, die in wenigen Jahren der heute fast ausgestorbenen Spezies kompakter Sportcoupés frische, vollelektrische Lebensgeister einhauchen soll. Wer denkt da nicht an den allerersten Scirocco, der dem VW-Konzern einen Energieschub Richtung Zukunft gab? Denn dieses Coupé war Vorbote für den Golf und damit die Befreiung aus der Heckmotorsackgasse, in die sich VW verfahren hatte. Im wintergrauen Februar 1974, als die Energiekrise die Wirtschaft fest im Griff hatte, Tempo 100 auf deutschen Autobahnen dauerhaft installiert zu werden drohte, die fiktive TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“ mit Familien-Chef „Ekel“ Alfred Tetzlaff das Leben konservativer kleinbürgerlicher Familien persiflierte und der deutsche Rockmusiker Udo Lindenberg mit dem „Panik Orchester“ erste Tournee-Erfolge feierte, da schickte der VW Scirocco den seit 20 Jahren gebauten rundlichen Karmann Ghia mit Käfer-Technik ins Museum. In „mutiger Keilform“, wie Designkritiker notierten, bot das erste in Wolfsburg entwickelte Frontantriebsmodell (K 70 und Passat basierten auf NSU- bzw. Audi-Konstruktionen) alle Anlagen eines Sportcoupés für Singles, junge Familien oder Jäger von Vierzylinder-Porsche, Lancia Fulvia und Toyota Celica.

Dafür gab es ein breites Motorenband vom neu entwickelten 37 kW/50 PS starken 1,1-Vierzylinder, der später auch im Golf arbeitete, über von Audi vertraute 1,5-Liter-Vierzylinder mit 51 kW/70 PS und 63 kW/85 PS bis zum 1976 nachgelegten 81-kW/110- PS-Einspritzer im Scirocco GTI. Schon in der Basisversion mit braven Breitbandleuchten deklassierte das Volkscoupé Rivalen wie den Capri 1300, der sich fünf Sekunden mehr gönnte, bis er Tempo 100 erreichte. Und als der Rocco – wie die Community den VW liebevoll nennt – mit GTI-Power Sprintwerte von 8,8 Sekunden realisierte, reichte das für den Doppelscheinwerfer-Toptyp, um im elitären Revier von Alfa GTV, Lotus Elite, Lancia Montecarlo, BMW 630 CS oder Mercedes 450 SL zu wildern. V6-Capri und Manta GT/E blieben endgültig chancenlos.

„Der Wind ist schuld daran, dass er so schön ist“

Um das sportliche Image des Scirocco zu schärfen, legte VW einen Rennsport-Nachwuchscup auf, in dem sich 50 identische Scirocco GTI balgten. Der spätere Formel-1-Pilot Manfred Winkelhock gewann das Finale in Hockenheim, und Gaststar Udo Lindenberg sorgte bei einem Flugplatzrennen für Panik, als der „Sci-Rocker“ nach einem spektakulären Dreher den anderen „Sci-Racern“ als „Geisterfahrer“ entgegenkam, ehe er sein Auto abstellte. Ein Coup gelang Ende der Siebzigerjahre auch dem Tuningspezialisten Günter Artz und seinem Autohaus Nordstadt in Hannover: Dort entstand der Shootingbrake Sciwago, ein Scirocco mit Kombi-Aufbau. Rund 50 Einheiten des exzentrischen Sciwago wurden an Fans verkauft. Aber der Scirocco zog auch Umbauer wie die Firma Bieber oder den Karossier Crayford an: Beide realisierten rare Cabrio-Varianten. Dagegen passten Turbo-Unikate und bis zu 290 km/h schnelle Bi-Motor-Rocco perfekt in die Achtziger, jenem irren Jahrzehnt zwischen Vollgas („Ich geb‘ Gas, ich will Spaß“), Vernunft (Katalysator) und verrückten Modetrends („Lacoste es, was es wolle“).

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Bevor der unter VW-Chefdesigner Herbert Schäfer entworfene Scirocco II im Frühjahr 1981 die Botschaft des preiswerten Pulsbeschleunigers erneuerte, galt es Bilanz zu ziehen: Wolfsburgs erster Wüstenwind hatte nur ein Facelift (1977) benötigt, um auch gegen jüngere Coupé-Konkurrenten zu reüssieren. In sieben Jahren setzte VW weltweit über eine halbe Million Scirocco I ab – das hatte der Vorgänger Karmann Ghia nicht einmal in 20 Jahren geschafft. „Der Wind ist schuld daran, dass er so schön ist“, erklärte die VW-Werbung die aerodynamisch optimierten und rundlichen Formen des Scirocco II, und mit einer Flut weltweiter Sondermodelle hielten die Niedersachsen das Coupé-Derivat des Golf bis 1992 begehrenswert. Ob als Tropic, Storm, Scala, Slegato, Wolfsburg Limited Edition, GTX mit Kamei-Spoilerpaket oder als coole White-Cat-Edition in Alpinweiß, passend zum Tennismode-Trend von Boris Becker und Steffi Graf – der zweite Rocco blieb zwölf Jahre lang gefragt.

Die gealterten Rivalen Opel Manta und Ford Capri hängte der bis zu 102 kW/139 PS kräftige Wolfsburger in den Verkaufszahlen regelrecht ab, und auch gegen die vielen Japaner hielt sich der Scirocco wacker, wie die Zahl von rund 300.000 Coupés made by Karmann kommunizierte. Trotzdem hatte der Trend zum Coupé seinen Zenit überschritten. Nicht in die Serienfertigung schaffte es deshalb der Scirocco TR mit zwei herausnehmbaren Dachteilen. Und der 1988 aufgelegte VW Corrado, eigentlich Scirocco-Erbe, brachte es bis 1996 nur noch auf 97.000 Einheiten. Hot Hatches und Crossover prägten fortan die Sportschau, was auch der von 2008 bis 2017 gebaute dritte Scirocco zu spüren bekam, von dem 272.000 Einheiten in Portugal entstanden. Dabei bediente dieser von Murat Günak in dramatischen Linien inszenierte Dreitürer Dieselfans ebenso wie Speed-Junkies, für die ein 195-kW/265-PS-Triebwerk bereitstand. Ob ein Stromer die Liebe zum Sportcoupé neu entflammen könnte? Die Zukunft wird es zeigen.

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