Vor 20 Jahren rollte der erste Smart vom Band und war seiner Zeit weit voraus. Inzwischen aber hat sich die Marke zur ernstzunehmenden Automobilalternative für Großstädter entwickelt.
Daimlers NAFA-Studie wurde nie Realität und war dennoch Grundstein für das Kleinwagenengagement, das mit dem Smart Realität wurde.
(Bild: Daimler AG)
2,50 Meter lang, 1,50 Meter breit und genauso hoch, mit Allradlenkung, Schiebetüren und Papamobil-ähnlicher Verglasung: So präsentierte Mercedes im Jahr 1981 seine Vision eines City-Flitzers. Die Studie „NAFA“ (Nahverkehrsfahrzeug) wurde nie Realität, doch bildete sie den Grundstein für Daimlers Kleinwagenengagement und gilt zurecht als geistiger Vorreiter von A-Klasse und Smart. Bis es Letzterer tatsächlich auf die Straße schaffte, sollten allerdings noch einige Jahre vergehen: 1998 rollte der erste Smart auf die automobile Bühne und war mit seinem als Elefanten-Rollschuh verschrienen Konzept doch noch zu früh. Dieser Tage feiert die Daimler-Tochter nun ihren 20. Geburtstag.
Ins Rollen hat die Idee Smart nicht Mercedes gebracht, sondern Nicolas G. Hayek, der Gründer des Schweizer Uhrenherstellers Swatch. Seine Vision: Ein Kleinwagen, bei dem – ähnlich den Armbändern seiner Uhren – die Karosserie ausgewechselt werden kann und der sich für weite Reisen in die Eisenbahn verladen lässt. Ursprünglich wollte Hayek sein neuartiges Fahrzeugkonzept mit Volkswagen umsetzen, allerdings sprangen die Wolfsburger ab, und der Uhrmacher sprach bei Mercedes vor. Beim damaligen Vorstandsmitglied Jürgen Hubbert stieß er auf offene Ohren. Gemeinsam gründeten Mercedes und Hayek 1994 die Micro Compact Car Smart GmbH.
Abgesehen von den beiden Studien Eco Sprinter und der Cabrioversion Eco Speedster hatte das junge Unternehmen nicht viel vorzuweisen, und noch während der Entwicklung des City Coupés – dem Vorläufer des heutigen Fortwo – stieg Hayek aus dem Projekt Smart wieder aus und verkaufte 1998 seine Anteile an Daimler. Er wollte sich nicht mehr an den rasch steigenden Entwicklungskosten beteiligen, vor allem aber sah er seine Vision in Gefahr: Mercedes setzte auf Benzinantrieb; in Hayeks Vorstellung gab es Elektromotoren an allen Rädern.
20 Jahre später wissen wir: Hayeks Ansatz war richtig. Ende 2017 verkündete Daimler-Chef Dieter Zetsche, dass Smart ab 2020 nur noch Elektro-Autos verkaufen soll. Bis sich die Stuttgarter an einen Stromer wagten, dauerte es aber. Ab 2006 experimentierten die Ingenieure mit dem Smart ED, richtig in Serie ging der E-Smart erst 2012. Dieser Tage steht das Smart-Stammwerk im französischen Hambach vor einem anderen Problem: Die Nachfrage nach den inzwischen Smart EQ getauften Stromern ist so stark gestiegen, dass die Kunden bis zu ein Jahr auf ihr Auto warten müssen. Einen detaillierten Überblick über die einzelnen Entwicklungsschritte der Marke gibt die nachfolgende Bildergalerie.
Hört man sich bei den Jubiläumsfeiern auf dem Werksgelände um, stört das die Käufer aber nicht sonderlich: Die Smart-Fans sind eine eingeschworene Gemeinde, die nicht nur lange Wartezeiten, sondern auch andere Strapazen gern in Kauf nimmt, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Zum Beispiel viele tausend Kilometer im Smart, um von Peking aus zu den Festlichkeiten in Lothringen anzureisen; dabei ist der Mini-Benz alles andere als langstreckentauglich.
Passend zum Anlass haben die rund 6.000 Smart-Liebhaber eine bunte Mischung an Fahrzeugen mitgebracht, von denen viele inzwischen schon wieder aus dem Straßenbild verschwunden sind. Neben den Klassikern, dem nur 2,50 Meter langen City Coupé der ersten Generation bis hin zur quadratisch-knuffigen Generation drei, zeigen sich in Hambach auch die viersitzigen Forfour-Modelle, die Smart anfangs zusammen mit Mitsubishi und inzwischen mit Renault baut. Auch die zarten Versuche eines Sportwagens sind zu bestaunen, und ziehen immer noch die Blicke auf sich: Smart Coupé und Roadster waren alles andere als ein Erfolg. Mit ihrer Lotus-Elise-Optik sind sie aber ein Hingucker.
Wechsel an der Markenspitze
Das gilt auch für die zahlreichen von Brabus veredelten Modelle und natürlich den Smart For Jeremy mit straßenzugelassenen Engelsflügeln am Heck. Und auch die vielleicht coolste Smart-Version hat den Weg an die deutsch-französische Grenze gefunden: Der Crossblade, ein nur 2.000 Mal gebauter Open-Air-Smart, ohne Dach, Windschutzscheibe und Türen, hinter dessen Steuer sich einst sogar Robbie Williams setzte.
Zur Jubiläumsfeier ist der Sänger nicht angereist, doch hat die Smart-Gemeinde mit der langjährigen Chefin Annette Winkler ihren eigenen Pop-Star in petto. Wie kaum ein anderer Firmenboss steht die extrovertierte 58-jährige, die den großen Auftritt liebt, für ihre Marke, vertritt sie mit Herzblut und Leidenschaft und schafft es, Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen in ihrer Begeisterung mitzureißen.
Stand: 08.12.2025
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Auf den Weg zur Geburtstagsfeier dürfte sich Winkler, die im weißen Spitzenkleid mit der Sonne um die Wette strahlte, allerdings mit einem lachenden und einem weinenden Auge gemacht haben: Sie kann stolz sein, Smart in den vergangenen Jahren von einer Marke, die ihrer Zeit lange voraus war, zu einem ernstzunehmenden Mobilitätsanbieter für Mega-Citys der Zukunft gemacht zu haben. Allerdings endet mit dem Jubiläum auch der gemeinsame Weg von Winkler und Smart: Die gebürtige Wiesbadenerin tritt ab und übergibt das Ruder an Katrin Adt. An ihr liegt es jetzt, aus der coolen Marke Smart endlich auch eine wirtschaftlich erfolgreiche zu machen.