Interview Diess: „Elektromobilität wird günstiger als Verbrennermobilität“

Autor / Redakteur: dpa / Nick Luhmann

Das Ziel von Volkswagen-Chef Herbert Diess: das größte deutsche Unternehmen vom klassischen Autobauer zum emissionsarmen und vollvernetzten Mobilitätsanbieter zu entwickeln. Mit dem Tempo des Umbruchs machte sich der Vorstandschef in den vergangenen Jahren aber nicht nur Freunde.

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Volkswagen-Chef Herbert Diess: „Wir können mit Flexibilität in der Produktion viele Autos retten.“
Volkswagen-Chef Herbert Diess: „Wir können mit Flexibilität in der Produktion viele Autos retten.“
(Bild: Volkswagen)

Herbert Diess soll bis 2025 in Wolfsburg an Bord bleiben. Im Interview der DPA spricht er über zentrale Veränderungen für Verbraucher, Beschäftigte und das Verkehrssystem.

Redaktion: Herr Diess, das Ärgste der Corona-Krise scheint überwunden – würden nur nicht überall die dringend benötigten Elektronik-Chips fehlen. Reservieren Sie jetzt die vorhandenen Halbleiter für die teure Oberklasse? Und wie reagieren die Autopreise insgesamt?

Herbert Diess: Auch viele Volumenmodelle werden uneingeschränkt gefertigt – es ist nicht so, dass nur noch die Porsche-Fahrer bedient werden. Die Preise sind weniger durch Halbleiter beeinflusst. Aber wir haben natürlich insgesamt einen starken Rohstoffpreis-Anstieg, das geht über Stahl bis hin zu vielen unserer Primärwerkstoffe. Und es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, das alles aufzufangen.

Manche Käufer müssen auch lange warten. Wie sehr zieht sich das hin?

Wir würden natürlich gern jeden Kundenwunsch bedienen, und natürlich sind die Lieferzeiten, die wir momentan haben, zu lang. Wir werden jetzt sicherlich auch wirtschaftliche Einflüsse sehen. Aber ich gehe davon aus, dass wir das im vierten Quartal aufholen können. Die Nachfrage ist gut, bei Premium noch ein bisschen stärker als im Volumen. Die Marke VW ist mit Abstand Marktführer in Deutschland.

Ist das Geschäft aus der Zeit vor der Pandemie schon ganz zurück?

Die Marktsituation ist ungebrochen gut. Es wurde viel Nachfrage auch durch Beihilfeprogramme für die Wirtschaft generiert. Wir haben einen guten Auftragsbestand – so gut wie selten zuvor. Der weltweite Konjunkturausblick ist auch fürs nächste Jahr sehr positiv.

Noch drückt der Teilemangel aber doch erheblich auf die Werke, immer wieder müssen Beschäftigte deshalb in Kurzarbeit geschickt werden.

In den nächsten Wochen wird man noch deutliche Einschränkungen in der Produktion spüren. Es wird sicherlich weiterhin eine gewisse Knappheit an Halbleitern geben. Es ist jedoch immer besser, ein Auto zu wenig zu haben als viele zu viel.

Die Prognosen gehen teils auseinander. Womit rechnen Sie konkret?

Es fällt uns in der Tat schwer, die Lieferzusagen für 2023/2024 für unsere Bedarfe zu bekommen. Es wird schon einige Zeit dauern – bedingt vor allem auch durch das Internet der Dinge, jedes Device ist praktisch vernetzt. Ist das ein unlösbares Problem? Nein, denn Autos machen weltweit nur rund zehn Prozent des Halbleitermarkts aus. Das sollte also schon ein beherrschbares Problem sein.

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Die fehlenden Teile sind eine Folge der Corona-Stornierungen aus 2020. Nun zieht die Konjunktur wieder an, gleichzeitig wachsen die Sorgen wegen einer möglichen vierten Viruswelle. Könnte Volkswagen diesmal durchproduzieren – oder würden wieder Milliardenausfälle drohen?

Wir haben zu Beginn des Jahres 2020 in China schnell gelernt, mit der Pandemie umzugehen und konnten das Wissen sehr schnell auf die europäischen Standorte, dann auf die USA, dann auf Lateinamerika und weltweit übertragen. Wir werden sicherlich noch weitere Einschränkungen erleben. Derzeit zum Beispiel durch hohe Inzidenzen in Malaysia, wo viele unserer Halbleiter in sogenannten Backend-Fabriken – beispielsweise bei Infineon – veredelt werden.

Aber die Notfallpläne könnten demnach in der Schublade bleiben?

Unsere bisherige Arbeit zeigt, dass wir durch hohen Einsatz in der „Taskforce“ das eine oder andere Problem deutlich entschärfen und mit Flexibilität in der Produktion viele Autos retten können. Von daher bin ich insgesamt für die zweite Jahreshälfte zuversichtlich.

Ein positiver Nebeneffekt der zwischenzeitlichen Verkaufseinbrüche ist aus Sicht der Autohersteller die ausgeweitete Elektro-Förderung. Wie lange muss der Staat da noch mitspielen?

Zunächst einmal freuen wir uns, dass die Bundesregierung beschlossen hat, die Kaufprämien bis 2025 aufrechtzuerhalten. Wir haben in Europa immer noch Märkte, die über 70, 80 Prozent Diesel haben. Das liegt ganz einfach daran, dass der Diesel dort steuerlich begünstigt ist. In anderen Märkten gibt es dagegen praktisch keine Diesel-Pkw, wie in den USA. Und wir haben schon Märkte wie Norwegen, wo der Verbrenner so stark benachteiligt wird gegenüber dem Elektrofahrzeug, dass fast immer Elektrofahrzeuge gekauft werden ...

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