Herbstakademie: Fitnessprogramm auf Sylt

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Schlussredner am Samstag war Prof. Franz-Josef Radermacher. Der Wirtschaftswissenschaftler und Globalisierungsgestalter sprach über „Management des Wandels – Überlebensfrage für Unternehmen und Organisationen.“ Seine Fragestellung lautete: „Wie geht man mit Wandel um? Wie sollen wir die kommenden Jahrzehnte managen?“ In seinen Ausführungen stellte er fest, dass „der Mensch von Natur aus eher nicht so sehr für das Neue ist“. Schließlich seien Gehirne Systeme, die darauf trainiert seien, nichts hineinzulassen. „Im Gehirn sitzt eine Abwehrbastion. Wenn es erstmal drin ist, geht es nicht mehr raus. Wir sind nicht organisiert wie eine digitale Maschine. Unser Gehirn ist lediglich Hardware“, sagte Radermacher. Aber jeder von uns laufe mit allen möglichen Erwartungen durch die Gegend.

Das Marketing versuche, uns ständig Botschaften ins Gehirn zu blasen. „Es ist aber unmöglich, an etwas nicht zu denken, wenn man immer wieder hört, dass man nicht daran denken soll“, sagte der Professor. Nur Kinder und junge Frauen sind diesbezüglich flexibel. Männer hingegen glaubten, sie seien bereits die Besten. Deshalb wollten sie auch nichts ändern. Jedoch müssten wir ständig etwas ändern. Rademacher begründete das so: „Wir sind in einer gesellschaftlichen Situation, die das Neue erzwingt. Der Mensch muss mit einem sehr schnellen Wandel leben.“ Laut Radermacher sind wir am Höhepunkt einer Beschleunigung, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. Aber trotz vermehrten Wissens auf der Welt werde es nicht einfacher. Denn der moderne Markt treibe uns in einen so nie erlebten Wandel.

Das Problem für die Deutschen sei, das die forcierte Globalisierung dazu geführt habe, dass sie mit den Chinesen, den Indern und den Brasilianern konkurrierten. „Vor über 30 Jahren konnten nur wir Premiumprodukte bauen. Ob Autos oder Flugzeuge, die unendlich attraktiven Produkte stellten allein wir her. Durch die Globalisierung können das all die anderen heute auch“, sagte Radermacher. „Wir verlieren unsere exklusive Position. Auf diesen Wandel muss sich jeder einstellen.“

Radermacher verdeutlichte „die Revolution auf dem Globus“ mit folgendem Beispiel: „Nur eine Milliarde Menschen hat ein Konto, aber vier Milliarden Menschen haben ein Smartphone. Die permanente Veränderung, in der wir uns befinden, ist die Folge der Innovation. Nokia erfährt das im Wettbewerb mit Apple gerade schmerzlich.“

Wie überleben wir?

Kann man die Folgen des Innovationsprozesses überhaupt noch verkraften? Antwort Radermacher: „Wir versuchen, die Menschen zu zwingen, in diesem Prozess zu funktionieren. Der Mensch hat nur noch ein gut funktionierendes Taktsystem zu sein. Wir erleben ein permanentes Desaster, weil wir nicht mehr in die Prozesse passen.“

Gibt es eine Chance aus dem Dilemma auszubrechen? Antwort Radermacher: „Wir sind konfrontiert mit dem Bumerangeffekt. Die Probleme verschwinden nicht, wenn Sie plötzlich überall mit dem Mobiltelefon erreichbar sind. Der Mensch wird zu einer Reiz-Reaktions-Maschine durch den Piep. Und wenn es mal nicht piepst, ist man gereizt, weil es nicht piepst. Die dauernde Verdopplung von irgendwas hilft niemandem. Denn wenn sich das Gehalt verdoppelt, verdoppelt sich nach einem halben Jahr alles um Sie herum!“

Dem Nachwuchs gab Radermacher folgenden Ratschlag mit auf den Weg: „Es gibt viele Leute, die glauben, sie müssten die Besten sein. Aber Sie müssen sich nicht dauernd unter Druck setzen lassen. Vielmehr müssen Sie sich damit beschäftigen, wie Sie die nächsten fünfzig Jahre überleben!“ Sport machen und schauen, dass der Körper funktioniere und vor allem auf das Gehirn aufpassen, waren weitere Tipps des Wirtschaftswissenschaftlers. Auch sollte sich jeder folgende Fragen ehrlich beantworten: Wie gehe ich mit mir um? Wen wähle ich mir als Partner? Wie ist der Job, den ich mache?

Workshop am Sonntag

Den Abschluss der Herbstakademie bildete ein Workshop mit Martin Seydell und Maria Scharrenberg vom Landesverband Schleswig-Holstein. Sie erarbeiten mit den Juniorinnen und Junioren Strategien unter dem Motto „Krise – Wenn die Kommunikation aus dem Rhythmus kommt“.

Scharrenberg erarbeitete mit den 51 Teilnehmern den Krisenverlauf von Personen und Organisationen, die von der Öffentlichkeit stark wahrgenommen wurden. Dabei zeigte sich, dass es einigen durchaus gelungen ist, die vermeintliche Krise zu nutzen, um mittelfristig strategische Vorteile daraus zu ziehen. Scharrenberg beleuchtete die emotionalen Auswirkungen einer Krise auf den Betroffenen. Hierzu gehören Schlafstörungen, ein reduziertes Immunsystem, erhöhte Aggressionsbereitschaft bei Provokation und Schwächen bei logischen Entscheidungen. Daher lohnt es sich, möglichst frühzeitig ein sogenanntes Re-Framing durchzuführen. Hierbei wird die Belastung und Bedrohung in eine positive Herausforderung umgedeutet: „Ich stehe jetzt vor einer neuen und interessanten Herausforderung. Mit Wachsamkeit und Gelassenheit werde ich diese Situation meistern. Als Erstes mache ich…“.

Die Teilnehmer diskutierten dann mit den Referenten die Kommunikationsstrukturen mit der Familie, den Mitarbeitern, der Presse, dem Hersteller/Konzeptanbieter, den Kunden, den Freunden und Kollegen. Besonders im Gedächtnis blieb den Teilnehmern in diesem Zusammenhang ein Zitat der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Noch praxisnäher wurde der Workshop, als Martin Seydell die theoretischen Inhalte auf den diesjährigen Werkstatttest des ADAC übertrug. Ein hohes Stresspotenzial wird bei diesem Test durch die Tatsache erzeugt, dass der ADAC erst Monate später, aber unmittelbar vor Veröffentlichung des Testergebnisses die betroffenen Betriebe über das schlechte Abschneiden informiert. Hierbei werden aus vermeintlichen Datenschutzgründen keine Details des Tests an den Betrieb weitergegeben. Daher kann die Geschäftsleitung auf Presseanfragen keine konkreten Antworten geben. Aus diesem Grunde empfahlen die beiden Referenten in solchen Situationen konsequent auf „Ja-Botschaften zu setzten“: „Ja, es hat einen Werkstatttest mit schlechter Benotung für unser Unternehmen gegeben. Gemeinsam mit dem ADAC suchen wir zurzeit nach einer Strategie, mit der zukünftig wieder eine 100-prozentige Kundenzufriedenheit erreicht werden kann. Ich sage Ihnen gerne mehr, sobald ich nähere Informationen zu dem Hergang habe.“

Zurück zum Rhythmus: Dieser war ausgezeichnet auf der diesjährigen Herbstakademie, was Themen, Rahmenprogramm und Stimmung betrifft. Das 8. Bundestreffen der Junioren auf Sylt findet übrigens im November 2014 statt.

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