Mercedes-Benz: 6.3, das dicke Ei

Autor: Steffen Dominsky

Auf dem Genfer Automobil-Salon 1968 sorgte sie für Staunen und Kopfschütteln zugleich: Eine Oberklasselimousine, die schneller war als ein Porsche – konnte das gutgehen?

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Steiler Zahn: Der 300 SEL 6.3 markierte für Mercedes-Benz eine neue Ära – nämlich die des Baus sportlicher Limousinen.
Steiler Zahn: Der 300 SEL 6.3 markierte für Mercedes-Benz eine neue Ära – nämlich die des Baus sportlicher Limousinen.
(Bild: Daimler AG)

Modelle des Mercedes-Benz 6.3 sind 50 Jahre nach seiner Premiere rar, erst recht gut erhaltene. Doch nicht allein seine geringe Verfügbarkeit macht das Auto noch heute exklusiv. Denn der 300 SEL 6.3 (W 109), den Mercedes-Benz 1968 auf dem Genfer Automobil-Salon vorstellte, zeigte damals nicht nur Fahrleistungen wie aus einer anderen Welt, gleiches galt auch seine Unterhaltskosten. Dennoch ist er ein gesuchter Klassiker. Denn er sieht nicht nur gut und eben klassisch aus. Dank seiner 184 kW/250 PS, die bei 4.000 min-1 lediglich 1.780 Kilogramm Leergewicht bewegen müssen, kann man mit ihm auch heute noch richtig flott im Verkehr mithalten.

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Die damalige Presseinformation fasst seine Eigenschaften zusammen: „In der Kombination von größtmöglichem Komfort und außerordentlichen Fahrleistungen dürfte dieser Wagentyp unübertroffen sein. Man kommt damit den Wünschen der Kunden entgegen, die überdurchschnittliche Fahrleistungen erwarten.“ Die Limousine schließe die Lücke zwischen dem 300 SEL und dem 600 (W 100), aus dem der V8-Motor des 300 SEL 6.3 stammt. Im internationalen Angebot nehme der neue Typ eine Spitzenstellung ein. Da kann man auch heute nicht widersprechen.

„Ein Fahrkomfort, der keine Wünsche offenlässt“

Die technischen Daten untermauern eindrücklich das Sportwagenniveau, auf dem sich die Limousine bewegte. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 220 km/h. Das Fahrzeug beschleunigt in 6,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und legt einen Kilometer mit stehendem Start in 27,1 Sekunden zurück. „Damit ist es eines der temperamentvollsten und schnellsten Serienfahrzeuge auf dem Weltmarkt. Sein besonders leiser, absolut vibrationsfreier Lauf, die Luftfederung und das automatische Getriebe ergeben zusammen einen Fahrkomfort, der keine Wünsche mehr offenlässt“, titelten die Stuttgarter bei der Präsentation.

Äußerlich unterscheidet sich die Limousine kaum von den anderen Fahrzeugen der Baureihe W 108/109. Nur der Schriftzug „6.3“ auf der rechten Seite des Kofferraumdeckels, Halogen-Doppelscheinwerfer mit damals neuester Leuchtentechnik und dazu Nebel-Zusatzscheinwerfer geben Hinweise auf das Spitzenmodell. Das Fachmagazin „Auto, Motor und Sport“ berichtete in Heft 6/1968 über den Mercedes-Benz 300 SEL 6.3: „Wir übernahmen eines der sorgfältig gehüteten ersten Exemplare, das noch nicht mit der Bezeichnung ‚6.3‘ verziert war. Das Fehlen dieser Bezeichnung hat zweifelsohne einige Porsche 911- und 911-S-Fahrer in Verwirrung gebracht, die – sonst Könige der Autobahn – von dem harmlos-distinguiert aussehenden Mercedes abgehängt wurden. Falls einer von ihnen zufällig diese Zeilen lesen sollte: Er braucht sein Fahrzeug nicht wegen mangelhafter Leistung beim Werk zu reklamieren.“

Serienmäßig mit Drehzahlmesser!

Im Interieur unterscheiden ein Tachometer mit größerem Messbereich, ein serienmäßiger Drehzahlmesser und eine andere Anordnung der Zeituhr den 6.3er vom 300 SEL. Dessen Fahrwerk mit Luftfederung und automatischer Niveauregulierung lieferte die Basis für das Hochleistungsmodell: Es stellt sich automatisch auf wechselnde Belastung ein. Die Federwege und damit auch die Fahrzeuglage bleiben stets konstant. Für eine angemessene Verzögerung sorgen innenbelüftete Scheibenbremsen an allen vier Rädern. Zur weiteren Serienausstattung gehörten außerdem Servolenkung, ein Viergang-Automatikgetriebe, ein Sperrdifferenzial, elektrische Fensterheber und eine pneumatische Zentralverriegelung.

Der V8-Motor mit 6.333 Kubikzentimetern Hubraum wurde mit wenigen Modifikationen von der Repräsentationslimousine Mercedes-Benz 600 (W 100) übernommen. Er verfügt über eine Achtstempel-Einspritzpumpe mit Start- und Warmlaufautomatik, die Gaspedalstellung, Motordrehzahl, Luftdruck und Kühlwassertemperatur berücksichtigt. Der Kraftstoff wird über acht Düsen mit hohem Druck in die Saugrohre gespritzt. Um den Motor in der Baureihe W 109 allerdings unterzubringen, waren deutliche Änderungen an Rahmenvorbau, Getriebetunnel und Wagenboden nötig.

Eine Idee von Erich Waxenberger

Der 300 SEL 6.3 geht zurück auf eine Idee des Mercedes-Benz-Versuchsingenieurs Erich Waxenberger. Er erkannte in den Sechzigerjahren das Potenzial des V8-Motors aus dem Typ 600 auch für die Baureihe W 109. Zunächst ohne Wissen des Pkw-Entwicklungschefs Rudolf Uhlenhaut baute er ein Erprobungsfahrzeug auf. Doch Uhlenhaut blieb das Tun nicht lange verborgen: Er hörte den an seinem Büro mit dezentem Motorgrollen vorbeifahrenden Prototypen, beorderte Waxenberger umgehend zum Rapport – und ließ ihn gewähren.

Bis 1972 wurden gerade einmal 6.526 Exemplare gebaut. Entsprechend ist der 6.3er im Sammlermarkt längst angekommen: „Über viele Jahre stand der 300 SEL 6.3 für Sammler zwar weniger im Fokus, doch das hat sich geändert. Heute ist er sehr begehrt, und die Preise für die verfügbaren Fahrzeuge haben deutlich angezogen“, sagt Patrik Gottwick, der bei Mercedes-Benz Classic für den Fahrzeughandel All Time Stars verantwortlich ist. „Ein gutes Fahrzeug in der Zustandsnote 2 kostet derzeit ab 80.000 Euro.“ Ob das viel oder wenig ist, liegt wie stets im Auge des Betrachters.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group