100 Jahre Fließband: Revolution der Massenproduktion

Autor / Redakteur: sp-x / Gerd Steiler

Vor hundert Jahren begann Ford mit der arbeitsteiligen Fertigungstechnik, die noch heute Standard ist.

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Ford startete die Fließbandproduktion im Jahr 1913 mit dem legendären T-Modell.
Ford startete die Fließbandproduktion im Jahr 1913 mit dem legendären T-Modell.
(Foto: Ford)

Das Auto ist schon fast 130 Jahre alt. Doch erst mit dem konsequenten Einsatz des Fließbandes bei Ford vor genau 100 Jahren wurde der eigene Wagen für den Großteil der Bevölkerung bezahlbar. Heute ist das Fließband aus den großen Autofabriken nicht mehr wegzudenken. Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch wurde tatsächlich noch jedes Fahrzeug komplett zusammengebaut, bevor die Arbeit am nächsten Automobil begann. Leisten konnten sich die frühen Motorkutschen deshalb nur die Reichen und Mächtigen.

Für den amerikanischen Automobilkonstrukteur Ransome Eli Olds Anlass, im Jahr 1901 eine Fließbandfertigung zu adaptieren, so wie er sie in den Konserven- und Fleischfabriken Chicagos kennengelernt hatte. Der Materialtransport zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen erfolgte über ein Band, jedem in seinem Verlauf positionierten Arbeiter wurde eine Aufgabe zugeteilt, die immer und immer wieder wiederholt wurde. Doch Olds ist heute zumindest in Deutschland vergessen. Denn wirklich zum Durchbruch verholfen hat dem Fließband sein Konkurrent Henry Ford, der mit dem im Akkord produzierten T-Modell („Tin Lizzy“) ab 1913 die Welt eroberte.

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„Tin Lizzy“ für jeden

Die Kostenvorteile einer perfektionierten Fließbandfertigung bewirkten Verkaufspreise, die rund vier Monatslöhnen eines amerikanischen Industriearbeiters entsprachen. Eine Revolution, die für einen nie geahnten Auto-Boom sorgen sollte. Beim Bandanlauf des Model T betrug der gesamte Fahrzeugbestand in den USA nur 900.000 Einheiten, 1927 bevölkerten dagegen bereits 20 Millionen Autos Amerikas Straßen.

Die Kehrseite des Fließbands bekamen vor allem die Arbeiter zu spüren. Von ihnen forderte Ford die bedingungslose Anpassung an das Produktionssystem. Eine monotone Arbeit mit stets gleichen Handgriffen, die Kritiker immer wieder anprangerten. So 1936 in Charly Chaplins Film „Moderne Zeiten“ oder 1960 in Aldous Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“, der im Jahre 632 „nach Ford“ spielt.

Aufhalten konnten aber auch die Kritiker das Fließband nicht. Denn bald war es kein reines Ford-Phänomen mehr, sondern eine weltweite Erscheinung. Konstrukteur André Citroen hatte das System der Fließbandfertigung 1919 nach Europa geholt und damit den Grundstein für den Aufstieg zum größten Hersteller Frankreichs gelegt. In Deutschland wollte Opel weiterhin die Nummer eins sein. Das Werk wurde komplett umgebaut und auf die Fließbandfertigung eines einzigen Kleinwagentyps in einer Ausstattung und einer Farbe ausgerichtet. Der anfänglich stets grün lackierte Opel 4/12 PS „Laubfrosch“ avancierte mit 120.000 verkauften Einheiten zu einem Bestseller unter den frühen europäischen Volks-Wagen.

Produktion explodiert

Bald schon explodierte die Auto-Produktion auch im Rest Europas und der Welt. Herbert Austin mobilisierte England durch den kleinen Seven vom laufenden Band, dann forderte Adolf Hitler 1934 den Bau eines Autos für breite Bevölkerungsmassen – in einer Stückzahl von 1,5 Millionen Fahrzeugen pro Jahr. Die gigantomanischen Zahlen spuckten die Wolfsburger Fließbänder zwar nicht aus, aber immerhin wurde 1972 mit dem 15-millionsten Käfer der bis dato gültige Produktionsrekord des Ford-T-Modells eingestellt. Noch gewaltiger sind die Volumen des bis heute gefertigten Golf, der sich bereits der 30-Millionen-Marke nähert. Den absoluten Superlativ setzt jedoch der Toyota Corolla, die bis heute meistverkaufte Fahrzeugreihe der Welt. Rund 40 Millionen Einheiten rollten bislang in 13 Generationen von den Bändern.

Der Stress für die Werktätigen am Fließband wird also nicht weniger, dafür nimmt wird die Zahl der benötigten Mitarbeiter immer weiter ab. Der Industrieroboter machte es möglich. Schon 1980 wurden etwa bei Fiat von 2.700 Schweißpunkten nur noch 20 durch Menschen ausgeführt. Seit 1996 sind immer mehr rechnergesteuerte Fertigungsmaschinen im Einsatz und in diesem Jahr sogar sogenannte kollaborierende Roboter, die ohne die bislang trennenden Schutzgitter oder Lichtschranken Hand in Hand mit Menschen zusammen arbeiten. Allerdings wirken einige Werkshallen bereits menschenleer. Für manchen eine ganz andere Art von Alptraum als sie Aldous Huxley in seiner „Schönen Neuen Welt“ erdachte.

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