60 Jahre VW Karmann Ghia: Der Käfer im Frack

Autor / Redakteur: sp-x / Gerd Steiler

Er ist das sportliche Coupé auf Basis des millionenfach gebauten Käfers. Dazu schrieb der Karmann Ghia seine eigene Erfolgsgeschichte. Nun feiert der schöne Volkswagen runden Geburtstag.

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Italienisches Flair: Der Karmann Ghia gilt als eine der Auto-Ikonen der 50er, 60er und 70er Jahre.
Italienisches Flair: Der Karmann Ghia gilt als eine der Auto-Ikonen der 50er, 60er und 70er Jahre.
(Foto: VW)

Es begann vor 60 Jahren in einer Pariser Garage mit einem geheimen Coupé-Konzept deutsch-italienischer Herkunft und wurde zur bis dahin größten Erfolgsgeschichte erschwinglicher Sportcoupés. Unerreicht waren die Verkaufszahlen des Volkswagen Karmann Ghia mit am Ende insgesamt 540.000 gefertigten Modellen aller Varianten.

Rückblende in den Herbst 1953: Damals feierte der Prototyp des VW Karmann Ghia Premiere. Drei Jahre hatte der Karossier Wilhelm Karmann an der Idee gearbeitet, einen aufregend geformten 2+2-Sitzer auf Käfer-Basis in Serie gehen zu lassen. Die Zeit bis zum Produktionsanlauf im Sommer 1955 wurde genutzt für reichlich Feinschliff. Das Coupé wurde zum überraschend geräumigen 2+2-Sitzer entwickelt mit viel Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder, aber auch größeres Reisegepäck, und die teils noch groben Karosseriedetails wurden finalisiert.

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Mehr als ein „Hausfrauen-Porsche“

Weitsichtig kommentierte die Presse dann die Medienpräsentation des Coupés in einem Hotel bei Osnabrück als „Historischen Taufakt“. Tatsächlich übertrafen die sofort einlaufenden Kunden- und Händlerbestellungen für den formschönen Italiener deutscher Produktion die kühnsten Erwartungen. Statt 3.000 Einheiten konnte Karmann im ersten Jahr bereits 10.000 Coupés ausliefern und dennoch mangelte es weiter an Produktionskapazitäten für den weit höheren Auftragsbestand.

Auf der Frankfurter IAA zählte der Besuch des Karmann-Messestands nun zum Pflichtprogramm von Bundespräsident Theodor Heuss und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. So war die IAA auch das perfekte Premierenpodium für die nächsten Mitglieder der Karmann-Familie: 1957 machte das Cabriolet Wilhelm Karmanns Traum vom Open-Air-Star wahr und 1961 folgte der ebenfalls von Ghia gezeichnete größere Typ 34 als Karmann Ghia 1500. Schon ein Jahr zuvor war die Produktion bei Karmann-Ghia do Brasil angelaufen.

Dabei waren die Käfer im verführerisch schönen Gala-Gewand nicht unumstritten. Manche Journalisten und Spötter taten die anfangs gerade einmal 22 kW/30 PS leistenden 1,2-Liter-Boxer-Vierzylinder als „Parodie eines schnellen Wagens“ oder als „Hausfrauen-Porsche“ ab. Tatsächlich war der Karmann-Ghia mit einer Spitze von 118 km/h nur unwesentlich schneller als der gleich stark motorisierte Käfer und deutlich träger als etwa Auto Union 1000 Coupé oder Borgward Hansa Coupé, deren Preisniveau ähnlich hoch war wie das des 7.500 Mark teuren Karmann Ghia Coupés. Dafür konnte der Karmann mit der Zuverlässigkeit und Langlebigkeit des Käfers glänzen und die Käufer der Osnabrücker Coupés und Cabrios profitierten vom damals beispiellos großen Wolfsburger Servicepartner-Netz.

Erfolgreicher Urtyp

Karmann Ghia fahren, bedeutete anfangs: Schöne Autos mit rustikaler Technik, die immerhin stark genug war, um im Verkehr mitzuschwimmen. Dazu gehörten auch das dünne Käfer-Lenkrad, Trommelbremsen ohne Servounterstützung und der stets vernehmbar arbeitende, luftgekühlte Boxermotor. Das alles änderte sich im Lauf der Jahrzehnte synchron zur Käfer-Entwicklung.

Aber auch mit vorderen Scheibenbremsen, moderner Schräglenker-Hinterachse und 37 kW/50 PS bzw. kurzzeitig sogar 40 kW/54 PS Leistung wurden aus den schönen Autos nie schnelle Sportwagen. Was die Käufer nicht weiter störte. So schrieben alle Karmann Ghia ihre eigene Erfolgsgeschichte, die nur für den größeren und arg teuren Typ 34 (produziert von 1961 bis 1969) nicht ganz so groß war. Dagegen blieb der Karmann-Ghia-Urtyp (Typ 14) gut im Geschäft bis Anfang 1974 der Volkswagen Scirocco schon kurz vor dem Golf das Ende der Heckmotorära bei den kompakten Volkswagen ankündigte. Noch zwei Jahre länger baute das brasilianische Karmann-Werk bei Sao Paulo das eigenständige Fließheckmodell TC. Dann waren die schöneren Käfer endgültig Vergangenheit.

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