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Das neue Berufsbild ist am Start. Wo sind die weißen Flecken mit Blick auf die ÜBLs, die neu gestaltet werden müssen?
Gravendyk: Ich würde nicht von weißen Flecken sprechen. Die Ausarbeitungen zu den ÜBLs laufen auf Hochtouren. Die Informationen dazu kommen rechtzeitig. Der Berufsbildungsausschuss hat eine Menge Arbeit vor sich, um den Betrieben die neuen Schwerpunkte nahezubringen und dafür zu sorgen, dass die im Kraftfahrzeuggewerbe tätigen Unternehmen auch in Zukunft bedarfsgerecht ausbilden können. Dazu gehört beispielsweise, dass Schwerpunkte nach Ablegen der Gesellenprüfung Teil 1 verändert werden können, wenn man bestimmte Talente bei seinem Auszubildenden erkannt hat. Es ist also ohne Weiteres möglich, im Schwerpunkt Pkw zu beginnen und nach dem ersten Teil der Gesellenprüfung in den Schwerpunkt „Hochvolt- und Systemtechnik“ oder „Karosserietechnik“ zu wechseln, um dort die Gesellenprüfung zu machen. Talente werden ja manchmal erst mit der Zeit sichtbar.
Die theoretische Absicht an dieser Stelle ist klar. Die praktische Umsetzung in den Berufsschulen könnte sich aber durchaus schwierig gestalten und die Vermittlung der neuen Schwerpunkte zumindest verzögern.
Lotz: Bei Veränderungen im Berufsbild muss man auf die lange Achse schauen und nicht auf den kurzfristigen Erfolg. An dieser Stelle ist der Weg das Ziel – sowohl für den Jugendlichen als auch für die Berufsschule. In drei oder vier Jahren reden wir wahrscheinlich gar nicht mehr darüber, ob die Schulen dieses vermitteln können, allenfalls noch wo.
Beim letzten Berufsbild ist der Schwerpunkt „Kommunikation“ sang- und klanglos untergegangen. Wie wollen Sie sicherstellen, dass den neuen Schwerpunkten dieses Schicksal erspart bleibt?
Gravendyk: Es geht schon los mit der Wortwahl. „System- und Hochvolttechnik“ signalisiert eindeutig, um welchen Bereich automobilen Services es sich handelt. Außerdem wird der Markt der Hybrid- und Elektrofahrzeuge faktisch diese Fähigkeiten fordern. Daraus ergibt sich, dass das Kfz-Gewerbe diesem Dienstleistungsbedarf nachkommen muss, wenn es das Auftragspotenzial nicht an andere Handwerksbereiche verlieren will. Die Chancen sind exzellent. Gleiches gilt für die Karosserietechnik, einen der wichtigsten Renditebringer in unseren Betrieben.
Lotz: Unterm Strich können wir meiner Meinung nach relativ entspannt an die Sache herangehen. Es wird weiterhin eine ganze Menge Generalisten im Kraftfahrzeuggewerbe geben, die sich in Sachen Ausbildung in den klassischen Schwerpunkten wiederfinden. Aber die Chance zur Differenzierung werden diejenigen erfolgreich nutzen können, die früh begreifen, welches Wertschöpfungspotenzial sich dort verbirgt. Die neuen Schwerpunkte sind eine Option, die wir im neuen Berufsbild möglich gemacht haben. Damit ist die Tür auf; durchgehen müssen die Betriebe selbst.
Ist der duale Partner Schule gewappnet für die Vermittlung dieser Aufgaben?
Lotz: Unsere Erfahrungen sind, dass sie teilweise schon gut aufgestellt sind. Trotzdem wird sich der Schulbetrieb auf die neuen Schwerpunkte einstellen müssen. Das wird ein bisschen dauern. Die Ansprechpartner in den Innungen, die Ausgestaltung der ÜBLs und die Weiterbildungsmöglichkeiten durch die Hersteller begleiten die Schule aktiv auf dem Weg dahin. Wer was mit welchem Gewicht in den Prozess einbringt, lässt sich heute noch nicht sagen. Entscheidend ist, dass der Auszubildende am Ende in der Lage ist, seinen Job zu machen.
Spielt es für die Vermittlung der Fähigkeiten im Schwerpunkt „Karosserie“ eine Rolle, dass sich die Ausbildungsberufe bei verschiedenen Verbänden befinden?
Lotz: Hier „leiden“ wir auf hohem Niveau. Wir haben zwei unterschiedliche Verbände mit teilweise sehr ähnlichen Berufsbildungsaufgaben. Vom Betrieb aus gesehen ist es völlig egal, dass hier zwei Verbände vorhanden sind. Der Auszubildende hat die Wahl.
Gravendyk: Meine bisherigen Erfahrungen in Gesprächen mit Lehrern an den Berufsschulen und mit Ausbildern in den ÜBLs sind durchweg positiv. Es herrscht großes Interesse an Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, die die Angesprochenen in die Lage versetzen, ihre Rolle erfüllen zu können.
Besteht nicht die Gefahr, dass momentane schulische Defizite bei der Vermittlung neuer Berufsbildinhalte auf lange Zeit in den Vermittlungsbereich der ÜBL abwandern und der Lernort Schule sowie der Lernort Betrieb in diesen Lernsektoren „austrocknen“?
Gravendyk: Die Betriebe werden durch ihre Produkte und ihre Partnerschaft mit den Herstellern ein hohes Eigeninteresse haben, die Servicequalität sicherzustellen. Das schreiben ja schon die Händlerverträge vor. Den Rest besorgen die im Werkstattalltag anfallenden Arbeiten.
Werfen wir einen Blick auf die Weiterbildungsnotwendigkeiten. Wie sieht es im Bereich der Servicetechniker und Meister aus?
Lotz: Hier setzen wir den Weg fort, den wir in der Erstausbildung begonnen haben. Der Kundenauftrag definiert, welche Weiterbildungsangebote in diesen Bereich einfließen müssen, und wir werden dafür sorgen, dass dem Genüge getan wird. Hersteller und Importeure sind diesbezüglich aus wohlverstandenem Eigeninteresse tätig. Sowohl in der Servicetechnikerausbildung als auch in der Meisterausbildung werden adäquate Ergänzungen mit Blick auf die neuen Berufsbildinhalte ihren Platz finden.
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