Wirtschaftliche Lage des Handwerks Das stille Sterben der Betriebe findet bereits statt

Von Doris S. Pfaff

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Was kommt auf die Händler zu? In der gemeinsamen Sitzung des ZDK-Wirtschaftsausschussses und der Fachgruppe Fabrikatsvereinigung stand die wirtschaftliche Lage Deutschlands im Fokus. Auch wenn eine Wirtschaftsprognose aktuell kaum möglich ist: Eine Besserung der Lage für den Autohandel gilt als unwahrscheinlich.

Auch wenn Autohersteller aktuell verstärkt Neuwagen an die Händler lieferten, hat sich die Lage für den Autohandel nicht erholt. Denn die Kauflust der Deutschen sinkt angesichts der zu erwartenden Rezession der Wirtschaft.(Bild:  gemeinfrei /  Pixabay)
Auch wenn Autohersteller aktuell verstärkt Neuwagen an die Händler lieferten, hat sich die Lage für den Autohandel nicht erholt. Denn die Kauflust der Deutschen sinkt angesichts der zu erwartenden Rezession der Wirtschaft.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Mit einem „Parforceritt durch die aktuelle Situation“ gab Constantin Terton vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) am Donnerstag den Teilnehmern der gemeinsamen Sitzung des ZDK-Wirtschaftsausschusses und der Fachgruppe Fabrikatsvereinigung unter dem Titel „Deutschland im Krisenmodus“ einen Überblick über die momentane Wirtschaftslage.

Zuvor begrüßte Mark Scherhag als Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaft die Mitglieder und umriss die Lage der Kfz-Branche, wie er sie wahrnimmt: Aktuell stelle sich die Situation für die Betriebe noch stabil dar, auch wenn die Zufriedenheit der Unternehmer sinke. Die Erwartungen für das nächste Jahr sehen da ganz anders aus: hohe Kosten, sinkende Nachfrage, Lieferengpässe und weitere Unsicherheiten durch die Neugestaltung der Verträge mit den Herstellern.

Constantin Terton bestätigte dies. Der promovierte Volkswirt ist seit sechs Monaten beim ZDH als Abteilungsleiter zuständig für alle Fragen, die sich für die Mitgliedsbetriebe zur Energiekrise auftun. In der aktuellen Energiekrise eine Wirtschaftsprognose zu erstellen, sei kaum möglich, erklärte er den Teilnehmern des ZDK-Webmeetings.

Umsatzeinbrüchen und steigenden Energiekosten

Einen guten Einblick bietet jedoch eine Anfang September durchgeführte Blitzumfrage des ZDH, an der 4.200 Betriebe teilnahmen. 60 Prozent gaben Umsatzeinbrüche an, 88 Prozent gestiegene Energiekosten und 15 Prozent eine Verdreifachung ihrer Energiekosten. Einzelne sprachen sogar von einer Verzehnfachung ihrer Energiekosten, manche klagten über Vertragskündigungen durch ihren Energieversorger und die schwierige Suche nach Anschlussverträgen. Die Lage für die Betriebe dürfte sich in den vergangenen vier Wochen noch einmal deutlich verschlechtert haben, so Terton.

Entlastungen, die die Politik versprochen habe, seien beim Mittelstand bislang nicht angekommen. Das mit Beteiligung des ZDH geplante Entlastungspaket, das speziell die kleinen und mittelständischen Betriebe stützen sollte, sei nun durch die von der Bundesregierung ins Spiel gebrachte Gaspreisbremse vom Tisch, bedauerte Terton. Dabei sei die wirtschaftliche Ausgangslage für deutsche Unternehmen extrem angespannt und Deutschland auf dem Weg zur Deindustrialisierung. Die deutsche Wirtschaft leide unter den Folgen von Chinas Null-Covid-Strategie, die zu weltweiten Lieferengpässen und Teuerungen geführt habe. Die explosionsartig gestiegenen Energiekosten und die Inflation verschärften die Situation, so der ZDH-Experte. Nicht alle Kosten könne man an die Kunden weitergeben.

Dr. Constantin Terton ist beim ZDH Ansprechpartner für die Fragen der Mitglieder zu den Folgen der Energiekrise.(Bild:  Fotostudio Charlottenburg – IHK Berlin)
Dr. Constantin Terton ist beim ZDH Ansprechpartner für die Fragen der Mitglieder zu den Folgen der Energiekrise.
(Bild: Fotostudio Charlottenburg – IHK Berlin)

Hinzu komme die sinkende Konsumnachfrage, die durch die Inflation befeuert werde. Und: Eine Entspannung der Lage sei nicht in Sicht. Denn der deutsche Gasspeicher sei am Ende des Winters wieder leer, gab Terton zu bedenken.

Noch spiegele sich die wirtschaftliche Situation der kleineren und mittelständischen Unternehmen in der aktuellen Konjunktur nicht wider. Aber das „stille Sterben der Betriebe“ finde bereits statt, so Terton. Insbesondere im Osten von Deutschland: Dort würden Unternehmer im mittleren Alter die Reißleine ziehen und ihren Betrieb dichtmachen – nicht weil sie insolvent seien, sondern weil sich ein Weitermachen nicht mehr rentiere.

Die von der Expertenkommission vorgeschlagene Gaspreisbremse ab März 2023 käme für die kleineren Betriebe, allen voran für die energieintensiven, zu spät. So lange könnten sie nicht die hohen Energiekosten tragen. Auch wenn die Kfz-Betriebe nicht zu den energieintensiven Unternehmen zählten, litten auch sie unter der aktuellen Lage, so Terton.

Die einseitige Ausrichtung auf die E-Mobilität der Politik sei nicht mit den Bedürfnissen des Wirtschaftsverkehrs vereinbar. Zu blauäugig und teilweise zu ideologisiert würden Entscheidungen getroffen, die den aktuellen Ernst der wirtschaftlichen Lage ignorierten. „In dieser Situation müsste alles mobilisiert werden, um die deutsche Wirtschaft zu entlasten“, so Terton. Die Automobilindustrie sei nun mal das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Eine weiterhin künstliche Erhöhung der Energiekosten durch beispielsweise die CO2-Bepreisung könne er nicht nachvollziehen.

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Woltermann: Das Frühjahrsgeschäft wird wieder ausfallen

Antje Woltermann, ZDK-Geschäftsführerin der Abteilung Betriebs- und Volkswirtschaft, Fabrikate, teilt die Einschätzung des ZDH-Experten: „Eine Wirtschaftsprognose ist aktuell wie ein Blick in die Glaskugel.“ Dass sich die Lage aber für das Kfz-Gewerbe verschlechtere, zeichne sich seit August am sinkenden Konsumverhalten der Autokunden ab.

„Durch den hohen Auftragsbestand und die langen Bestellzeiten spiegelt sich das aktuell aber noch nicht wider“, so Woltermann. Im Gegenteil. Derzeit arbeiteten die Hersteller im hohen Tempo ihre Bestellungen ab und lieferten verstärkt aus, was bereits im vergangenen Monat zu höheren Neuzulassungen führte. Dies seien aber Fahrzeuge, die Kunden teilweise schon vor einem Jahr bestellt hätten. Die vollen Auftragsbücher der Autohäuser würden nun abgearbeitet, neue Aufträge dürften angesichts der aktuellen Lage nun deutlich sinken. „Ich fürchte, das wird sich spätestens beim Frühjahrsgeschäft zeigen, das eigentlich immer stark ist und damit dann zum dritten Mal ausfallen dürfte“, sagt Woltermann.

Ungeachtet der gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen bauten die Hersteller ihre Geschäftsbeziehungen zu ihren Händlern weiter um und forderten teilweise erhebliche Investitionen für eine neue CI und neue Showroomkonzepte. „Das wird für die Händler zunehmend ein Problem werden“, ist sich Woltermann sicher.

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