Autojahr in Bremen und Bremerhaven Der Bestand wächst weiter – trotz allem

Von Doris Pfaff 4 min Lesedauer

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Ein turbulentes Autojahr bescherte den Kfz-Betrieben in Bremen und Bremerhaven am Ende doch ein Plus. Weil Autos im Markt fehlten, stiegen die Preise und damit der Umsatz. Für 2023 prognostiziert das Kfz-Gewerbe in allen Geschäftsbereichen Zuwächse.

Präsentierten gemeinsam die Bilanz des Autojahres 2022: (v. li.) Christian Metje, Geschäftsführer des Landesverbands Niedersachsen-Bremen, Präsident Karl-Heinz Bley, Geschäftsführerin Anke Kuckertz sowie Bremens Obermeister Hans-Jörg Koßmann.(Bild:  Zietz - »kfz-betrieb«)
Präsentierten gemeinsam die Bilanz des Autojahres 2022: (v. li.) Christian Metje, Geschäftsführer des Landesverbands Niedersachsen-Bremen, Präsident Karl-Heinz Bley, Geschäftsführerin Anke Kuckertz sowie Bremens Obermeister Hans-Jörg Koßmann.
(Bild: Zietz - »kfz-betrieb«)

„Wir brauchen das Automobil, wir brauchen Straßen“, betonte Bremens Obermeister Hans Jörg Koßmann und stellvertretender Landesinnungsmeister des Kfz-Gewerbes Niedersachsen-Bremen bei der Vorstellung der Bilanz zum Autojahr 2022. Er forderte eine ideologiefrei geführte Debatte über die individuelle Mobilität. Weder sei das Auto ein Symbol der Freiheit noch der voll besetzte Bus der Inbegriff der Verkehrswende. Denn allem „klimatischen und zeitgeistigen Wandel zum Trotz“ steige die Zahl der zugelassenen Autos weiter, auch in den großen Städten, so Koßmann.

Das unterstreiche schließlich die Bilanz für das Autojahr in Bremen und Bremerhaven: 2022 war der Fahrzeugbestand um 1,6 Prozent gegenüber 2020 gestiegen. Koßmann stellte die Bilanz gemeinsam mit dem Präsidenten des Kfz-Gewerbes Niedersachsen-Bremen, Karl-Heinz Bley, vor.

Weniger Autos, höhere Preise und mehr Umsatz

„2022 war ein derart turbulentes Autojahr, in dem die schwache Nachfrage stärker als das Angebot war. Der Begriff ‚Überproduktion‘ ist zu einem Fremdwort mutiert. Die Prinzipien der Marktwirtschaft sind endlich einmal Gast im Haus des Kraftfahrzeuggewerbes“, sagte Bley.

Auch wenn bei den Autohäusern in Bremen und Bremerhaven 2022 die Stückzahl der verkauften Fahrzeuge gesunken ist (minus 12,5 Prozent), stieg der Gesamtumsatz auf 1,8 Milliarden Euro. Das Kfz-Gewerbe hatte daran einen Anteil von rund 1,4 Milliarden Euro.

Ordentliche Einbußen gab es beim Gebrauchtwagenmarkt, insbesondere beim Markenhandel, weil junge Gebrauchte fehlten. Davon profitierte das Werkstattgeschäft. Die Kunden fahren ihre Fahrzeuge länger und kommen deshalb öfter in die Werkstatt. Der Serviceumsatz stieg daher um 10,8 Prozent auf 222 Millionen Euro.

Der leer gefegte Automarkt ließ letztendlich auch die Fahrzeugpreise steigen und bescherte damit den Betrieben unterm Strich ein Plus im Gesamtumsatz und eine von 1,6 auf 3,1 Prozent gestiegenen Rendite.

Auch die Bilanz der Neuzulassungen fiel 2022 besser aus als zunächst erwartet: Dank einer „Jahresendrallye mit explodierenden Elektro-Marktzahlen im Dezember“, so Bley, stieg das Ergebnis um 0,7 Prozent auf 15.665 Pkw-Neuzulassungen. Im Vergleich zum krisenfreien Autojahr 2019 sei das allerdings ein Rückgang von rund 25 Prozent.

Talfahrt der E-Mobilität: Förderung ist notwendig

Gewinner bei den Neuzulassungen waren die reinen Stromer (plus 34,2 Prozent). Plug-in-Hybride legten um 3,2 Prozent zu. Nach den Kürzungen bei der Innovationsprämie hält Bley auf dem Elektroautomarkt nun einen Preiswettbewerb für möglich. Denn Tesla habe die Basispreise für ein Modell genau im Umfang der ehemaligen Innovationsprämie gesenkt. Bley fürchtet, dass das der Branche nun wieder „die alte Krankheit Rabattitis“ bescheren könnte.

Der Rückgang der Neuzulassungen bei den Plug-in-Hybriden um rund 55 Prozent im Januar sei laut Koßmann das Ergebnis fehlender staatlicher Förderung und ein Warnsignal, dass es ohne finanzielle Förderungen nicht gehe. Koßmann forderte die Politik deshalb auf, das System der Innovationsprämie auf den Prüfstand zu stellen. Und wie überall im Land sieht das Kfz-Gewerbe auch für Bremen und Bremerhaven beim Hochlauf der Elektromobilität drei Hürden: hohe Preise, geringe Reichweite und fehlende Ladeinfrastruktur.

Anforderungen an Ausbildung und Auszubildende steigen

Gemischt sehe die Bilanz zur Ausbildungssituation aus. Die Zahlen hätten sich laut Bley wieder etwas erholt, und nach wie vor stehe der Beruf des Kfz-Mechatronikers auf der Beliebtheitsskala an erster Stelle der gewerblichen Berufe. Weil sich aber die Fahrzeuge aufgrund der modernen Technik änderten, stiegen die Anforderungen an die jungen Menschen.

Neben dem Verbrenner werde der Anteil der Elektrofahrzeuge wachsen. Dieser schnelle technologische Fortschritt habe einen ständigen Ausbau der Ausbildungsinhalte zur Folge. „Wir werden parallel arbeiten und folglich auch aus- und weiterbilden, denn der Verbrenner bleibt uns noch viele Jahre erhalten“, so Koßmann.

Bedenklich findet Koßmann in diesem Zusammenhang die Statistik über Schulabgänger ohne Abschluss, die in Bremen mit 10 Prozent die höchste Quote habe. Das solle ein starkes Warnsignal für die Bildungspolitik sein.

Pluszeichen in allen Bereichen für das laufende Jahr

Bei der Prognose für das laufende Jahr blieb Bley zurückhaltend. Konjunktur und Preisentwicklungen sorgten immer noch für steigende Preise und gestörte Lieferketten.

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„Der Jahresstart könnte die Zuversicht stärken, aber wir bleiben nach den Erfahrungen der vergangenen drei Jahr vorsichtig. Ich wage drei vorsichtige Prognosen: 16.200 Pkw-Neuzulassungen (plus 3,4 Prozent), 43.700 Pkw-Besitzumschreibungen (plus 5,7 Prozent) und ein leicht steigendes Servicegeschäft“, so Bley. Koßmann sieht auch für den Gebrauchtwagenmarkt nach dem zweistelligen Plus zum Jahresstart wieder Hoffnung aufgekommen.

„Unechte Agentur ist nur Rosinenpickerei“

Zur Umstellung der Vertriebssysteme im Autohandel sagte Bley: „Wir müssen vielfach Abschied nehmen vom klassischen stationären System mit selbstständigen Unternehmern. Hersteller bauen den Direktvertrieb um und treten in direkten Wettbewerb mit dem Handel. Die Tendenz zur Konzentration in der Handelslandschaft hat bereits begonnen.“

Aus den möglichen Szenarien für den Vertrieb (echtes, unechtes und gemischtes Agentursystem) sieht Bley nur folgende Option: „Sollte es beim klassischen Vertrieb über den selbstständigen und erfolgreichen Automobilhandel nicht bleiben, bleibt nur die echte Agentur übrig. Die sogenannte unechte Agentur ist für mich eine Art Rosinenpickerei. Der Hersteller hätte die Wahl ohne sämtliche Vertriebskosten und -risiken.“

Aber egal, welche Form am Ende komme: Auch wenn der Handel nicht mehr verkaufen, sondern lediglich beraten würde, müssten sich die Beratungsleistungen in den Vergütungsregelungen niederschlagen.

Kulturkampf ums Auto beenden

Von der Politik forderte das Kfz-Gewerbe Niedersachsen-Bremen, den Kulturkampf um das Auto zu beenden. Der Verkehrsraum dürfe daher nicht einseitig zulasten des Automobils verknappt werden. „Ohne Automobil geht es nicht“, sagte Koßmann und verwies auf das steigende Pendlervolumen allein in Bremen. Es brauche ein intelligentes und verständnisvolles Miteinander aller am Straßenverkehr Beteiligten.

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