Herbstakademie 2018: Gefragter Impulsgeber für Führungskräfte

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Apropos motivierte und kompetente Belegschaft: „Den Kampf um die besten Köpfe gewinnen“ – unter dieser Headline stand der Vortrag von Jörg Felfe. Seit 2010 ist er als Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg tätig. Seit 1990 ist Felfe zudem als Berater und Coach unterwegs. Seiner Meinung nach sei der Kampf um die besten Köpfe schon seit geraumer Zeit entbrannt. Viele Unternehmen hätten mittlerweile verstanden, dass sie nur dann dauerhaften Erfolg hätten, wenn sie über leistungsbereite und loyale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügten. Denn nur diese würden sich mit den Unternehmenszielen identifizieren und sich entsprechend engagieren. Wie aber könne es gelingen, solche Menschen zu gewinnen und an das Unternehmen zu binden? Aus Sicht der Belegschaft stelle sich wiederum die umgekehrte Frage: Wie wichtig ist es, gerade in diesem Unternehmen zu arbeiten und nicht in irgendeinem anderen, in dem es vielleicht sogar mehr Geld zu verdienen gäbe?

Prof. Jörg Felfe: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“
Prof. Jörg Felfe: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Vorgesetzte müssten sich die Frage stellen, welche Gedanken und Empfindungen Mitarbeiter mit ihren Unternehmen verbinden. Schließlich sei es ein himmelweiter Unterschied, ob die Mannschaft überwiegend positive Emotionen wie Stolz und Freude empfinde oder in ihrer Haltung eher neutral oder gar kritisch distanziert eingestellt sei. Wie die Belegschaft das bewerte, hänge ganz stark von der individuellen Verbundenheit und der Identifikation mit dem Unternehmen ab. Das psychologische Band zwischen Mitarbeitern und Unternehmen werde als Mitarbeiterbindung oder organisationales Commitment bezeichnet. In seinem Vortrag zeigte Felfe an Beispielen auf, wie und warum sich Beschäftigte an ihr Unternehmen binden und welchen Einfluss Commitment auf den Unternehmenserfolg hat. Ferner erklärte der Referent, welche Möglichkeiten Führungskräfte hätten, das Gemeinschaftsgefühl zu fördern. Seine zentrale Botschaft an die Gäste der Herbstakademie 2018 lautete: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“

Herbstakademie 2018: Trommeln für den Erfolg
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Es gehe in erster Linie nicht um Geld, Leistung oder Verträge. Viel wichtiger sei es, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Führung im Unternehmen erlebten. Vor allem müssten die Unternehmensleitlinien von den Vorgesetzten nicht nur vorgegeben, sondern selbst gelebt werden. In Sachen Mitarbeiterbindung gebe es kaum Unterschiede zwischen verschiedenen Aufgabenbereichen. Sie funktioniere nahezu überall gleich. Jedoch seien kleinere und mittlere Betriebe im Vergleich zu großen Unternehmen im Vorteil, da dort flachere Hierarchien und eine direktere Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitern vorherrschten. Unabhängig von der jeweiligen Unternehmensgröße gelte aber folgender Grundsatz für alle: „Für Mitarbeiterführung muss man sich Zeit nehmen.“ Führung müsse zudem im Sinne eines Dialogs funktionieren. Zu oft gebe es folgende Situation: Die Führungskräfte sagen, „wir reden doch ständig.“ Die Mitarbeiter wiederum meinen, „für uns interessiert sich doch sowieso keiner bzw. uns hört keiner zu.“

Unterschätzen Sie die Macht der Sprache nicht

Um Reden und Zuhören ging es auch im nächsten Vortrag. Wörter seien die wirksamste Waffe, wann immer es darum gehe, sich begreifbar zu machen, mit Mitbürgern zu kommunizieren, Kunden zu erreichen oder Mitarbeiter zu mobilisieren. Dr. Elisabeth Wehling vermittelte ihren Zuhörern die Macht der Worte sehr anschaulich. Wehling ist Kognitionswissenschaftlerin und eine weltweite Autorität auf dem Gebiet der neurokognitiven Verhaltensforschung. Gemeint ist damit der Einfluss von Sprache auf das Gehirn und nachgelagerte Entscheidungen. Wehling erforscht unter anderem konservative und progressive Wertevorstellungen in politischen Debatten. Im Herbst 2016 machte sie von sich reden, da sie eine der wenigen Wissenschaftler weltweit war, die den Wahlsieg von Donald Trump dank experimenteller Erhebungsmethoden vorhersagten.

Diese Methode entwickelte sie mit ihrem Team an der University of California. Wehling zufolge aktiviere jedes einzelne Wort einen „Frame“ (Rahmen) im Kopf der Menschen. Das treffe in allen Sprachen auf alle Wörter zu. Das Wort „Salz“ beispielsweise aktiviere einen Frame, der Bilder wie Essen, Kauen, Schlucken, Geschmack und sogar Durst beinhalte. Das Gehirn simuliere den Geschmack, wenn man das Wort hört und verarbeitet. Das Gehirn aktiviere genau jene Regionen, die auch dann aktiv seien, wenn wir Dinge schmecken. Der Grund für diese erhebliche Einwirkung von Sprache auf unseren Denkapparat und unsere Wahrnehmung ist laut Wehling einfach: „Unser Gehirn kann Dingen nur eine tiefe Bedeutung zuschreiben, indem es auf seine Welterfahrung mit diesen Dingen zurückgreift.“ Ihre Bespiele: „Wir kommen nicht auf die Welt mit dem Wissen, dass Schokolade lecker ist. Das lernen wir erst im Laufe der Zeit. Und wenn wir das Wort Zitrone hören, dann denken wir automatisch: gelb und sauer.“

Dr. Elisabeth Wehling: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“
Dr. Elisabeth Wehling: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Wehling hatte auch Beispiele aus der Arbeitswelt parat. Zum Beispiel die Aussage: „Nein, das ist absolut die falsche Entscheidung. Wir müssen da aus einer ganz anderen Richtung denken!“ Es mache einen großen Unterschied, ob sie von einem Mann oder einer Frau geäußert werde. Würde eine Frau sich so äußern, kämen folgende Frames in den Sinn: blöd, zickig, anmaßend. Werde dieselbe Aussage von einem Mann getroffen, verbinde man damit den Frame kompetent, natürliche Autorität und Durchsetzungsstärke. Als weiteres Beispiel skizzierte Wehling folgende Situation: „Die nette Frau Schneider wird sehr positiv bewertet, solange sie unsere Sekretärin ist. Ist dieselbe Frau Schneider unsere Chefin, sehen wir sie völlig anders.“ Selbst ein Ohrwurm entstehe nicht, weil uns die Musik so gut gefalle. Das Lied werde nur zum Ohrwurm, weil wir es dauernd im Radio hörten. Deshalb sei es auch besser, eine Kaugummipackung mit dem Wort „zuckerfrei“ zu versehen anstelle von „mit Süßungsmittel“. Das Wort zuckerfrei erziele beim Konsumenten dieselbe Wirkung wie das Wort steuerfrei beim Bürger.

Welche Auswirkungen Wörter haben, belegte die Referentin an einem weiteren eindrucksvollen Beispiel. So habe sie im Labor an ihrer Universität junge Studenten die Worte senil, grau, Rente und Blasentee vorgespielt. In der Folge sei bei den Probanden der Frame „Alter“ im Kopf entstanden. Ergebnis: Als die Studenten 30 Minuten später das Labor wieder verließen, seien sie deutlich langsamer durch den Flur gelaufen als zuvor auf dem Weg ins Labor.

Den Gästen der Herbstakademie gab Dr. Elisabeth Wehling folgenden Hinweis mit auf den Nachhauseweg: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“

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Über den Autor

 Wolfgang Michel

Wolfgang Michel

Chefredakteur »kfz-betrieb«