60 Jahre Opel Kadett B Mini-Bestien und Käfer-Killer

Von sp-x 5 min Lesedauer

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„Bochum, ich komm aus dir“, hieß es 1965 für den Kadett B. Mit diesem Astra-Urahn erwuchs dem VW Käfer der erste Konkurrent, und auch als Rallye-Kadett wurde der Opel Kult.

Befreite Opel vom Hosenträgerimage: Der Opel Kadett B Rallye zählte den schnellsten und coolsten Kompakten der Swinging Sixties.(Bild:  Opel)
Befreite Opel vom Hosenträgerimage: Der Opel Kadett B Rallye zählte den schnellsten und coolsten Kompakten der Swinging Sixties.
(Bild: Opel)

Es gibt sie, diese verkannten automobilen Helden. Wer weiß schon, dass der aktuelle Opel Astra zu den Top Ten der weltweit meistverkauften Kombis zählt? Und dies trotz der Absatzkonzentration des Rüsselsheimers auf nur wenige Märkte – ganz im Gegensatz zu seinem Vorfahren, dem vor 60 Jahren aufgelegten Opel Kadett B. Der kompakte Opel sollte das Wolfsburger Aushängeschild des bundesdeutschen Wirtschaftswunders attackieren, also den VW Käfer, und dazu rollte der erste Nachkriegs-Kadett seit 1962 aus dem eigens errichtetem Werk in Bochum.

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Aber erst in Form der 1965 vorgestellten Neuauflage Kadett B gelang dem kleinsten Modell im Zeichen des Blitzes das Kunststück, den VW Käfer in 120 Verkaufsländern zu jagen – in Nordamerika sogar über den Buick-Vertrieb als „Mini-Brute“ („Mini-Bestie“). Auf seinem Heimatmarkt konnte der Kadett dann das altersmüde Wolfsburger Krabbeltier Anfang der 1970er kurze Zeit überflügeln, ehe der Golf die Kompaktklasse neu definierte. Bis zu 17 Prozent Marktanteil hielt Opel damals in Deutschland, und im Ruhrgebiet rund um Bochum zeigte jeder dritte Neuwagen den Blitz.

Kadett: Typenvielfalt statt Wolfsburger Einerlei

Möglich gemacht hatte dies eine vollkommen neue Modellstrategie, mit der die damalige General-Motors-Tochter Opel auch die europäischen Ford-Dependenzen düpierte: Der Kadett B zeigte sich als erster Pkw mit selbstragender Karosserie in 13 verschiedenen Formen. Eine Variantenvielfalt, die Opel 1966 mit dem Slogan „Erstwagen, Zweitwagen, Drittwagen“ bewarb: „Aber nur Mut – in den letzten sechs Monaten ist es immerhin mehr als 160.000 verschiedenen Leuten geglückt, sich unter den verschiedenen Opel Kadett den richtigen herauszusuchen.“

Tatsächlich war die Kadett-Typenschwemme beispiellos: Sie umfasste klassische Stufenhecks, schicke Fließheckformen und Kombis (alle jeweils zwei- oder viertürig), Coupés, „LS“-Fließheck-Coupés, luxuriös angehauchte „Olympia“-Typen und schnelle „Rallye Kadett“ als Vorboten der späteren GTI-Liga. Das Motorenprogramm stand dem Karosserieprogramm nicht nach: Vom kleinen 1,1-Liter-Benziner mit 34 kW/45 PS (mehr Power als beim VW 1200 und 1300) bis zum 66 kW/90 PS starken 1,9-Liter-Triebwerk – ähnlich viel Leistung boten sonst nur schnelle Businessliner wie der BMW 1800 oder gar der Porsche 912 – war für jeden Geschmack etwas dabei. Nicht zu vergessen der legendärste Opel Sportwagen aller Zeiten: Der „Nur-Fliegen-ist-schöner“ Opel GT basierte technisch ebenfalls auf dem Tausendsassa Kadett B.

Der Rallye: der Proll unter den Kadetts

Schon seine Weltpremiere feierte der GT – damals noch als aufregendes „Experimental“ Concept – parallel zum Opel Kadett B: Zwei Superstars der IAA 1965, die den Zeitgeist perfekt trafen. Damals, als das Wirtschaftswunder noch keine Schwächen zeigte, der erste kommerzielle Fernseh-Satellit „Early Bird“ das Tempo des technologischen Fortschritts visualisierte, die Eröffnung des Mont-Blanc-Tunnels die Reisewelle der Wohlstandsbürger beschleunigte, der spätere „Fußballkaiser“ Franz Beckenbauer in der WM-Qualifikation gegen Schweden sein erstes Länderspiel machte, „Help!“ als fünftes Album der Beatles auf den Markt kam und Coca Cola nicht nur zur Lieblingsbrause der Europäer avancierte, sondern auch Autoformen prägte. Deutlich zu erkennen 1965 am Opel GT Concept in Coke-Bottle-Form, ein Jahr später am Opel Rekord C.

Amerikanisch inspiriert gab sich auch der nur 4,11 Meter lange und 1,57 Meter schmale und trotzdem fünfsitzige Kadett B, denn das flach abfallende Heck beim Coupé und beim LS-Fastback folgten der US-Mode, die darin Symbole für Speed und Power zu erkennen glaubte. Den Deutschen gefielen die schrägen Linien zwar weniger als die kantig-nutzwertigen Konturen bei den Kadett Limousinen und „Caravan“-Kombis, aber zumindest der Rallye Kadett schrieb mit Fastback schnell Geschichte. Weg von der bürgerlichen Betulichkeit des Fahrers mit Hut, hin zu jugendlichem Ungehorsam mit frechen Rallyestreifen, mattschwarzer Motorhaube und mit 1967 im kleinen Kadett fast schon als überstark empfundenen 66 kW/90 PS.

Im Motorsport echt der Renner

Diesen Antrieb bekam auch der Opel GT, und konterte damit Sport-Ikonen wie Alfa „Bertone“ GT, Lancia Fulvia Coupé oder Lotus Europa. Der Rallye Kadett schien geradewegs von den Motorsportpisten in die Showräume zu kommen, und in der Tat räumte der Kleine im Rennsport groß ab: Allein 1968 sicherte sich dieser Opel bei 238 Veranstaltungen 222 Klassensiege, gar nicht zu reden von seinen Sensationserfolgen bei Tour d’Europe oder Rallye Monte Carlo (1967). Als Breitensportler schrieb der Kadett B bis Mitte der 1970er ein großes Kapitel Sportgeschichte, das zudem die Entwicklung frischer Rivalen, etwa von Ford (Escort), Renault (12 Gordini) oder auch Mazda (R100/RX-3) beschleunigte.

Als Vorläufer des 1970 eingeführten Mittelklasse-Bestsellers Ascona A – erstmals tauchte dieser Name 1965 an einem nur in der Schweiz verkauften Kadett auf – versuchte sich dagegen ab Ende 1967 ein Lifestyle-Kadett unter dem Label „Olympia“. Rechteckige Scheinwerfer an einem um die Kotflügel herumgezogenen Kühlergrill, ein optional dunkel abgesetztes Dach und Interieurfinessen wie Echtholzimitate sollten den Opel Olympia mit Premiumimage aufladen. Vergeblich, von den bis 1973 insgesamt gebauten knapp 2,7 Millionen Opel Kadett B trugen nur 80.000 das Olympia-Signet.

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EIn Erfolg rund um den Globus

Wichtiger war da schon der Kadett Caravan, denn diesen Kombi mit 1,57 Meter langer Ladefläche gab es sowohl zwei- als auch viertürig und mit schicker Dachreling. Mitte der 1960er ein einzigartiges Angebot in der Kompaktklasse. Und ein neuer Beleg dafür, dass der Kadett B wirklich allen gefallen sollte. Genau das gelang dem damals kleinsten Opel rund um den Globus, wie der Exportanteil von über 50 Prozent betonte. Aber auch regionale Spezialitäten wie der südafrikanische Kadett vom Kap der Guten Hoffnung mit Motoren vom Vauxhall Viva oder der Export-Caravan mit sportivem 1,9-Liter-Triebwerk sowie der Schweden, Österreich und den USA vorbehaltene 1,5-Liter-Kadett unterstrichen diese Strategie. Acht Jahre wurde der Kadett B gebaut – in dieser Zeit wechselten die meisten Wettbewerber mehrfach ihre Kleider – und dennoch blieb der Kleine bis zur Ablösung durch den Kadett C begehrenswert.

Dafür sorgten neben regelmäßigen Updates modische Sondermodelle mit verführerischen Namen wie Festival, Holiday Sport, Grand Prix und Preisboxer. Die Kreativität des Opel-Marketings würdigten sogar Wettbewerber: Der Slogan „Opel Kadett. Das Auto.“ diente im 21. Jahrhundert als Inspiration für ein fast identisches VW-Credo. Ähnlich wie zuvor der Werbespruch „Opel der Zuverlässige“ als Vorläufer für des Käfers „Er läuft und läuft und läuft...“ fungierte. Heute ist es der optional vollelektrifizierte Astra, mit dem die Stellantis-Tochter Opel Anschluss an Wolfsburg sucht. Die Zeiten des Zulassungskönigs Kadett sind Historie, aber ertragreiche Nadelstiche versetzt auch der Astra, nicht nur als Kombiversion Sports Tourer. Die schönste Hommage auf den Bochumer Klassiker singt allerdings immer noch Herbert Grönemeyer: „Ich träum‘ vom Opel Kadett“.

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