Mit der HU Kunden in die Werkstatt ziehen

Prüfstützpunkte kosten Geld, bieten aber Potenzial für Mängelbeseitigungen

| Autor: Frank Schlieben

Die amtlichen Untersuchungen in der Werkstatt gehören zu den wichtigsten Kundenbindungsmaßnahmen für einen Betrieb.
Die amtlichen Untersuchungen in der Werkstatt gehören zu den wichtigsten Kundenbindungsmaßnahmen für einen Betrieb. (Bild: © Henry Schmitt - stock.adobe.com)

Im DAT-Report gaben 71 Prozent aller im Jahr 2017 befragten Autofahrer an, dass sie für die Hauptuntersuchung ihres Fahrzeugs den Besuch in ihrer Werkstatt bevorzugen. Dabei haben die Nutzer in Deutschland freie Auswahl, denn mehr als 33.000 Kfz-Betriebe kooperieren laut ZDK mit einer oder mehreren Prüforganisationen und fungieren als offizielle Prüfstützpunkte (PSP).

Was die Werkstätten freut, ist für die Prüforganisationen eine finanzielle Bürde: Sie müssen als offizielle Prüforganisationen in einem bestimmten, vom Gesetzgeber definierten Radius eigene Prüfstellen unterhalten. Allerdings erhalten diese in den letzten Monaten mehr und mehr Zulauf aus Werkstattbetrieben. Denn immer mehr Werkstattunternehmer können oder wollen die Investitionen nicht schultern, die mit dem Betrieb eines anerkannten Prüfstützpunkts verbunden sind. Aktuell sind das vor allem Investitionen in die Aufrüstung oder die Erneuerung eines Bremsprüfstands gemäß der seit 2011 geltenden Richtlinie sowie die Einrichtung eines richtlinienkonformen Scheinwerfereinstellplatzes.

Amtliche Prüfungen generieren Zusatzgeschäft

Keine Frage, diese Investitionen kosten Geld. Allerdings sollten Werkstattunternehmer genau nachrechnen, bevor sie sich aufgrund der nötigen Investitionen von den amtlichen Prüfungen verabschieden. Denn laut DAT-Report 2018 lassen die Kunden bei mehr als jeder zweiten in einem Prüfstützpunkt durchgeführten Hauptuntersuchung auch Reparaturarbeiten durchführen. Wie viele davon in welcher Umsatzgrößenordnung explizit wegen der Hauptuntersuchung anfallen, lässt sich nach Angaben des ZDK nicht exakt beziffern. Doch ein Blick in die jährlichen Mängelstatistiken genügt, um das sich bietende Reparaturpotenzial abzuschätzen. „2017 wurden in Deutschland etwa 20,79 Millionen Hauptuntersuchungen in den mehr als 33.000 PSP-Betrieben durchgeführt. An vielen Fahrzeugen werden im Rahmen der HU Mängel festgestellt; die gesamte Anzahl der Mängel liegt bei über 25 Millionen“, sagt ZDK-Sprecher Ulrich Köster.

Häufig komme es dabei vor, dass die festgestellten Mängel die Verkehrssicherheit stark beeinflussten. „Diese Fahrzeuge können die Werkstätten direkt instand setzen, damit sie anschließend die HU-Plakette erhalten; das ist ein sehr guter Kundenservice, und gleichzeitig leistet die Werkstatt damit einen großen Beitrag zur Steigerung der Verkehrssicherheit“, sagt der ZDK-Sprecher. Und natürlich ist es auch ein gutes Geschäft für die Werkstatt. Denn kaum eine Kunde verweigert sich einer Reparatur, wenn von dieser abhängt, ob sein Fahrzeug die begehrte HU-Plakette bekommt.

Für die Kunden hat die HU in der Werkstatt einen entscheidenden Vorteil – sie schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Neben der Untersuchung der Verkehrssicherheit lassen sie auch notwendige Reparaturen an ihrem Fahrzeug durchführen oder verbinden den Termin mit einer fälligen Inspektion. Damit die Kundenbindung über die amtlichen Prüfungen reibungslos funktioniert, ist eine saubere Datenerfassung für alle Mitarbeiter des Kfz-Betriebs oberste Pflicht:

  • Die Eintragung der fälligen Hauptuntersuchung, Sicherheitsprüfung oder Gasanlagenprüfung und der Abgleich mit den in der Werkstatt gespeicherten Daten ist bei jedem Werkstatttermin Pflicht und sollte auf jedem Annahmeformular als separater Punkt aufgeführt sein. Wer elektronische Annahmeprozesse beispielsweise über Tablets durchführt, kann die Systeme so programmieren, dass der Prozess erst dann voranschreitet, wenn der Werkstattmitarbeiter alle abgefragten Daten ausgefüllt hat.
  • Lediglich einmalig eine Erinnerungsmail oder ein Erinnerungsschreiben zu versenden, reicht nicht. Wer den Rücklauf seiner Kundenbindungsmaßnahme erhöhen möchte, sollte ein bis zwei Wochen nach der schriftlichen Information noch einmal telefonisch nachhaken und am besten direkt Terminvorschläge machen.
  • Viele Kunden sehen es als willkommene Unterstützung an, wenn die Werkstatt kurz vor dem Termin noch einmal per Mail, SMS oder Telefon daran erinnert.
  • Gerade bei älteren Fahrzeugen sollte die Werkstatt den Zustand und neuralgische Punkte des jeweiligen Fahrzeugtyps aus der Mängelstatistik kennen und gegebenenfalls erforderliche Ersatzteile bevorraten. Nur dann ist gewährleistet, dass sie eine bei der HU vom Prüfer bemängelte defekte Achsmanschette auch am gleichen Tag wechseln, das Fahrzeug zur Wiederholungsvorstellung vorführen und am Abend mit Plakette an den Kunden übergeben kann.
  • Bei unsicheren Kandidaten, die bereits mit einer Liste „demnächst zu beseitigender Defekte und Verschleißerscheinungen“ im Werkstattsystem hinterlegt sind, lohnt sich für den Kunden ein ausführlicher Vorabcheck.

Auch wer künftig nicht mehr als anerkannter Prüfstützpunkt agieren möchte, kann seinen Kunden diese Services anbieten und Fahrzeuge für die HU direkt zur nächstgelegenen Prüfstelle verbringen. Allerdings hat er damit nicht mehr die Flexibilität, die ihm die Untersuchung durch einen Prüfer im eigenen Haus bietet. Zudem büßt er nach Ansicht des ZDK auch an Kompetenz und Reputation gegenüber seinen Kunden ein. Deshalb erwartet der Verband, dass nur wenige Betriebe wegen anstehender Investitionen künftig auf eine Prüfstützpunkt-Anerkennung verzichten werden.

„Aus den Erfahrungen der Vergangenheit gehen wir davon aus, dass eine geringe Anzahl an Prüfstützpunkten (PSP) etwas länger brauchen wird, bis sie alle Anforderungen aus den gesetzlichen Rahmenbedingungen umgesetzt haben. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Kunden die Signalisation als anerkannter PSP als Qualitätsmerkmal ansehen, rechnen wir damit, dass sich die Zahlen entsprechend einpendeln werden. Das heißt, dass im Vergleich zu heute auch zukünftig etwa 90 bis 95 Prozent der Betriebe eine PSP-Anerkennung haben werden“, sagt Ulrich Köster.

Digitale Störungen

Herausfordernder als die Modernisierung der technischen Ausrüstung ist gerade für freie Betriebe die Digitalisierung von Service- und Reparaturprozessen und damit verbunden die Datenabschottung durch die Hersteller. Das Thema hat beim ZDK oberste Priorität. „Die Digitalisierung der einzelnen Geschäftsprozesse der Betriebe ist ein zentrales Thema im Kfz-Gewerbe. Wir arbeiten aktiv in unseren Gremien vor allem daran, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit alle Betriebe dieselben Möglichkeiten erhalten, digitale Geschäftsmodelle zu etablieren. Wichtig ist, dass die Kfz-Betriebe weiterhin selbstständig amtliche Prüfungen durchführen können, um die heute bereits bestehenden Kundenbindungen beizubehalten und weiter auszubauen“, so das Statement aus Bonn.

Kommentare werden geladen....

Ihr Kommentar zum Thema

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 45975809 / Autohaus und Servicemanagement )

Plus-Fachartikel

Byton: „Ein digitales Erlebnis“

Byton: „Ein digitales Erlebnis“

45.000 Euro netto will das chinesische Start-up Byton für sein Elektro-SUV M-Byte verlangen. Nach dem Start in China Anfang 2020 soll das Auto ein Jahr später auch nach Europa kommen. Byton-Manager Andreas Schaaf erläutert die Pläne des Fabrikats. lesen

Caroobi: Räuber oder Robin Hood?

Caroobi: Räuber oder Robin Hood?

Caroobi schaltet sich immer häufiger zwischen freie Werkstatt und Endkunde. Aus Sicht der Berliner geschieht das nur zum Vorteil der Betriebe. Die künftigen Pläne des Start-ups erläutert Geschäftsführer Philipp Grosse Kleimann. lesen