Nicht immer passt die Rolle

Geeignete Prüfvorrichtungen und der Umgang mit "Problemfahrzeugen"

29.05.2007 | Autor: Hermann Schenk

Der Gesetzgeber verlangt von jedem Fahrzeughalter, sein Gefährt immer wieder in definierten Abständen zur Fahrzeugüberwachung – sprich Hauptuntersuchung – zu bringen. Es ist heute für nahezu jeden Kfz-Betrieb selbstverständlich, seinen Kunden amtliche Fahrzeuguntersuchungen im eigenen Haus anzubieten. Haupt- und Abgasuntersuchung in der Fachwerkstatt sind ein zweckmäßiges und übliches Kundenbindungsinstrument.

Ein stückgeprüfter Bremsenprüfstand gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen, damit eine Überwachungsorganisation in einer Werkstatt überhaupt die HU durchführen darf. Doch trotz aller Vorteile, die die bekannten Rollenprüfstand bieten: Es lassen sich darauf nicht alle Kraftfahrzeuge prüfen.

Bremsenprüfung bei Allradfahrzeugen

Beispielsweise können damit nur wenige Fahrzeuge mit permanentem Allradantrieb geprüft werden. Eine Fehlmessung oder gar ein Fahrzeug- beziehungsweise Prüfstandschaden kann die Folge sein. Da nur wenige spezialisierte Werkstätten Rollenprüfstände mit Allradregelung besitzen und auch das Prüfstellennetz der Überwachungsorganisationen für diese Fahrzeuge nicht ausreichend dicht ist, lässt der Gesetzgeber eine Ausnahme zu: „Die Bremswirkung von Fahrzeugen, deren Bremsen nicht auf dem vorhandenen Prüfstand getestet werden können, darf auf andere geeignete Weise nachgewiesen werden.“

In der Anlage VIII zu § 29 StVZO ist festgelegt, dass die Bremswerte der Betriebs- und Feststellbremse auf dem Untersuchungsbericht angegeben werden müssen. Jedoch ist diese Pflicht durch den Zusatz „soweit möglich“ eingeschränkt. Das bedeutet: Kann beispielsweise die Bremse eines 4WD-Fahrzeugs nicht auf dem Rollenprüfstand kontrolliert werden und steht an der Prüfstelle oder am Prüfstützpunkt kein stückgeprüfter Rollenprüfstand mit spezieller Allradregelung oder ein Plattenprüfstand zur Verfügung, darf der Prüfingenieur die ausreichende Bremswirkung mittels PTB-zugelassenem (PTB = Physikalisch-Technische Bundesanstalt) Verzögerungsmessgerät nachweisen. Verzögerungsmessgeräte bieten beispielsweise Maha oder Cartec (siehe Anbieterübersicht) an. Bei der Messung mit einem Verzögerungsmessgerät spricht man – ebenso wie bei einer Messung auf einem Plattenprüfstand – von einer dynamischen Prüfung.

Weitere „Problemfahrzeuge"

Auch tiefergelegte Fahrzeuge mit äußerst geringer Bodenfreiheit passen oftmals nicht in die Rolle. Hier ist ein flacher Plattenprüfstand von Vorteil. Werkstätten, die einen großen Kundenstamm mit tiefergelegten Fahrzeugen haben, schaffen sich häufig einen Prüfstand mit Bremsplatte an statt einen mit Rollen.

Fahrzeuge mit extrem großer oder kleiner Spurweite können die Werkstätten ebenfalls kaum auf einem Rollenprüfstand testen. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise Quads. Werkstätten, die sich auf diese Fahrzeugart spezialisiert haben, besitzen nicht selten einen Plattenprüfstand, dessen Plattenabstand auf die sehr schmale Spurweite ausgelegt ist.

Am anderen Ende der Spurweitenskala stehen beispielsweise große Ackerschlepper. Mit ihrer überdurchschnittlich weiten Spur und einer durch Spezialbereifung verursachten Breite von bis zu drei Metern passen solche Kolosse kaum auf einen gängigen Bremsenprüfstand. Bei solchen Spezialfahrzeugen ist meist nur ein Check mittels Verzögerungsmessgerät möglich.

Unterschiedliche Prüftechnik

Bremsenprüfstände messen jedes Rad für sich allein. Dabei wird das Mindestbremsmoment des einzelnen Rades beurteilt, damit beim Abbremsen auch die optimale Verzögerung erzielt werden kann. Denn wenn die Bremskräfte der Räder einer Achse nicht gleich groß sind, könnte das Fahrzeug ins Schleudern geraten.

Bremsenprüfstände gibt es seit den dreißiger Jahren. Während die Kfz-Betriebe früher mit Gewichten, hydraulischen/pneumatischen Messdosen oder Federwaagen die Bremskräfte maßen, erfolgt dies heute mittels Gebern in Dehnungsmesstreifen-Technik (DMS-Technik). Rollenprüfstände basieren auf dem Prinzip der Drehmomentmessung. Ein durch Kettentrieb verbundenes Rollenpaar pro Radseite wird durch einen Elektromotor angetrieben. Der Motor ist drehbar gelagert und stützt sich über einen Drehmomenthebel auf dem am Rahmen befestigten Messelement ab.

Wird das in den Rollen laufende Fahrzeugrad abgebremst, greift die Bremskraft am Rollenradius an und erzeugt ein Rückstellmoment. Dieses wird auf den Motor übertragen und leitet über den Messhebel eine Kraft am Messelement ein, die dann als elektrisches Signal weiterverarbeitet und über ein analoges oder digitales Display angezeigt wird. Mit einer Tastrolle wird die Raddrehzahl gemessen. Aus dem Vergleich der Antriebs- mit der Tastrollendrehzahl kann die Größe des Schlupfs bestimmt werden.

Aus Sicherheitsgründen und um Reifenschäden zu vermeiden, brechen gebräuchliche Prüfstände bei einem Schlupf von etwa 30 Prozent die Bremsprüfung automatisch ab. Rollenbremsprüfstände gibt es in allen Größenklassen, vom Motorrad bis zum Lkw mit 20 Tonnen Achslast. Sie werden üblicherweise für eine Achse verwendet, es gibt aber auch Ausführungen als Mehrachsstand mit verschiebbarem Rollenabstand.

Alternative Plattenprüfstände

Bei Plattenprüfständen wird das Fahrzeug mit Prüfgeschwindigkeit (5 bis 10 km/h) auf die Prüfplatten aufgefahren und dort abgebremst. Die Prüfplatten bestehen aus einem Oberteil mit einer Beschichtung oder Streckmetallbelag zur Reibwerterhöhung und einer Unterplatte, die auf dem Untergrund befestigt ist. Die Oberplatte ist in der Längsrichtung beweglich gelagert und mittels eines DMS-Messelements mit der Unterplatte verbunden. Durch die an der Oberseite angreifende Bremskraft wird die Platte in Fahrt- beziehungsweise Bremsrichtung verschoben; dabei wird das Messelement verformt und das daraus resultierende elektrische Signal entsprechend verarbeitet und zur Anzeige gebracht. Es gibt sowohl Zwei-Platten-Prüfstände zur Prüfung einer Achse pro Bremsvorgang als auch Vier-Platten-Prüfstände zur gleichzeitigen Prüfung aller vier Räder eines Fahrzeugs. Plattenprüfstände sind nur für Pkw und Kleintransporter üblich.

 

Platte oder Rolle ?

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