Pionier des SB-Tankens

Von Stockholm nach Augsburg

| Autor: Steffen Dominsky

Die erste SB-Tankstelle Europas in Lagerlechfeld.
Die erste SB-Tankstelle Europas in Lagerlechfeld. (Foto: Präg)

Wer heute sein Auto volltankt, tut das in der Regel selbst – ohne darüber nachzudenken. Das war nicht immer so. 1972 eröffnete der Kemptener Energiehändler Präg die erste europäische Selbstbedienungstankstelle in Lagerlechfeld bei Augsburg. „Niemand hat an das Konzept geglaubt – weder unser damaliger Vertragslieferant Texaco, noch mein Geschäftspartner und Vertriebschef der Texaco, Horst Knoblauch. Und auch nicht der Tankstelleneigentümer, der in Lagerlechfeld den ersten Testlauf wagen sollte. Dennoch habe ich alle überredet, zum Glück“, blickt der heute 71-jährige Ex-Präg-Geschäftsführer Gerd Deisenhofer zurück.

Deisenhofer erfuhr von dem neuen Tankkonzept erstmals auf einer Energie-Konferenz in London im Oktober 1971. Ein schwedischer Hersteller präsentierte die neue Idee, mit der die Fahrzeuge im weitläufigen Norden seit einiger Zeit mit Benzin versorgt wurden. Das Besondere: Es brauchte kein Personal, damit ein schwedischer Farmer sein Fahrzeug betanken konnte, ohne viele Kilometer bis zur nächsten städtischen Tankstelle zurücklegen zu müssen. Stattdessen wurden einzelne Zapfsäulen in dünn besiedelten Regionen aufgestellt. Bedient wurden diese selbst. Bezahlt wurde via Kundenkarte. Gerd Deisenhofer war begeistert. Er sah in dem Konzept die Möglichkeit, den Benzinpreis durch eingesparte Personalkosten zu senken – und zugleich den Absatz zu erhöhen. Sofort flog er nach Stockholm, um sich vor Ort von der einfachen Bedienung zu überzeugen.

Zehn Jahre nach Einführung: Die erste SB-Tankstelle Europas 1982 – man beachte die Preistafel!
Zehn Jahre nach Einführung: Die erste SB-Tankstelle Europas 1982 – man beachte die Preistafel! (Foto: Präg)

Die Skepsis war groß

Zurück in Deutschland stieß Deisenhofer auf Skepsis. Würden sich Anwälte, Hausfrauen oder Ärzte tatsächlich selbst an die Betankung ihrer Fahrzeuge wagen und auf den Service verzichten, den eingespieltes Personal ihnen bisher geboten hatte? Deisenhofer überredete Horst Knoblauch und damit den Präg-Vertragslieferanten Texaco, es zu versuchen. Er fuhr nach Lagerlechfeld bei Augsburg. An der B17, nahe des Luftwaffenstützpunktes der Bundeswehr, belieferte Präg eine Tankstelle, an der viele der damals rund 5.000 Soldaten regelmäßig tanken mussten. Tankstelleneigentümer Erich Werner winkte zunächst ab. Er fürchtete, dass die Kunden fernbleiben würden, wenn sie plötzlich selbst den Zapfhahn bedienen sollten.

Deisenhofer aber ließ nicht locker. Zum einen glaubte er, dass Soldaten durchaus bereit wären, sich an dem neuen Konzept auszuprobieren. Zum anderen hoffte er, dass ein um drei Pfennige günstigerer Preis schnell auch Zivilisten ansprechen würde, sich im Selbsttanken zu versuchen. Und das Konzept ging auf: Im ersten Monat verkaufte Erich Werner 150.000 Liter Kraftstoff, im zweiten Monat 200.000 Liter. Üblich war bis dato ein Absatz von maximal 300.000 Liter – pro Jahr!

Sturm-und-Drang-Zeit: Gerd Deisenhofer demonstriert 1972 das Konzept des SB-Tankens.
Sturm-und-Drang-Zeit: Gerd Deisenhofer demonstriert 1972 das Konzept des SB-Tankens. (Foto: Präg)

Und dann auch noch Schokolade und Kaffee

Zwei Jahre später hatte Präg sechs seiner 180 Anlagen komplett auf das SB-System umgestellt. Parallel führte Deisenhofer eine weitere Neuerung ein: Er ließ in den Tankstellen Shops einrichten, in denen Süßwaren und Getränke verkauft wurden. Gerd Deisenhofer: „Mich haben damals viele für verrückt erklärt. Niemand konnte sich vorstellen, dass man mit Schokolade und Kaffee an einer Tankstelle Geld verdienen kann. Schnell aber stellte sich heraus: Das Shopsystem war eine Marketing-Revolution. Ob in die neue Zapftechnik oder in die Ausstattung von Dächern und Shops: Wir haben sehr viel investiert. Gleichzeitig aber haben wir unseren Absatz innerhalb von zehn Jahren verzehnfacht.“

Nach und nach stellten auch andere Gesellschaften auf SB-Zapfsäulen und Shop-Konzepte um. Anfang der 1980er führte Präg an seinen Tankstellen zudem elektronische Zapfsäulen ein, von denen aus die getankte Menge und der entsprechende Preis an ein Kassensystem übermittelt wurden. Der Tankwart konnte damit im Verkaufsraum kassieren, die Kunden wurden an Lebensmitteln und Zeitschriften vorbei chauffiert. Etwa ab 1984 soll es in der BRD keine Bedienungstankstelle mehr gegeben haben. Das Tankstellennetz wurde ausgedünnt. Waren in der BRD 1968 rund 46.200 Tankstellen in Betrieb, waren es 1988 noch 19.200. Heute gibt es noch etwa 14.300 Tankstellen.

Der heute 71-jährige Gerd Deisenhofer kann zu Recht auf eine erfolgreiche Geschäftsidee zurückblicken.
Der heute 71-jährige Gerd Deisenhofer kann zu Recht auf eine erfolgreiche Geschäftsidee zurückblicken. (Foto: Präg)

Über Präg:Das in Kempten ansässige Familienunternehmen wurde 1904 als Hersteller von Leuchtpetroleum und Schmierstoffen gegründet. Heute gehört die Präg-Gruppe mit einem Netz von derzeit rund einhundert Tankstellen zu den größten mittelständischen Tankstellen-Netzbetreibern in Deutschland entwickelt. Es versorgt aktuell knapp 40.000 Kunden mit Heizöl und Kraftstoffen. Darüber hinaus verfügt Präg über drei Großtanklager in Kempten, Augsburg und Heidenau, die nationale und internationale Unternehmen als Umschlagplätze zur regionalen Versorgung nutzen. Die Präg-Gruppe ist mit 140 Mitarbeitern und unter der Geschäftsführung von Marc Deisenhofer und Klaus-Rüdiger Bischoff vor allem in Süd- und Ostdeutschland tätig. Weitere Informationen im Internet unter www.praeg.de.

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