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Sommerreifen erhöhen Unfallrisiko im Winter um 75 Prozent

Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Jan Rosenow

Eine Untersuchung der TU Dresden liefert gute Argumente für die Umrüstung auf wintertaugliche Reifen: 94 Prozent aller Unfälle auf Eis und Schnee passieren wegen mangelnder Haftung.

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So ist's richtig: auf Schnee nur mit wintertauglicher Bereifung.
So ist's richtig: auf Schnee nur mit wintertauglicher Bereifung.
(Foto: GDTG)

Sommerreifen im Sommer, Winterreifen im Winter – auf diese einfache Regel pochen Verkehrssicherheitsexperten ebenso wie Auto- und Reifenhersteller seit Jahren. Und das zu Recht, wie eine großangelegte Auswertung realer Unfalldaten zeigt, die der Unfallforscher Dr. Lars Hannawald auf dem Winterreifen-Workshop von Goodyear am 5. November vorgestellt hat.

Im Rahmen der Gidas (German In-Depth Accident Study) haben die TU Dresden und die Medizinische Hochschule Hannover mit Unterstützung von Autoindustrie und Bundesregierung seit 1999 über 25.000 Verkehrsunfälle mit allen relevanten Parametern dokumentiert. Eines der Ziele: die Bewertung des Reifeneinflusses auf das Unfallgeschehen.

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Die Zahlen von Lars Hannawald räumten anfangs mit einigen Vorurteilen auf: So ist die Gefahr, im Winterhalbjahr einen schweren Unfall zu erleiden, nicht höher als im Sommer. Rechnet man den Einfluss der Motorrad- und Fahrradfahrer heraus, so bleibt die Zahl der schwerverletzten oder getöteten Pkw-Insassen im Monatsvergleich ungefähr konstant. Deutliche Unterschiede gibt es allerdings bei der Art der Unfälle: Verlust der Fahrzeugkontrolle oder Auffahrunfälle kommen in der kalten Jahreszeit deutlich häufiger vor.

Der Grund dafür in der Sprache der Unfallforscher: Im Winter ist der Anteil „griprelevanter Situationen“ als Ursache deutlich höher. Auf schneebedeckter Straße passieren 94 Prozent aller Crashs, weil die Reifenhaftung nicht ausreicht, auf nasser Fahrbahn immer noch 81 Prozent. Das zeigt: Wintertaugliche Bereifung ist absolute Pflicht.

Auch wenn bei Glatteis selbst der beste Pneu nicht jeden Abflug verhindern kann, wird aus den Untersuchungen der Dresdner Wissenschaftlern der reale Vorteil klar, den Winterreifen bieten: Auf Eis und Schnee steigt das Risiko, einen Unfall zu verursachen, mit Winterreifen um 17 Prozent, mit Sommerreifen aber um 75 Prozent!

Und die letzte Zahl: Im Oktober bis März werden 22 Prozent aller Unfälle von Autos auf Sommerreifen verursacht, obwohl ihr Anteil am gesamten Fahrzeugpark nur rund zehn Prozent beträgt.

Alter Gummi haftet nicht

Die Gidas-Zahlen waren natürlich Wasser auf die Mühle des Reifenherstellers Goodyear Dunlop, der seinen neuesten Winterreifen Goodyear Ultra Grip 9 auf der gleichen Veranstaltung vorstellte. Mit einem interessanten Experiment verdeutlichte das Unternehmen, welche Fortschritte die Reifentechnik und hier besonders die Gummimischungen in den letzten 20 Jahren gemacht hat.

Neben dem aktuellen Ultra Grip 9 stand ein Experimentalreifen bereit, der das gleiche Profil besaß, aber aus der Laufstreifenmischung des Ultra Grip 4 von 1994 hergestellt war. Bei den Fahrversuchen konnten die Teilnehmer Bremsungen auf nasser Straße mit beiden Reifen durchführen. Das Ergebnis: Im Durchschnitt kam der Wagen mit dem Altgummi aus 80 km/h um 7,5 Meter später zum Stehen – und das trotz des gleichen Profils. Die Restgeschwindigkeit betrug noch 34 km/h.

Der große Unterschied zwischen den Gummimischungen ist vor allem auf den Einsatz von Silica als Füllstoff zurückzuführen, das dem Gummi in Sachen Nassgrip deutlich bessere Eigenschaften verleiht als der früher verwendete Ruß.

Silica schafft in der Reifentechnik die Quadratur des Kreises: Bei niedriger Anregungsfrequenz (im Bereich der Umdrehungszahl der Räder) verleiht es der Mischung eine geringe Hysterese. Das senkt den Rollwiderstand. Und bei hohen Frequenzen, wie sie aus der Anregung der Lauffläche durch die Mikrounebenheiten der Fahrbahn resultieren, erhöht sie die Hysterese. Das hilft dem Reifen, sich mit der Fahrbahn zu verzahnen, und verbessert die Haftung. Eine Gummimischung mit hohem Silica-Anteil ist deshalb die Grundlage jedes modernen Winterreifens.

Winterreifenpflicht gilt weiterhin

Neben dem Sicherheitsaspekt spricht für die Umrüstung auf die Winterreifen weiterhin die Rechtslage. Die seit einigen Jahren geltende Winterreifenpflicht auf deutschen Straßen sieht vor, dass Autofahrer bei Schnee, Schneematsch oder Eisglätte mit Winterreifen unterwegs sein müssen. Darauf weisen aktuell nochmals die Autofahrerclubs hin. Wer sich nicht daran hält, muss seit vergangenem Jahr mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Bei Behinderung drohen 80 Euro und ein Punkt.

Im Falle eines Unfalls aufgrund falscher Bereifung kann dies zudem wegen grober Fahrlässigkeit zu einer erheblichen Leistungskürzung durch die Kaskoversicherung führen. Bei der Regulierung des Schadens mit der Haftpflichtversicherung der Gegenseite droht dem mit Sommerreifen fahrenden Verkehrsteilnehmer unter Umständen eine Mithaftung.

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