Totalschaden und Teilreparatur

Autor / Redakteur: autorechtaktuell.de / Gerd Steiler

Ein Autofahrer darf sein Unfallfahrzeug trotz wirtschaftlichen Totalschadens reparieren lassen und dafür von der gegnerischen Versicherung vollen Schadenersatz verlangen. Doch es gelten bestimmte Voraussetzungen.

Anbieter zum Thema

Ein Autofahrer darf sein Unfallfahrzeug trotz wirtschaftlichen Totalschadens reparieren lassen und dafür von der gegnerischen Versicherung Schadenersatz verlangen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass das Fahrzeug zumindest in einen betriebsbereiten und verkehrssicheren Zustand versetzt wird und das Fahrzeug mindestens sechs Monate weitergenutzt wird. So hat das Landgericht (LG) Baden-Baden in einem jetzt veröffentlichten Urteil (Urteil vom 15.10.2010, AZ: 2 S 16/10) entschieden.

Im vorliegenden Fall hatte eine Autofahrerin nach einem wirtschaftlichen Totalschaden die gegenerische Kfz-Haftpflichtversicherung vor Gericht auf vollen Ersatz der Reparaturkosten verklagt.

Der Fall

Die Klägerin beauftragte ein Sachverständigenbüro mit der Ermittlung des Fahrzeugschadens. Der Sachverständige ermittelte einen Widerbeschaffungswert von 4.200 Euro und einen Restwert von 1.890 Euro. Die voraussichtlichen Reparaturkosten bezifferte der außergerichtliche Sachverständige mit ca. 370 Prozent des Wiederbeschaffungswertes.

Die Klägerin lies eine Teilreparatur vornehmen und versetzte damit das Fahrzeug in einen betriebsbereiten und verkehrssicheren Zustand. Der vom Gericht beauftragte Sachverständige stellte den Wert dieser Teilreparatur des Fahrzeuges mit ca. 3.500 bis 4.000 Euro fest. Aufgrund der qualitativen Mängel der durchgeführten Teilinstandsetzung sei allerdings an dem Fahrzeug eine Werteinbuße in der Größenordnung von 500 bis 800 Euro zu veranschlagen. Die Klägerin begehrte den Ersatz des Wertes der durchgeführten Reparatur in Höhe von 3.500 Euro.

Die beklagte Versicherung rechnete aber lediglich auf Totalschadensbasis ab und bezahlte mithin außergerichtlich einen Betrag in Höhe von 2.310 Euro. Erstinstanzlich entschied das Amtsgericht Bühl und sprach der Klägerin noch einen Betrag in Höhe von 640 Euro zu. Das Amtsgericht übernahm den Wert des gerichtlichen Sachverständigen von 3.600 Euro an Reparaturleistungen an dem Fahrzeug.

Allerdings ermittelte der Sachverständige eben auch einen Minderwert von 500 bis 800 Euro, wobei das Gericht letztendlich von einem Minderwert in Höhe von 650 Euro ausging. Somit seien von den 3.600 Euro an Reparaturwert, 650 an Minderwert in Abzug zu bringen. Die Klägerin könne mithin allenfalls einen Reparaturwert in Höhe von 2.950 Euro beanspruchen. Abzüglich der bereits geleisteten 2.310 Euro auf Beklagtenseite ergäbe sich somit eine zuzusprechende Differenz in Höhe von 640 Euro.

Gegen diese Entscheidung des Amtsgerichtes gingen beide Parteien in Berufung.

Die Klägerin forderte die vollständige Differenz des Reparaturwertes in Höhe von 3.500 Euro zu den außergerichtlich regulierten 2.310 Euro. Außerdem forderte sie die volle durch den Sachverständigen festgestellte merkantile Wertminderung in Höhe von 650 Euro. Die beklagte Versicherung indes wendete ein, dass von Anfang an ein Totalschaden vorgelegen habe, da die Reparaturkosten um ca. 370 Prozent über dem Wiederbeschaffungswert lagen. Deshalb wollte sie nur einen Teilbetrag der Reparaturkosten erstatten.

Vor dem Landgericht (LG) Baden-Baden hatte die Berufung der Klägerin zu einem großen Teil Erfolg. Die Berufung der beklagten Versicherung wurde dagegen vollumfänglich zurückgewiesen.

Auszüge aus der Urteilsbegründung

Das Landgericht Baden-Baden führte aus, dass sich die Klägerin nicht mit dem Ersatz des Wiederbeschaffungsaufwandes (= Wiederbeschaffungswert abzüglich Restwert) begnügen müsse. Dahingehend verwies das Gericht auf einschlägige Entscheidungen des Bundesgerichtshofes (vgl. NJW 2005, 1110 und NJW 2009, 1340).

„Obwohl eigentlich ein wirtschaftlicher Totalschaden vorliegt, mithin die Reparaturkosten um mehr als 130 Prozent über dem Wiederbeschaffungswert liegen, kann die Geschädigte die Kosten einer Teilreparatur wertmäßig dann abrechnen, wenn diese Kosten den Wiederbeschaffungswert nicht übersteigen. Voraussetztung hierfür aber ist, dass das Fahrzeug in einen verkehrssicheren Zustand versetzt und mindestens sechs Monate weitergenutzt wird“, so die Richter. Sie folgten damit der gängigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH).

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Der Schadensersatz der Klägerin beschränke sich dahingehend nicht auf den Wiederbeschaffungsaufwand. Vielmehr sei die Klägerin berechtigt den konkreten Reparaturaufwand einzufordern, der allerdings durch den Wiederbeschaffungswert begrenzt werde. Die Klägerin müsse sich in diesem Zusammenhang auch keinen Minderwert der qualitativ mangelbehafteten Reparaturleistung abziehen lassen. Denn sie erlange bei der Erstattung der dem Wiederbeschaffungswert nicht übersteigenden Aufwendungen für die Instandsetzung keinen Vermögensvorteil. Hierdurch werde lediglich der von ihr erlittene wirtschaftliche Nachteil ausgeglichen.

Die Erstattung einer „merkantilen Wertminderung“ lehnte das Landgericht Baden-Baden allerdings ab - unabhängig vom erheblichen Alter und der hohen Laufleistung des streitgegenständlichen Fahrzeuges. Merkantile Wertminderung wird laut Urteil nur dann ersetzt, „wenn trotz vollständiger und ordnungsgemäßer Instandsetzung des Unfallfahrzeugs ein Minderwert deshalb verbleibt, weil für den Fall des Weiterverkaufes des Fahrzeuges der Käufer in Kenntnis des vorhandenen Unfallschadens den Kaufpreis drückt“.

Da allerdings im konkreten Fall lediglich eine minderwertige Teilreparatur erfolgt sei, fehlte es bereits an der Voraussetzung einer vollständigen und ordnungsgemäßen Instandsetzung des Unfallfahrzeuges. Letztendlich hatte die Berufung der Klägerin bezüglich des weiter geltend gemachten Wertes der Teilreparaturkosten zum Großteil Erfolg. Lediglich die merkantile Wertminderung wurde nicht zugesprochen.

(ID:368971)