Werkstatt hat Beratungspflicht

Autor / Redakteur: autorechtaktuell.de / Gerd Steiler

Bei einer Kfz-Inspektion muss die Werkstatt den Kunden auf empfehlenswerte Wartungsmaßnahmen hinweisen, auch wenn diese vom Hersteller nicht vorgegeben sind.

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Bei einer Kfz-Inspektion muss die Werkstatt den Kunden auf empfehlenswerte Wartungsmaßnahmen hinweisen, auch wenn diese vom Hersteller nicht vorgegeben sind. Kommt die Werkstatt dieser Beratungspflicht nicht nach, so muss sie unter Umständen die Kosten für unerwartet auftretende Fahrzeugschäden tragen. So hat das Amtsgericht (AG) Halle in einem aktuellen Urteil (Urteil vom 21.7.2011, AZ: 93 C 1407/10) entschieden.

Im vorliegenden Fall hatte ein Autofahrer (Kläger) sein Fahrzeug vor Antritt einer längeren Fahrt zur Inspektion in die Kfz-Werkstatt (Beklagte) gebracht. Ein Servicemitarbeiter tauschte nach den Inspektionsvorgaben des Herstellers den Zahnriemen aus, nicht aber die Spannrolle. Der Austausch der Spannrolle war vom Hersteller auch nicht ausdrücklich empfohlen. Das Fahrzeug des Kunden blieb nach einer Laufleistung von weiteren 2.000 Kilometern aufgrund einer defekten Spannrolle mit Motorschaden liegen. Daraufhin klagte der Autofahrer beim Amtsgericht Halle gegen die Kfz-Werkstatt auf Schadenersatz.

Zwar kam das Gericht in seinem Urteil nicht zu dem Ergebnis, dass die Werkstatt den Defekt der Spannrolle schon bei der Inspektion hätte erkennen müssen. Dennoch aber sei die Werkstatt „aufgrund ihres Wissensvorsprungs“ dazu verpflichtet, ihren Kunden bei einer Inspektion darauf hinzuweisen, dass bei steigender Laufleistung, die Wahrscheinlichkeit eines Spannrollen-Defekts steigt und deshalb der Austausch der Spannrolle - trotz fehlender Herstellervorgabe - empfehlenswert ist. Der Kunde hätte dann entscheiden können, ob er den Austausch der Spannrolle vornehmen lassen möchte oder nicht. Aufgrund dieses Beratungsfehlers erkannte das Amtsgericht Halle auf einen Schadensersatzanspruch des Klägers in Höhe der entstandenen Reparatur- und Rechtsverfolgungskosten.

Auszüge aus der Urteilsbegründung

„Zwar gibt es, wie der Sachverständige überzeugend ausgeführt hat, von Hyundai keine Vorgabe, dass bei der nach 90.000 Kilometern oder sechs Jahren fällig werdenden Inspektion die Spannrolle ausgetauscht werden muss. Daher stellt die unterlassene Auswechslung der Spannrolle als solche keine Pflichtverletzung der Beklagten dar. Im Gegenteil hätte der Geschädigte der Beklagten schlimmstenfalls Pflichtverletzung und „Abzocke“ avorwerfen können, wenn sie trotz fehlender Vorgabe des Herstellers einfach die Spannrolle gewechselt und damit für den Geschädigten weitere Kosten verursacht hätte. Das Gericht geht auch nicht davon aus, dass die Beklagte die Spannrolle bei der Inspektion nur unzureichend geprüft hat. Der Sachverständige führte überzeugensd aus, dass nach eine Laufleistung von weiteren 2.000 Kilometern durchaus ein Defekt an der Spannrolle auftreten könne, der vorher noch nicht vorhanden war. Deshalb kann nicht festgestellt werden, dass die Beklagte bei der Inspektion einen Defekt an der Spannrolle übersehen hat.

Eine Pflichtverletzung der Beklagten liegt aber darin, dass sie den Geschädigten bei der Inspektion nicht ausreichend beraten hat. Die Beklagte hätte den Geschädigten aufgrund ihres Wissensvorsprungs darauf hinweisen müssen, dass bei steigender Laufleistung, die Wahrscheinlichkeit eines Spannrollen-Defekts steigt und deshalb der Austausch der Spannrolle - trotz fehlender Herstellervorgabe - empfehlenswert ist. Dies belegen die überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen. Dieser hat ausdrücklich bekundet, dass viele Werkstätten auch unabhängig von Herstellervorgaben einen Wechsel der Spannrolle empfehlen und dass es auch im konkreten Fall angebracht gewesen wäre, eine derartige Empfehlung zu geben. Ob dann trotz fehlender Herstellervorgabe die Spannrolle tatsächlich gewechselt werden soll, muss letztlich der Kunde entscheiden ... Das Gericht geht aufgrund des Sachverständigengutachtens jedenfalls davon aus, dass der Motorschaden nicht eingetreten wäre, wenn die Spannrolle gewechselt worden wäre. Deshalb steht dem Kläger Schadenersatz in Höhe der entstandenen Reparatur- und Rechtsverfolgungskosten zu.“

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