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100 Jahre Mazda: Vom Korkersatzstoff zum MX-5

| Autor: Steffen Dominsky

In einem Jahrhundert hat Mazda eine schillernde Geschichte erlebt. 1920 startete das Unternehmen mit der Herstellung von Kork-Ersatz und entwickelte sich zum ersten Autobauer, der auf den Wankelmotor setzte. Weitere Besonderheiten folgten.

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Die Familie Frey aus Gersthofen bei Augsburg betreibt das weltweit größte Mazda-Museum.
Die Familie Frey aus Gersthofen bei Augsburg betreibt das weltweit größte Mazda-Museum.
(Bild: Dominsky/»kfz-betrieb«)

Wie oder über welche Umwege so manches Unternehmen in grauer Vorzeit zum Bau von Automobilen kam, ist ein interessantes Beobachtungsfeld. Während Opel einst mit der Fertigung von Nähmaschinen begann, produzierte ein Unternehmen namens Toyo Cork Kogyo Co. im fernen Japan ab 1920 einen Korkersatzstoff – der Naturstoff war nach Ende des Ersten Weltkriegs ein teures und seltenes Gut. Ein Jahr später war die Korkversorgung jedoch bereits wieder problemlos möglich. Auf der Suche nach einem alternativen Produktionsgut ernannte der Dichtstoffhersteller den innovationsfreudigen Industriellen Jujiro Matsuda zu seinem Präsidenten. Und der stellte die Produktion prompt auf modernen Maschinenbau um.

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1930 stellte das Unternehmen aus Hiroshima den Prototypen eines motorisierten Lastendreirads vor. Von da an verwendete man auch den Namen „Mazda“ für seine Produkte. Dieser stammt von Ahura Mazda, die höchste zoroastrischen Gottheit der Weisheit und Erkenntnis. Er wird im Japanischen ähnlich ausgesprochen wie der Name von Firmenchef Matsuda. Unter dem Namen „Mazda-Go“ entwickelte sich der Motorwagen ab 1931 zum ersten Bestseller des Unternehmens. Als Mazda „Green Panel“ verfügte der Transporter 1938 über ein revolutionäres Vierganggetriebe, das den Benzinverbrauch um 20 Prozent reduzierte.

Der Kreiskolbenhersteller weltweit

Die Serienfertigung des 1940 gezeigten ersten Mazda-Pkws verhinderte der Zweite Weltkrieg. Von der Zerstörung durch den Atombombenabwurf 1945 blieb das Werk verschont und konnte so die Produktion von Nutzfahrzeugen umgehend wieder aufnehmen. Dabei, also bei Lastenrädern und kleinen Nutzfahrzeugen, blieb es bis 1960. Erst da stellte Mazda mit dem winzigen R360 Coupé, das dem damals neuen japanischen Kei-Car-Segment entsprach, sein erstes in Serie produziertes Automobil vor. Umso erstaunlicher, dass die Japaner nur ein Jahr später einen Lizenzvertrag mit NSU zur Produktion von neuartigen, kompakten und leichtgewichtigen Kreiskolbenmotoren abschlossen, dem Motorenprinzip von Namensgeber Felix Wankel.

In kurzer Zeit entwickelten die Mazda-Ingenieure daraufhin den futuristisch designten Cosmo Sport 110 S. Noch vor dem Ro 80 war er das weltweit erste Serienfahrzeug mit Zwei-Scheiben-Kreiskolbenmotor. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Technik: Nur Mazda gelang es, mehr als eine Million Fahrzeuge mit Kreiskolbenmotor zu verkaufen, darunter legendäre Modelle wie die Sportwagen RX-7 und RX-8. Die Zuverlässigkeit des Kreiskolbenmotors demonstrierte Mazda im Motorsport beim ultimativen Härtetest in Le Mans: Als erster japanischer Hersteller erzielte Mazda 1991 den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen mit dem Typ 787B, einem Vier-Scheiben-Kreiskolbenmotor.

Der Sprung nach Europa

Noch einmal zurück ins Jahr 1967: Damals wagte Mazda mit dem bei Bertone, Italien, gezeichneten Mittelklassemodell Luce (siehe Bildergalerie) und dem kompakten Familia den Sprung nach Europa und 1970 nach Nordamerika. Bereits auf der IAA 1969 stellte man ein Modellprogramm für den deutschen Markt vor, und drei Jahre später ging Mazda Deutschland an den Start. Mit Imageträgern wie der modernen Kompaktklasse 323, dem Mittelklasse-Bestseller 626 und Sportwagen mit Kreiskolbenmotoren feierte der damals zehntgrößte Automobilhersteller der Welt auch hierzulande große Erfolge. Im Jahr 1984 wurde dann aus Toyo Kogyo die Mazda Motor Corporation.

1992 eröffnete Mazda sein europäisches Forschungs- und Entwicklungszentrums in Oberursel bei Frankfurt – ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung von Modellen nach europäischem Geschmack. Bereits drei Jahre zuvor sorgte der MX-5 für einen gewaltigen Popularitätsschub auf dem alten Kontinent, ähnlich wie es der RX-7 allen voran in den USA vermochte. Der MX-5 war ein leichtgewichtiger puristischer Roadster, der aus Fahrer und Fahrzeug eine Einheit formt und so unverfälschten Fahrspaß vermittelt. Er kam auf den Markt, als offene Zweisitzer zu den aussterbenden Spezies zählten. Mazda dagegen war überzeugt, dass es für Fahrfreude immer einen Markt geben würde – heute, vier Modellgenerationen und über eine Million produzierte Fahrzeuge später, ist der MX-5 längst Kult und der meistverkaufte Roadster aller Zeiten.

Auch wenn Mazda mit seinen bislang 114 produzierten Fahrzeugmodellen und den entsprechend „nur“ 60 Millionen gebauten Einheiten nicht zu den ganz großen Autobauern weltweit zählt: Die Marke bereichert seit 60 Jahren den Automobilmarkt mit ihren Produkten – und wird das vermutlich auch noch viele weitere Jahrzehnte tun. Wer sich die ersten sechs Jahrzehnte Mazda-Geschichte einmal live und in Farbe ansehen möchte, dem sei ein Besuch des privaten Mazda-Museums von Walter Frey und seinen beiden Söhnen in Augsburg empfohlen.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group