Begeisterung oder Ablehnung – das waren die radikalen Reaktionen des Premierenpublikums zur Formensprache des Lancia-Adoptivkindes, dessen Linienführung das Centro Stile Fiat gefunden hatte. Dies unter Berücksichtigung von Entwürfen der Formenkünstler Giugiaro und Pininfarina. Eine geniale Kooperation, wie die Fachwelt sofort befand. Denn mit seiner exzentrischen Couture gewann der Y10 nicht nur die damals begehrteste italienische Designauszeichnung Torino-Piemonte, sie gab dem Italo-Stadtauto ein Gesicht bzw. ein aerodynamisches Kammheck, aus dem Ikonen gemacht werden.
Nur so gelang es dem individuellen und kostspieligen Super-Mini über alle Generationen bis zum aktuellen Ypsilon, zumindest in Italien verblüffende Verkaufserfolge zu erzielen. So konnte der Y10 bereits 1987 über 150.000 Zulassungen allein auf dem Heimatmarkt erzielen, während sich spätere Ypsilon-Generationen mehrfach als meistverkaufte dreitürige Pkws in Italien feiern ließen – trotz Konkurrenz durch die kleinen Fiat-Bestseller.
Noch vor diesen verfügte der Y10 über einen neuartigen Basis-Benziner, den sogenannten 45 Fire. Fire stand für „Fully Integrated Robotized Engine" – das Triebwerk wurde komplett von Robotern zusammengesetzt. Nach nur 30 Monaten wurde der später auch in Fiat Uno und Panda eingesetzte 33 kW/45 PS-Vierzylinder Produktionsmillionär – das war in der Geschichte der italienischen Motorenfertigung Rekord. Und auch mit einem Turbo-Triebwerk machte der Y10 Schlagzeilen.
Gerade einmal 62 kW/85 PS machten den 3,39 Meter kurzen Lancia damals zu einer Beschleunigungsrakete, die nach 9,5 Sekunden die 100-km/h-Marke passierte. Schneller waren nicht einmal die stärkeren MG Metro Turbo, Ford Fiesta XR-2 oder Peugeot 205 GTI. Und noch eine Spezialität: Allradantrieb schon ab 1986. Dieses bis auf Fiat Panda und Subaru Justy damals vor allem teuren Premium-Pkw wie etwa den Audi quattro und BMW ix-Typen vorbehaltene Luxusattribut unterstrich den Avantgardestatus des Y10. Dazu passend gab es ab 1989 auch eine stufenlose CVT-Automatik, bei Kleinwagen noch sehr selten, aber besonders von Frauen geschätzt.
Der Anfang einer Entwicklung hin zum Liebling der Damen. Diese favorisierten das designorientierte City Car auch in der 1996 präsentierten zweiten Generation (mit dem Namen Y) und der 2003 folgenden dritten Auflage (als Ypsilon) bis zum aktuellen, 2011 vorgestellten Ypsilon. Der nun dem Zeitgeist Tribut zollt durch fünf Türen und einen 0,9-Liter-Zweizylinder-Motor. Ganz anders noch die vorhergehende dritte Generation, die sich dem Retrotrend verschrieb mit einer Rückansicht, die den legendären Lancia Ardea aus dem Jahr 1939 zitierte.
Gleich in welchem Jahr, immer differenzierte sich der Mini-Lancia mit seinem ungewöhnlichen Styling und seiner anspruchsvollen Ausstattung von mageren Allerwelts-Kleinwagen oder niedlichen Knubbelautos. „Maßgefertigter Luxus“, nannte Lancia sein Lifestylekonzept. Schon ab 1996 konnten Y-Käufer aus über 100 verschiedenen Metalliclackierungen ihren Favoriten wählen, während eine beispiellose Vielzahl an Sonderserien unterschiedlichsten Modeströmungen und Kultmarken Rechnung trug.
Seien es die kleinen Elefanten, die an Lancias Motorsporttradition erinnerten, Cosmopolitan, Elle, Moda Milano oder Vanity, alle Sondermodelle fanden ihre Fans. Entsprechend begehrt ist in diesem Jahr zumindest in Italien auch das Jubiläumsmodell „30th Anniversary“. Was bleibt vom Ypsilon, wenn er aus den hiesigen Preislisten verschwindet? Er ist ein Sammlerfahrzeug, dem alle Fans italienischer Macchina nachweinen werden. Ein Lancia, auf den vielleicht eine goldene Zukunft in der Klassikerszene wartet, dort wo alle Modelle der Marke bereits heute begehrte Pretiosen sind.
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