Auto China: Veredelung in groß und protzig

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Wehner

Von wegen Fuchsschwanz und Spoilersatz: In China entwickelt sich ein Markt auch für exklusive Tuner und Veredler. Als Basis besonders hoch im Kurs stehen deutsche Qualitätsprodukte.

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Der Armadillo Conquistador basiert auf einem MAN-Lkw.
Der Armadillo Conquistador basiert auf einem MAN-Lkw.
(Foto: Armadillo)

Auf einer Freifläche hinter den tropisch heißen und überfüllten Messehallen der Auto China in Peking haben die Spezialisten für besondere Wünsche ihre luftigen Stände aufgezogen. Ausländer sieht man kaum noch und selten sprechen die Mitarbeiter überhaupt Englisch. Hier ist man unter sich und mitten im Herz einer Nische der chinesischen Autokultur. Denn mit der rasanten Motorisierung des Riesenlandes steigt auch das Bedürfnis, sich mit dem eigenen Auto von der Masse abzuheben und seiner Persönlichkeit - wie man im Marketing sagen würde - Ausdruck zu verleihen.

Noch ist es ein sehr spezieller Markt, denn Kunden der Oberklasse, die einen Porsche, Mercedes-Benz oder Rolls-Royce ordern, können ihre individuellen Vorlieben gleich bei den Herstellern bestellen. Und wer zum Beispiel ein in China populäres Modell der PSA-Linie DS kauft, dem genügt das französische Flair ab Werk. Bei Smart hingegen hat man gemerkt, dass die seit 2011 bestehende Kooperation mit Brabus Früchte trägt und der kleine Flitzer im Designeranzug noch mehr junge, hippe Großstädter anzieht.

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Brabus ist wie der bekannte deutsche Tuner Lorinser mit eigenen Ständen auf der Freifläche vertreten. Allerdings warten beide nicht mit sportlich aufgerüsteten Pkw auf, sondern mit durchweg schwarzen Vans von Mercedes-Benz. Großstadtchinesen verbringen ihre Zeit meist nah am Verkehrskollaps der Metropolen und wollen so bequem wie möglich im Stau stehen. Blickt man in das Innere eines im Reich der Mitte veredelten Sprinters, entdeckt man Ledermobiliar so üppig wie in der Lobby eines Luxushotels, einen großen Flatscreen-TV und genügend furnierte Holzflächen, um Fahrer britischer Prachtlimousinen die Augenbrauen heben zu lassen.

Chinesen lieben komfortable SUVs und bestellen begeistert die exquisiten Hochbeiner wie sie jetzt auch Bentley oder Maserati im Programm haben. Aber es gibt offenbar immer mehr Chinesen, die Abenteuer mit Luxus zu verbinden suchen. Sie wenden sich etwa an Alex Xian, den Chef von Armadillo. Auf den ersten Blick sehen sein Unimog und der MAN-Lkw eher martialisch aus. Dass sie nach Nato-Spezifikation gebaut wurden, begeistert ja auch tatsächlich seine Kunden.

Mischung aus Penthouse und rollender Yacht

Aber blickt man ins Innere, entdeckt man eine Mischung aus Penthouse und rollender Yacht. „Die meisten meiner Zulieferer stammen tatsächlich aus dem Bootsbau“, lacht Alex. „Die Dachluke kommt aus Holland, das Holzdeck aus Thailand“. Mehrere Millionen Renminbi, umgerechnet 500.000 Euro und mehr, sind seine Kunden bereit, für diese robusten Ungetüme in Tarnfarbe auszugeben. Stolz lässt er hinter die Verkleidung in der mobilen Küche blicken: gehobene deutsche Haushaltsware von Miele. Eine Wendeltreppe führt in den luftigen Oberstock des MAN-Trucks, wo eine mondäne Lounge mit versenkbarem Dach wartet. Daneben Solarpanele, falls man unerwartet in der Wüste Gobi etwas Zeit verbringen möchte.

Gut 25 Stück des MAN-Riesen hat er schon für seine chinesischen Kunden gebaut. Dass die Details der Inneneinrichtung so präzise und intelligent ausgearbeitet sind, führt er auf seinen deutschen Entwicklungschef zurück, der absolute Maßarbeit einfordert. Die Armadillo-Schöpfungen sind nicht für den Boulevard, sondern für extremes Terrain gedacht. Eine geschickte Trennung der Allradtechnologie vom Rohaufbau sorgt dafür, dass sich die Offroad-Yachten samt edler Einrichtung nicht im Gelände verbiegen. „Einer meiner Kunden ist mit so einem MAN gerade unterwegs. Er hat sich vier Monate Zeit genommen, um von China über Russland nach Europa zu fahren.“ Der nächste Interessent wartet schon: ein chicer junger Chinese im lilafarbenen Maßanzug. Und erste Deutsche haben sich auch schon bei Alex Qian gemeldet.

Luxus für chinesische Filmstars

Die Spezialität von Hunter Gao ist dagegen nicht robuste Exklusivität für die Wildnis, sondern verschwenderischer Luxus, der nur selten den Parkplatz verlässt. Sein Unternehmen Star Coach beliefert die meisten chinesischen Filmstars und bietet ihnen die großen Vans wie man sie von Ford oder General Motors kennt, aber jeweils mit einem Innenraum, der auch einem Modeschöpfer die Sprache rauben würde. Während Dreharbeiten können die Stars hier relaxen, sich schminken und umziehen oder bekochen lassen oder auch umgeben von Seide und edlen Hölzern ihren Text lernen. Statt dem üblichen Autogestühl laden beispielsweise Prunksessel ein, die mit Kaschmirstoffen des italienischen Spezialisten Loro Piana bezogen sind. Die Seide bezieht er von einem Zulieferer von Louis Vuitton. „Sehen Sie diesen Faden?“, fragt Hunter. Er ist besonders stolz darauf, dass die Kleider der Sitze mit Garnen des deutschen Traditionsunternehmens Gütermann zusammengenäht werden.

„Es ist richtig, dass unsere Wirtschaft gerade abkühlt, aber wir bedienen die Superreichen, die davon nichts zu spüren bekommen“, erklärt Hunter sein boomendes Geschäftsmodell. Und: „Unsere Regierung wird schon dafür sorgen, dass für die Zukunft eine kluge Politik gefunden wird.“ Auch der Verband der deutschen Automobiltuner (VDAT) weiß, welches Potenzial in China steckt. Nachdem das heimische Geschäft schwieriger wird, auch weil viele Tuner und Veredler von Herstellern aufgekauft wurden und die meisten jungen Leute ihr Auto auch nicht mehr so spendabel mit rassigem Zierrat bestücken wie früher, will man verstärkt in den USA und China Präsenz zeigen. Aber wie man bei der Auto China beobachten kann: Die Messlatte der neuen Kundschaft hängt schon sehr hoch.

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