Ente: 70 Jahre süß-saure Erlebnisse

„Toute petite voiture“ – das sehr kleine Auto

| Autor: Steffen Dominsky

Seit 70 Jahren fliegt sie: Die Ente feiert in diesem Jahr Jubiläum.
Seit 70 Jahren fliegt sie: Die Ente feiert in diesem Jahr Jubiläum. (Bild: Citroen)

Im Oktober 1948 erstmals auf dem Pariser Automobilsalon präsentiert, verblüffte bislang kaum ein anderes Fahrzeug so wie dieses. Das lag unter anderem an seinem ungewöhnlichen Aussehen, seiner ausgefallenen Konstruktion und seiner ausgeprägten Wirtschaftlichkeit und Vielseitigkeit. Die Ente erblickte das Licht der Welt – nun offiziell und zum Kaufen.

Bereits Mitte der Dreißigerjahre hatte Citroën mit dem Projekt eines preiswerten Volksautos begonnen, dem künftigen Citroën 2CV. Ein radikal minimalistischer Kleinwagen sollte entwickelt werden. „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter auf 100 Kilometer verbraucht“, sollen die Anforderungen an den Konstrukteur André Lefèbvre gelautet haben. Der Kriegsbeginn verhinderte die Vorstellung des neuen Volksautos, von dem 250 Prototypen als „TPV“ („Toute petite voiture“) gebaut wurden.

Das Symbol der Freiheit

Am 7. Oktober 1948 wurde der Citroën 2CV, ein im Vergleich zum TPV komplett überarbeitetes Modell, schließlich auf dem Pariser Salon präsentiert. Beim Anblick der Karosserie bezeichnete ein niederländischer Journalist das neue Modell als „hässliches Entlein“ und begründete mit dieser Aussage den insbesondere im deutschsprachigen Raum üblichen Spitznamen und den Kult des Citroën 2CV. „Eine Konservendose, Modell freies Campen für vier Sardinen“, urteilte die satirische Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“. Der Citroën 2CV bot ausreichend Platz, war unprätentiös, sympathisch, sparsam und eroberte so das Publikum. Er war Ausdruck einer neuen Philosophie des Individualverkehrs – ein Fahrzeug für die „kleinen Leute“ – und wurde schnell zu einem Symbol der Freiheit.

Aufgrund der knappen Rohstoffe konnte Citroën anfangs nur eine geringe Stückzahl der Ente produzieren. So entstanden kurzzeitig Wartelisten von bis zu sechs Jahren. Der Anschaffungspreis für den Citroën 2CV war sehr niedrig. Dank der einfachen Technik waren zudem die Unterhaltskosten relativ gering, der kleine Hubraum schlug sich in einer günstigen Steuerklasse nieder. Diese Faktoren trugen früh dazu bei, dass die Ente vor allem in Deutschland zum typischen Studentenauto avancierte und Ausdruck einer nonkonformistischen und konsumkritischen Lebenshaltung wurde.

Die Karosserie und das Fahrwerk

Der viertürige Stahlaufbau des Citroën 2CV war nicht selbsttragend konstruiert und wie die meisten Anbauteile mit dem Fahrgestell, einem Kastenrahmen, verschraubt. Statt eines festen Fahrzeugdachs aus Stahl war das Fahrzeug mit einem aufrollbaren Verdeck aus Vinyl ausgestattet. Die Einfachheit der gesamten Karosserie ermöglichte eine günstige Produktion.

Eine gute Geländegängigkeit und auch eine erhebliche Seitenneigung bei Kurvenfahrten zeichneten das Fahrverhalten des Citroën 2CV aus. Aufgrund der leichten Karosserie sowie des tiefliegenden Boxermotors und Tanks ergab sich ein günstiger Schwerpunkt, sodass ein Umkippen fast unmöglich war. Anfangs waren alle Fahrzeuge rundum mit Trommelbremsen ausgerüstet. Ab 1981 wurden vorne Scheibenbremsen eingebaut.

Die Motorisierung

Der neu entwickelte, luftgekühlte Zweizylinder-Boxermotor mit einem Hubraum von anfangs 375 cm3 leistete 6,6 kW (9 PS) und war erstmals serienmäßig mit einem Vierganggetriebe ausgerüstet. Es folgten zahlreiche weitere Entwicklungsstufen. Dabei hatte der ab 1970 in den Citroën 2CV6 eingebaute 602 cm3-Motor zunächst 21 kW (28 PS). Bei allen Citroën 2CV war es möglich, den Motor mit Hilfe der Wagenhebelkurbel zu starten.

Die erste Ausführung des Citroën 2CV mit 9 PS erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von rund 70 km/h. Die letzten Typen mit 29 PS Leistung schafften Spitzengeschwindigkeiten von 113 km/h. Die Ente ist eines der wenigen Fahrzeuge, deren Leistung der Basismotorisierung sich im Laufe der Entwicklungsstufen deutlich mehr als verdreifachte.

Der im Frühjahr 1951 eingeführte Lieferwagen auf 2CV-Basis („Kastenente“) unterschied sich von der Limousine ab der B-Säule durch einen kastenartigen geräumigen Laderaum. Die Beladung der Kastenente erfolgte über zwei Flügeltüren am Heck. Zum Einsatz kam der 2CV-Lieferwagen häufig im öffentlichen Dienst – beispielsweise beim französischen Straßenrettungsdienst oder als Postfahrzeug in Belgien.

Treuer Fankreis

Auch heute, 28 Jahre nach Produktionseinstellung, hat die Ente eine treue Fangemeinde, die sich in Form diverser Clubs und Interessengemeinschaften um die Pflege und den Erhalt des französischen Volkswagens kümmern. Als Dachverband deutscher 2CV-Freunde fungiert der CCRR, der Citroën-Club Rhein-Ruhr e.V. Ihn gibt es bereits seit 1968. Seit 2004 führen er, beziehungsweise entsprechende Ortsclubs, das „Deutschlandtreffen“ (DET) durch, das alle zwei Jahre stattfindet. Austragungsort heuer war die Trabrennbahn in Dinslaken. 664 Fahrzeuge aus 15 Nationen kamen zu dem Treffen.

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