FIVA sieht Vorbild-Charakter von Pirellis Reifenengagement

Produktion von Kleinchargen für Klassik-Fahrzeuge

| Autor: Steffen Dominsky

In Form seiner „Pirelli Collezione“ kümmert sich Pirelli auch um die Wünsche von Oldtimerbesitzern.
In Form seiner „Pirelli Collezione“ kümmert sich Pirelli auch um die Wünsche von Oldtimerbesitzern. (Bild: Pirelli)

Anders als mancher Mitbewerber engagiert sich der Reifenhersteller Pirelli im Klassikbereich – und das gleich mehrfach. So bieten die Italiener mit „Pirelli Collezione“ ein eigenes Sortiment an Reifen, das die Wünsche etlicher Old- und Youngtimer-Besitzer erfüllt. Dabei legt der Hersteller nicht nur alte Profile und Größen einfach neu auf, sondern verbessert die Pneus auch technologisch – bei klassischer Optik versteht sich.

Zum anderen unterstützt Pirelli den technischen Beratungsdienst der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA), den Weltverband der Oldtimerclubs und -verbände mit Sitz in Brüssel. Er vertritt die Interessen von rund 1,5 Millionen Mitgliedern. Dessen Vizepräsident ist Mario Theissen, der frühere Motorsport-Chef von BMW. »kfz-betrieb« hat den ehrenamtlichen Klassik-Referenten und Mitglied im Sportausschuss des ADAC e.V. zu seiner Sicht auf die Entwicklung der Oldtimer-Szene in Deutschland befragt.

Dr. Mario Theissen, hier neben Rallye-Legende Walter Röhrl, ist Vizepräsident der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA), dem Weltverband der Oldtimerclubs und -verbände.
Dr. Mario Theissen, hier neben Rallye-Legende Walter Röhrl, ist Vizepräsident der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA), dem Weltverband der Oldtimerclubs und -verbände. (Bild: Pirelli)

Herr Theissen, verglichen mit anderen Mitgliedsländern in der EU: Was kennzeichnet die deutsche Oldtimer-Szene?

Mario Theissen: Sie weist seit Jahren ein sehr starkes Wachstum auf. Es gibt jährliche Steigerungsraten von zehn Prozent in den Zulassungszahlen sowie ein steigendes Angebot an Veranstaltungen, Rallyes und Messen. In Deutschland gibt es jährlich weit über 1.000 Events, davon mehr als 700 vom ADAC organisiert, dem nationalen Arm der FIVA. Zudem gibt es im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern in Deutschland eine eigene Zulassungsmöglichkeit für Oldtimer, zu erkennen am H-Kennzeichen.

Wie viele Oldtimer gibt es aktuell in Deutschland?

Derzeit sind über 430.000 Fahrzeuge mit einem Historien-H-Kennzeichen zugelassen. Die Kriterien für das H-Kennzeichen entsprechen im Wesentlichen der Definition der FIVA für ein historisches Fahrzeug: motorgetrieben, mindestens 30 Jahre alt, Erscheinungsbild und Ausstattung authentisch. Nicht erfasst sind Fahrzeuge, die ohne Zulassung in Sammlungen und Museen stehen oder mit Wechselkennzeichen betrieben werden.

Wie viele dieser Oldtimer sind jeweils Pkws, Motorräder und Nutzfahrzeuge?

Die Pkws haben mit über 381.000 Zulassungen den größten Teil an den H-Zulassungen. Motorräder machen nur knapp 20.000 Fahrzeuge aus, auch weil damit wegen des kleinen Hubraums keine Steuervorteile verbunden sind. Der Rest geht auf das Konto der Nutzfahrzeuge.

Wie viele Oldtimer in Deutschland sind mittels der FIVA-Identity-Card erfasst?

Derzeit haben circa 3.000 Fahrzeuge in Deutschland eine gültige FIVA-Identity-Card.

Welche Fahrzeuge mit FIVA-Indentiy-Card sind hierzulande die ältesten?

Die ältesten Fahrzeuge wurden vor 1900 gebaut.

Hat sich die hiesige Szene in den vergangenen zehn Jahren gewandelt?

Der Markt für klassische Fahrzeuge war ursprünglich von den Enthusiasten geprägt, die ihre Fahrzeuge überwiegend in Eigenregie gewartet oder restauriert haben. In den vergangenen Jahren wurden mehr und mehr Dienstleistungs- und Serviceangebote etabliert, sodass dieser Markt für jedermann zugänglicher geworden ist. Inzwischen werden klassische Fahrzeuge außerdem als Investitionsobjekte angeschafft.

Die FIVA setzt sich dafür ein, die Inhaber historischer Fahrzeuge vor Benachteiligungen durch Politik und Gesetzgebung zu schützen. Können Sie einige jüngere Beispiele nennen, in denen die FIVA die Gesetzgebung im Sinne der Inhaber historischer Fahrzeuge beeinflusst hat?

Die FIVA hat einige Arbeitskommissionen gebildet, unter anderem die FIVA Legislation Commission, in der sich drei- bis viermal pro Jahr die Experten der verschiedenen Verbände treffen und zu anstehenden Gesetzgebungsverfahren Position beziehen. Auf EU-Ebene ist die FIVA permanent vertreten und trägt die Interessen der Klassik-Szene in den entsprechenden Gremien vor, etwa in der Historic Vehicle Group des Europäischen Parlaments. So konnten in den letzten Jahren bei der Chemikalienverordnung REACH spezielle Erfordernisse für die klassischen Fahrzeuge erfasst werden. Bei Import und Exportregelungen sowie bei der europäischen Richtlinie für die regelmäßige technische Überwachung konnte die FIVA erfolgreich die Definition eines historischen Fahrzeugs einbringen und somit die Belange der Oldtimer-Szene in Gesetzgebungen einfließen lassen.

Welche reifenspezifischen Themen interessieren Oldtimer-Eigentümer besonders?

Im Fokus stehen besondere Eigenschaften spezieller Klassikreifen im Vergleich zu Standardreifen ähnlicher Größe sowie die Versorgung mit Reifen in entsprechender Qualität und Quantität für die jeweiligen Fahrzeuge, auch in seltenen oder speziellen Größen. Weitere wichtige Stichpunkte sind die kompetente Beratung beim Reifenhändler, eine korrekte Lagerung der demontierten Reifen und Räder sowie die korrekte Behandlung der am Fahrzeug montierten Reifen/Räder, speziell bei längeren Standzeiten.

Pirelli ist Exklusivpartner der FIVA. Nach welchen Kriterien sucht die FIVA ihre Partner aus?

Die FIVA sucht Partner, die mit ihren Produkten in der Klassik-Szene engagiert sind, über eine hohe Reputation verfügen, die Arbeit des Verbandes unterstützen und den FIVA-Mitgliedern mit ihrem Know-how als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Wie bewerten Sie die Pirelli Collezione? Für diese Produktserie entwickelt der Konzern in enger Abstimmung mit Automobilherstellern Reifen mit dem Look und dem Fahrgefühl von einst, kombiniert mit moderner Reifentechnik.

Dieser von Pirelli mit Porsche eingeschlagene Weg ist der beste Ansatz für leistungsstarke Fahrzeuge und sollte auf weitere interessierte Hersteller ausgedehnt werden. Daneben ist es wichtig, auch für den Volumenmarkt technisch aktuelle Reifen mit klassischem Profil anzubieten, die eben nicht auf bestimmte Fahrzeugtypen optimiert sind.

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