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Ganzjahresreifen: Vor dem Winter ist Beratung gefragt

| Autor: Jan Rosenow

Immer mehr Autofahrer werden bald mit den negativen Seiten ihrer Ganzjahresreifen konfrontiert: Das Profil wäre noch für eine Sommersaison gut, doch jetzt kommt erst einmal der Winter. Werkstätten sollten den Kundenkontakt suchen.

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(Bild: Jan Rosenow/»kfz-betrieb«)

Der Marktanteil von Ganzjahresreifen liegt auf einem historischen Höchststand: In der Autofahrerbefragung „Trend-Tacho“ von »kfz-betrieb« gaben 28 Prozent der Teilnehmer an, Allwetterreifen zu nutzen; der ADAC kam bei einer Umfrage auf 25 Prozent. Auch wenn diese Zahlen überhöht erscheinen mögen, weil manche Autofahrer auch ihre den Sommer hindurch gefahrenen Winterdecken als Ganzjahresreifen einschätzen, so zeigt sich doch: Immer mehr Autofahrer ziehen die Bequemlichkeit der Sicherheit vor und verzichten auf den jahreszeitlichen Reifenwechsel.

Das bedeutet aber nicht, dass sie vollkommen wartungsfrei unterwegs sind – und darauf sollten Kfz-Betriebe ihre Kunden auch unbedingt hinweisen. Denn mit der zunehmenden Zahl von Ganzjahresreifennutzern steigt auch die Zahl der Autofahrer, die vom Vier-Millimeter-Dilemma betroffen sind. Das heißt: Ihr Profil wäre zwar locker noch für mindestens eine Sommersaison gut, doch jetzt kommt erst einmal der Winter. Und da gelten vier Millimeter Restprofil als die Untergrenze für sicheres Fahrverhalten.

Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestprofiltiefe in Deutschland beträgt zwar 1,6 Millimeter. Praktisch alle Verkehrssicherheitsexperten sowie die Reifenindustrie (außer Michelin) empfehlen jedoch, eine Profiltiefe von 4,0 Millimetern bei Winterreifen nicht zu unterschreiten. So erklärt etwa Christian Koch, Reifensachverständiger bei Dekra: „Ein Reifen kann seine Leistungsfähigkeit nur dann ausspielen, wenn er eine ausreichende Profiltiefe aufweist. Insbesondere die Leistungsfähigkeit bei Aquaplaning und der Schneegriff lassen bei geringer Profiltiefe zu wünschen übrig. Auch der beste Reifen greift mit 1,6 Millimetern schlechter als mit vier Millimetern Profil.“

Untersuchungen von Continental an Winterreifen zeigen diesen Effekt: Mit vier Millimetern Restprofil steigt der Bremsweg auf Schnee um 14 Meter gegenüber einem Neureifen. Ein bis auf 1,6 Millimeter abgenutzter Gummi braucht schon 26 Meter mehr (aus 50 Stundenkilometern).

Auf die Schneeflockenmarkierung kommt es an

In einem Land, das jedes Jahr von vielen Winterurlaubern aufgesucht wird, hat die Vier-Millimeter-Grenze sogar Gesetzeskraft: In Österreich erfüllt ein Winterreifen mit weniger Restprofil nicht die Winterreifenpflicht. Verstöße können hohe Bußgelder nach sich ziehen. Das gilt selbstverständlich auch für Ganzjahresreifen. Und an eine weitere gesetzliche Regelung müssen Ganzjahresreifennutzer denken: Reifen, die seit 2018 produziert wurden, gelten nur dann als wintertauglich, wenn sie mit dem Schneeflockensymbol gekennzeichnet sind. Das besitzen zwar die meisten Allseason-Produkte, aber eben nicht alle.

Der unangenehme Nebeneffekt des Booms bei den Ganzjahresreifen ist, dass dadurch künftig zahllose Decken im Recycling landen werden, deren Restprofil noch für mindestens 10.000 Kilometer gut wäre. Dieser Verlust an Laufleistung muss den Kunden klar kommuniziert werden, wenn sie sich für Ganzjahresreifen interessieren. Zwar wäre es denkbar, den Reifen zu demontieren und im nächsten Sommer wieder einzusetzen, doch in der Praxis dürfte das nicht wirtschaftlich sein.

Beim Wintercheck nicht nur auf die Reifen achten

Die Werbung für den jahreszeitlichen Reifenwechsel, die viele Kfz-Betriebe derzeit gerade an ihre Kunden schicken, sollte in etwas abgewandelter Form auch an die Ganzjahresreifennutzer gehen. Neben dem Blick auf die Pneus gibt es zudem noch viele weitere Gründe, die für einen jahreszeitlichen Check der Kundenfahrzeuge sprechen.

  • Batterie und Beleuchtung: Die Starterbatterie ist für 42 Prozent der Fälle verantwortlich, in denen die Pannenhelfer des ADAC ausrücken müssen, um ein streikendes Fahrzeug zum Laufen zu bringen. Ein Batteriecheck könnte solch einem unangenehmen Erlebnis vorbeugen. Und dass in der dunklen Jahreszeit eine funktionierende Beleuchtung wichtig ist, leuchtet im wahrsten Sinne des Wortes ein.
  • Frostschutz in der Kühlanlage: Bei unzureichendem Frostschutz drohen Schäden am Motor und dem Kühlsystem.
  • Fahrwerk: Nach dem Sommerhalbjahr, in dem das Fahrzeug möglicherweise durch die Urlaubsreise stark belastet wurde, sollten Fahrwerk- und Lenkungsteile, Dämpfer und Bremsen auf Schäden und Verschleiß geprüft werden. Besonders die Lenkmanschetten: Sind sie undicht, könnte eindringendes Salzwasser für teure Folgeschäden sorgen.
  • Zubehör: Wo war jetzt nochmal der Eiskratzer? Auch Gummipflegestifte, Türschlossenteiser, Scheibenfrostschutz und andere Hilfsmittel gehen in der Wintersaison wie „warme Semmeln“. Kluge Kfz-Betriebe packen hier ein schönes Komplettset und vermarkten es aktiv.

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 Jan Rosenow

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, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE