Ghosn erneut verhaftet – Anwalt spricht von „Geiselnahme“

Neue Vorwürfe gegen den Manager

| Autor: dpa

Eigentlich wollte Carlos Ghosn am 11. April zur Presse sprechen, um „die Wahrheit“ zu sagen. Daraus wird jetzt wohl nichts.
Eigentlich wollte Carlos Ghosn am 11. April zur Presse sprechen, um „die Wahrheit“ zu sagen. Daraus wird jetzt wohl nichts. (Bild: Donación de Vehículos Nissan a la Casa del Adolescente / Gobierno Aguascalientes / CC BY-SA 2.0)

Der frühere Chef von Renault, Nissan und Mitsubishi, Carlos Ghosn, ist in Japan erneut festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft nahm den vor nicht einmal einen Monat auf Kaution freigelassenen Automanager am frühen Donnerstagmorgen (Ortszeit) in Untersuchungshaft. Diesmal wirft sie ihm Missbrauch von Geldern des japanischen Autokonzerns Nissan zugunsten eines Vertriebspartners im arabischen Oman vor.

Der japanische Anwalt des 65-jährigen Ghosn, Junichiro Hironaka, bezeichnete den inzwischen vierten Haftbefehl gegen Ghosn als „extrem unangemessen“. Es sei völlig unverständlich, warum Ghosn jetzt erneut festgenommen werden müsse. Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft verglich der Staranwalt mit einer „Geiselnahme“.

Ghosn hatte erst am Mittwoch eine Pressekonferenz für den 11. April angekündigt. „Ich bereite mich darauf vor, die Wahrheit darüber zu sagen, was passiert“, schrieb er auf Twitter. Der Architekt des Autobündnisses mit Nissan war in Japan am 19. November in Tokio wegen angeblichen Verstoßes gegen Börsenauflagen in Untersuchungshaft genommen worden. Zudem soll er private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Er wurde angeklagt und erst nach wochenlanger Untersuchungshaft kürzlich gegen Kaution entlassen.

Diesmal wirft ihm die japanische Staatsanwaltschaft einen weiteren Vertrauensbruch vor. Er habe Nissan Verluste von 563 Millionen Yen (umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro) verursacht. Die neuen Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sollen im Zusammenhang mit der Verwendung eines Teils der Gelder an einen Vertriebspartner in Oman stehen.

Auch Renault erhebt neue Vorwürfe gegen Ghosn

Dieser soll seit 2012 insgesamt 3,5 Milliarden Yen aus einer sogenannten Chef-Reserve von Nissan erhalten. Bei dieser Reserve handelt es sich Berichten zufolge um einen Fonds, über den Ghosn zur fraglichen Zeit nach eigenem Belieben verfügen konnte. Einige der Gelder sollen demnach über die von einem Vertreter des Vertriebspartners betriebene Investitionsfirma Good Faith Investments an eine von Ghosns Frau vertretene Firma geflossen sein. Laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo könnte das Geld unter anderem für den Kauf einer Jacht für Ghosns Familie ausgegeben worden sein.

Auch Renault greift seinen früheren Konzernchef mit neuen Vorwürfen an. Dabei gehe es ebenfalls um Zahlungen an einen Vertriebspartner des Autoherstellers in der Region des Mittleren Ostens, wie Renault erst am Vortag mitteilte. Die Informationen seien bereits an die französische Justiz weitergegeben worden. Der Verwaltungsrat sprach in allgemeiner Form von „anfechtbaren und versteckten Praktiken“.

Zweifelhafte Zahlungen soll es zudem bei der gemeinsamen Tochtergesellschaft mit dem Allianzpartner Nissan gegeben haben. Auch im Gemeinschaftsunternehmen mit Nissan, der RNBV mit Sitz in Amsterdam, soll es laut Renault Versäumnisse gegeben haben. Zweifelhafte Zahlungen könnten zusammen mehrere Millionen Euro erreicht haben. Die Überprüfungen dazu seien aber noch nicht endgültig abgeschlossen. Der Hersteller behielt sich vor, die Justiz einzuschalten, falls seine Interessen verletzt worden seien.

Pariser Minister sichert Ghosn konsularischen Schutz zu

Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire hat Ghosn unterdessen konsularischen Schutz Frankreichs zugesichert. Der frühere Renault-Chef sei aber der Gerichtsbarkeit unterworfen wie alle anderen auch, sagte Le Maire am Donnerstag den Sendern RMC und BFMTV.

Dem französischen Sender LCI sagte Ghosn vor seiner erneuten Verhaftung, er appelliere an die französische Regierung, ihn zu verteidigen. Er sei als Bürger im Ausland in ein „unglaubliches Räderwerk“ geraten. In einer Erklärung, die in Paris nach seiner Verhaftung verbreitet wurde, teilte der Manager mit: „Ich bin unschuldig.“ Seine erneute Verhaftung sei „empörend und willkürlich“.

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